Freitag, 6. Mai 2011

Noctambule II: Armand wird verhaftet...

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Paul Saint Lechaivre war immer schon ehrgeizig gewesen. Bereits in seiner Kindheit hatte er begriffen, dass er als Bürgerlicher unbedingt gute Beziehungen in höhere Kreise brauchte, um etwas erreichen zu können.
Er hatte die Kontakte seines Vaters sorgfältig gepflegt und schnell herausgefunden, dass er nur die Richtigen umschmeicheln musste, um seinen Zielen näher zu rücken.

Lechaivre war völlig von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Seine fast weibische Freude an schöner Kleidung und guten Stoffen hatte ihm schnell den Ruf eines Schönlings eingebracht, den er mit Überzeugung ausbaute und bald stellte er fest, dass er, nachdem er bei den wichtigsten Häusern ein und aus ging wie es ihm beliebte, Vorbild etlicher junger Männer geworden war, die ihm in allem nacheiferten.
Er verbrachte Stunden vor dem Spiegel, um mit Hilfe seines Kammerdieners neue Falten seines Halstuchs zu kreieren und amüsierte sich darüber, dass schon zwei Tage später versucht wurde, seine neueste Schöpfung zu kopieren.
Er zog beinahe mehr Befriedigung aus diesem Hobby als aus seiner Arbeit, verlor aber seine beruflichen Ziele niemals aus den Augen.
Nun stand er kurz davor, den Gipfel seiner Karriere zu erklimmen. Seitdem er wusste, dass der Kurier mit seiner Ernennung zum obersten Befehlshaber der Marseiller Garde unterwegs war, durchlebte er euphorische Höhenflüge.
Niemand hatte diesen Posten bisher einnehmen können ohne selbst in der Garde gewesen zu sein, wenn er nicht gerade Herzog und Teil der königlichen Familie war. Ohne die Fürsprache des Comtes hätte Lechaivre sein Ziel wohl auch niemals erreichen können. Zumal die Einrichtung einer Behörde im Vormarsch war, die sich künftig um die Verbrechen in der Stadt kümmern sollte und die Aufklärung an sich reißen würde. Bis dahin musste er seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt haben, um die Leitung eben dieser Behörde übernehmen zu können, denn auch ihm war klar, dass er im Militär keine besondere Zukunft haben würde, ohne einen Rang zu bekleiden.

