Dienstag, 10. Mai 2011

Noctambule II: Nur ein kurzer Besuch

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Miriam hielt den Atem an. Sie hatte kaum eine Bewegung gesehen, aber nun stand Anya hinter der Tür an die Wand gepresst und legte erneut den Finger auf die Lippen. Wie konnte das sein? Wieso hatte sie überhaupt nichts gesehen?
"Miriam? Geht es dir gut, Kind?" rief Mamas besorgte Stimme durch die Tür. Miriam hatte nicht abgeschlossen und so öffnete ihre Mutter die Tür und trat einen Schritt in das Zimmer. Erleichtert sah sie Miriam auf dem Stuhl sitzen und sah sich im Zimmer um.

"Du hast geschrien und es hat einen fürchterlichen Schlag getan." erklärte Mama fragend. Kritisch musterte sie die roten Wangen und leuchtenden Augen ihrer Tochter. Miriam nickte hastig.
"Hab ich dich geweckt? Verzeih bitte. Ich bin mit dem Kleid hängen geblieben, gegen den Stuhl gepoltert und erschrocken." erklärte sie und blieb damit gefährlich nah an der Wahrheit. Sie hoffte nur inständig, dass Mama die Tür einfach wieder hinter sich zu ziehen würde und nicht noch ins Zimmer herein kommen wollte. Miriam kannte ihre Tür. Noch hielt Mama die Tür ja fest, aber wenn man diese elende Tür los ließ, dann neigte sie dazu, knarrend wieder zuzufallen und damit Anyas Versteck zu lüften.
Ihre Mutter betrachtete sie immer noch prüfend. Schließlich schob die die roten Wangen auf den Schreck und nickte langsam.
"Zeit ins Bett zu gehen, junge Dame. Wir beide werden morgen ein längeres Gespräch führen." Obwohl ihre Worte wie eine Drohung klangen lächelte sie ihre Tochter liebevoll an.
"Ist gut, Mama. Ich gehe schlafen." erklärte Miriam artig und erwiderte das Lächeln ebenso liebevoll. Dann zog Mama die Tür sorgfältig zu. Miriam atmete erleichtert auf und sackte leicht zusammen.
Hinter der Tür erschein Anyas schönes, blasses Gesicht wieder. Miriam biss sich auf die Lippen. Dort im Halbdunkel wirkten Anyas Augen irgendwie katzenartig und noch immer konnte sich Miriam nicht erklären, warum Anya viel mystischer wirkte als früher.
"Komm zu mir auf das Bett, Anya. Erzähl mir, was geschehen ist!" raunte sie und rutschte bereits selbst auf die Bettkante, um einladend neben sich zu klopfen. Anya folgte der Aufforderung und griff erneut nach Miriams Hand. Intensiv musterte sie das Gesicht ihrer jungen Freundin und versuchte herauszufinden, ob Miriam von der Wahrheit nicht überfordert würde.
Sie wusste es nicht genau. Aber sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen. 'Willkommen im Leben, Miriam', dachte sie für sich und begann zu berichten.
"Ich wurde entführt, Miriam." Das junge Mädchen riss die Augen auf.
"Dann ist es also wahr, was Sergej damals gesagt hat! Du lieber Himmel! Von wem und warum?" Anya bekam alleine bei dem Gedanken an George eine kalte Gänsehaut nach der anderen.
"Von einem sehr alten Feind Armands. Er heißt George Squire und versuchte mit meiner Entführung Armand in eine Falle zu locken und ihn zu töten." Miriams Mund klappte auf. Sprachlos starrte sie Anya an, unfähig überhaupt ihre wirren Gedanken zu ordnen. Nur durch das Halten Miriams Hand spürte Anya wie sich der Puls des Mädchens beschleunigte.
"Aber.. aber.. Armand lebt doch?" Miriam hatte begonnen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Sie glaubte, Armand im Schatten gesehen zu haben, aber nun war sie sich gar nicht mehr sicher. Mit bebenden Lippen hing sie an Anyas Lippen und drückte ihre Hand immer fester.
"Ja, er lebt und es geht ihm wieder gut. Er wurde verletzt aber ist wieder gesund." Anya lächelte beruhigend, doch Miriam war noch nicht überzeugt, wenn auch ein wenig erleichtert.
"Und du? Du bist irgendwie verändert. Ist.. ist dir etwas .. passiert?" Miriam konnte kaum sprechen vor Aufregung und Sorge. Anya war gerührt, wie tief Miriam betroffen war. Ihr Hals war zugeschnürt und sie versuchte das Erlebte zu verdrängen. Es war einfach seltsam. Das erste Mal mit Armand war doch auch irgendwie gegen ihren Willen gewesen. Trotzdem hatte sie es schließlich doch gewollt und den ersten wirklichen Orgasmus ihres Lebens erlebt. Nicht so bei George.
Anya konnte nur nicken. Sie wollte es nicht aussprechen und senkte den Blick. Miriam verstand und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.
"Willst du sagen, dass dir.. dass er … hat er.. ich meine.." Anya hob ihre freie Hand und legte ihre Finger sanft auf Miriams Lippen. Sofort verstummte das Mädchen aber ihre Augen waren vor Schreck geweitet und füllten sich nun vor Mitgefühl mit Tränen.
"Ich habe es überlebt. Sergej konnte mich retten. Armand dagegen lief in die Falle. Aber nun sind wir alle wieder hier." lenkte sie das Gespräch in andere Bahnen. Es klappte, denn Miriam griff aufgeregt nach Anyas zweiter Hand.
"Also seid ihr Beide unschuldig, ja? Und Sergej auch? Hat dieser George all die Menschen umgebracht?" wisperte sie und ihre flüsternde Stimme quiekste dabei ein wenig.
"Das weiß ich nicht, Miriam. Aber ich habe gesehen, wie er den Herzog angriff und ihn sterbend neben den verletzten Armand auf die Straße warf. Sergej sagte, er habe den Herzog tot aufgefunden und konnte Armand retten und verarzten." Anyas Stimme wurde eindringlich. "Miriam, bitte glaub mir, Armand hat den Herzog nicht umgebracht und ich auch nicht! Im Gegenteil, Povignans versuchte sogar, George anzugreifen und ihn zu töten. Ich glaube, er hat ihn verletzt." Miriam riss Anya in ihre Arme und presste sich selbst an ihre Freundin.
"Ich glaube dir doch! Oh Gott, Anya! Du hast so entsetzliche Sachen erlebt und ich bin so froh, dass du wieder heil da bist!" Anya spürte, wie Miriams Körper zitterte und strich sanft über das braune Haar ihrer Freundin. Miriam ließ sie wieder los. Ihre Wangen waren wieder gerötet.
"Das müssen wir Papa erzählen! Dann weiß er, dass er nicht nur euch Unrecht getan hat, sondern mir auch!" Miriam war aufgeregt. Da Anya fragend den Kopf schief legte, begann nun Miriam mit ihrem Bericht und schloss mit der Drohung ihres Vaters, sie in die Kolonien zu schicken. Anya hörte gebannt zu und sackte zusammen.
"Du meinte Güte. Und du kennst den Mann nicht, den du heiraten sollst?" hauchte sie. Miriam schüttelte erbost den Kopf.
"Ich will nicht dort hin! Ich will den nicht heiraten! Aber ich kann doch nichts dagegen tun!" meinte sie hilflos. Die ganze Tragweite von Papas Beschluss wurde ihr wieder bewusst und Tränen glitzerten erneut in ihren Wimpern. Anya seufzte.
"Aber dort wärest du in Sicherheit, Miriam. Hier läuft tatsächlich ein Mörder herum. Und wir können unsere Unschuld nicht beweisen."
"Pah! Papa muss aber doch eure Schuld beweisen!" Anya seufzte wieder. Sie war ratlos. Wie sollte sie Miriam erklären, in welchen Schwierigkeiten Armand und sie wirklich steckten? Nachdenklich senkte Anya den Kopf und fuhr unbewusst mit der Zunge über ihre scharfen Reißzähne ohne dabei die Lippen zu öffnen.
"Weißt du was? Ich werde Papa holen und du kannst ihm gleich erklären, was passiert ist!" Miriam sprang voller Eifer auf. Die Hoffnung, dass nun alles gut werden würde, verlieh ihr leuchtende Augen und brachte ihren Puls erneut auf Hochtouren.
Anyas Hand packte Miriams Arm und riss das Mädchen mit erstaunlicher Kraft wieder zurück auf das Bett. Verblüfft plumpste Miriam in die Federn und stierte Anya an.
"Ja willst du denn nicht, dass sich alles aufklärt?" Anya schüttelte ungeduldig den Kopf und tauchte aus ihrem Grübeln wieder auf. Für einen Moment hatte sie überlegt, Miriam einfach mental zu beeinflussen und ihr einzureden, dass sie Anya, Armand und Sergej vergessen sollte. Das wäre eine sehr einfache Lösung. Sie hätte ihr auch noch suggerieren können, dass sie sich auf ihre Reise und die Hochzeit freut. Aber sie wusste nicht genau, wie lange diese Manipulation anhielt und zudem war sie viel zu egoistisch, um einfach auf ihre Freundin zu verzichten.
Nun lächelte sie leicht und strich der aufgeregten Miriam über die Wange.
"Noch nicht. Ich möchte nicht über Armand hinweg einfach etwas entscheiden. Er will George aufspüren und unschädlich machen, zusammen mit Sergej. Und dann werden wir uns absetzen und irgendwohin ziehen, wo uns niemand kennt." erklärte sie. Miriams Augen füllten sich schlagartig wieder mit Tränen.
"Aber das heißt ja, dass wir uns nie wieder sehen! Ich muss diesen Trottel heiraten und ihr zieht meilenweit weg!" empörte sie sich mit erstickter Stimme. Anya presste die Lippen zusammen.
"Nein, nicht unbedingt. Vertrau uns einfach Miriam. Ich werde auf dich aufpassen, versprochen!" Miriam hatte nicht das Bedürfnis, ihr Schicksal anderen zu überlassen. Sie wehrte sich ja schon gegen die Entscheidung ihres Vaters! Und nun sollte sie schon wieder die Hände in den Schoss legen und hoffen, dass Anya ihr half? Ausgerechnet Anya, die selbst genug eigene Probleme mit sich herumschleppte!
"Ich will nicht, dass du auf mich aufpasst! Ich passe selbst auf mich auf!" erklärte sie trotzig. Wieder seufzte Anya und stand auf. Sie strich Miriam noch einmal über die Wange und beugte sich dann zu ihr herunter, um sie zu umarmen.
"Ich muss wieder gehen, Miriam. Aber wir sehen uns bald wieder." meinte sie leise. Miriam hielt Anya fest, als wollte sie ihre Freundin nie wieder gehen lassen. Eine Weile sah sie in das Gesicht ihrer Freundin und kämpfte mit sich selbst, gab aber schließlich seufzend auf. Tapfer stand sie auf und öffnete das Fenster wieder.
"Komm so schnell es geht wieder. Sonst denke ich, dir ist etwas zugestoßen." bat Miriam. Anya nickte und schwang sich auf das Fensterbrett. Sie hauchte Miriam einen Luftkuss zu und sprang einfach in die Dunkelheit. Miriam hielt erschreckt die Luft an und stürzte zum Fenster. Aber unter ihrem Fenster lag keine zertrümmerte Anya auf der Straße. Sie war katzenartig gelandet, weich abgefedert und so schnell in den Gassen Marseilles verschwunden, dass Miriam sich überlegte, ob sie dies alles geträumt hatte.

Kommentare:

  1. Das ging ja gerade noch mal gut mit Mama. Und Anya wird also auf Miriam aufpassen? Das klingt doch nach einem Plan. Fragt sich nur, wie sie das machen will.

    Aber nun muss Anya sich auch vor die Frage stellen, wie aufrichtig sie zu Miriam sein will. Der Sprung aus dem Fenster war schon ziemlich leichtsinnig.

    Gruß
    Joe

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  2. ich bin immer noch dafür das miriam mit sergej zusammenkommt

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