Lechaivre kannte wenig Skrupel, wenn es um das Erreichen seiner Ziele ging. Doch im Moment trat er ein wenig auf der Stelle was die Lösung der jüngsten Verbrechen betraf. Er hoffte inständig, dass der Kurier bald eintraf und man ihm seinen Posten nicht auf Grund der schleppenden Aufklärung doch noch streitig zu machen versuchte.
Die neuesten Ereignisse raubten ihm daher den verdienten Schlaf und trieben ihn an seinen pompösen Schreibtisch, den er in seiner Bibliothek hatte aufstellen lassen.
Er hatte sich seinen Hausmantel lässig übergeworfen und sein Halstuch gelockert. Die Weinkaraffe war bereits zur Hälfte geleert und seine juckende Perücke hing achtlos hingeworfen über dem Wasserkrug. Entspannt zurückgelehnt betrachtete er mit nachdenklichem Blick seine Aufzeichnungen.
Zwei Wochen lang waren immer mehr Verbrechen ans Tageslicht gekommen. Ungeklärte Todesfälle, die auf einen Massenmörder schließen ließen, Vermisstenanzeigen und schließlich der Überfall auf den Herzog.
Nicht dass er den Tod des Herzogs bedauerte. Er hatte diesen Mann, dem alles scheinbar schon als Geburtsrecht in den Schoß zu fallen schien, aus tiefster Seele verabscheut. Aber dieser Mord schrie nach Aufklärung und beunruhigte die Gesellschaft zutiefst. Noch nach seinem Tod übte der Herzog Druck auf ihn aus und das nahm er ihm übel.
In den Wochen seit Beginn seiner Untersuchungen war allerdings kein neuer Mord mehr verübt worden. Es schien, als sei der Herzog der abschließende Paukenschlag gewesen. Bis heute. Letzte Nacht hatte es einen neuen Mord gegeben und er war mit unverschämter Dreistigkeit verübt worden.
Lechaivre kratzte sich am Kopf und versuchte, ein Muster in den Todesfällen zu entdecken. Die Tote war als ehemalige Zofe im Hause des Comte identifiziert worden. Er verstand den Sinn nicht. Der Überfall auf den Herzog hätte durchaus der krönende Abschluss eines irren Mörders sein können. Nun machte dieser Verbrecher alles damit zunichte, dass er eine simple Zofe tötete. Wo lag darin der Sinn?
Für ihn war dieses letzte Verbrechen eine Kriegserklärung. Diese Leiche war nicht versteckt worden wie die anderen. Der Herzog war einfach liegen gelassen worden, was auf eine hastige Flucht schließen ließ. Die kleine Sofie hingegen war den Soldaten direkt vor die Füße geworfen worden. Genau vor dem Haus des Hauptverdächtigen.
Lechaivre grunzte unzufrieden. Er drehte sich im Kreis. Es wäre ihm eine tiefe Freude, diesen Sartous einzusperren. Er war ihm ein Dorn im Auge, seitdem er aufgetaucht war. Nicht nur, dass er äußerst geschmackvoll gekleidet war, alleine seine Größe und diese seltsame Ausstrahlung hatte Lechaivre sofort den Rang des bestaussehendsten Mannes der Gesellschaft streitig gemacht.
Allerdings musste er, wenn auch sehr ungern, zugeben, dass dieser letzte Mord überhaupt nicht zu dem Stil passte, den er von diesem Sartous erwartet hatte. Dieser Kerl war in allen Dingen stilvoll gewesen. Eine Leiche von einem Dach zu schubsen und damit die gesamte Garde zu verhöhnen, das konnte Lechaivre überhaupt nicht mit Sartous' Charakter vereinbaren.
"Was hast du vor, Sartous? Was hast du vor?" murmelte er grübelnd vor sich hin.
"Nun, eigentlich wollte ich mich nur ein wenig mit Euch unterhalten." Der Klang der tiefen, ruhigen Stimme riss Lechaivre aus seinem Sessel hoch.
Knarrend rutschte der schwere Sessel ein Stück nach hinten. Das Blut wich aus Lechaivres Gesicht und sein Herz hämmerte vor Schreck, als er im Halbdunkel seiner Bibliothek das blasse Gesicht des großen Mannes sah. Fassungslos rang er nach Luft. Alle Welt suchte nach diesem Kerl und er stand einfach in seinem Haus!
Lechaivre war zwar froh, dass sein Schreibtisch zwischen ihm und dem großen Mann war, der lässig an einem der Bücherregale lehnte und die Arme verschränkt hatte, aber sein Blick flog zu der einzigen Waffe, die ihm spontan einfiel: der Schürhaken am Kamin.
Armand hatte den Kopf leicht gesenkt und sein Gegenüber trotz der scheinbar entspannten Haltung aufmerksam betrachtet. Nun folgten seine schwarzen Augen der Blickrichtung Lechaivres und ein Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. Lechaivre bemerkte, dass seine Gedanken erkannt worden waren und räusperte sich nun, ohne noch einmal zum Kamin zu sehen.
"Wie seid Ihr hier herein gekommen?" fragte er noch immer fassungslos.
"Da ich nicht erwarten konnte, dass Ihr mir die Tür öffnet, wählte ich Euer Fenster, Monsieur. Da Ihr so freundlich wart, es offen zu lassen, wertete ich dies als Einladung." schnurrte sein ungebetener Gast. Lechaivre schluckte. Sein Hals war unangenehm rau geworden. Seine Bibliothek lag im zweiten Stock seines Hauses und er konnte sich nicht erklären, wie man überhaupt hinauf klettern konnte. Und wenn, dann hätte er außer Atem und seine Kleidung derangiert sein müssen.
Stattdessen wirkte Sartous, als käme er direkt von einem Empfang. Nun schnippte er ein imaginäres Staubkörnchen von seinem Ärmel und drehte sich leicht, um das Bücherregal zu betrachten.
"Ihr habt eine interessante Sammlung, Lechaivre. Robinson Crusoe von Defoe.. Rousseau und seine Abhandlung über moderne Musik.. ich sehe, Ihr seid auf dem neuesten Stand." Armand vertiefte sich immer mehr in die Titel, was Lechaivre ungläubig beobachtete.
"Rousseau ist ein schlauer Bursche. Ein wenig schüchtern, fand ich, aber durchaus talentiert.. oh, Lessing ist auch vorhanden. Ich verehre Lessing sehr. Hm, und der gute, ketzerische Diderot ist ebenfalls vertreten. Und das, obwohl er gerade seine paar Monate Strafe absitzt. Ihr überrascht mich. Habt Ihr denn eines dieser Werke hier gelesen?" Nun drehte Armand den Kopf wieder zu seinem unfreiwilligen Gastgeber, der spontan das Gefühl hatte, als wären seine Lippen ausgetrocknet und rissig.
"Mir.. mir fehlt im Moment die Zeit.." er biss sich auf die Zunge. Was zur Hölle tat er da? Er rechtfertigte sich vor einem Einbrecher! Mit einiger Anstrengung straffte er sich und versuchte, sich zu fassen.
"Ihr seid sicher nicht zu einem Pläuschchen in mein Haus eingedrungen, Monsieur! Ich verhafte Euch im Namen des Königs!" erklärte er laut. Armand, der gerade nach einem Buch greifen wollte, hielt in seiner Bewegung inne und drehte langsam den Kopf, um Lechaivre anzusehen. Er wirkte äußerst amüsiert, neigte neugierig den Kopf und hob eine Braue.
"Ist das so?" fragte er leise. Lechaivre verstand nicht genau warum, aber es war offensichtlich, dass dieser Kerl ihn überhaupt nicht ernst nahm.
"In der Tat! Ihr werdet beschuldigt, mehrere Morde begangen zu haben, unter anderem auch an dem Duc de Povignans! Ihr werdet mich nun begleiten, Monsieur, und ohne große Umstände das Gefängnis als neue Herberge für Euch akzeptieren!" bellte Lechaivre mit frischem Serlbstvertrauen, das durch Armands kurzes Lachen sofort wieder zusammenbrach. Er war sich nicht ganz sicher, ob er eben richtig gesehen hatte. Armands Zähne waren ihm für einen Sekundenbruchteil seltsam groß erschienen.

Kommentare:

  1. Das Verhaftet im Titel hätte man besser in Anführungszeichen gesetzt :) Ich denke irgendwie nicht, dass Armand sich damit zufrieden geben wird, sich von so einem Schnösel verhaften zu lassen.

    Wobei er ja durchaus an den allermeisten Morden nicht ganz unschuldig ist. Auch wenn man das bei einem Vampir wohl besser unter "Mundraub" einordnet als unter Mord :)

    Ich kann mir übrigens bestens vorstellen wie du recherchiert hast. Robinson Crusoe - ein so 'modernes' Buch war also damals schon raus? Es ist wohl eher Zeitlos, denn Modern. 1719 veröffentlicht. Ich bin echt überrascht.

    Und auch der Rest ist schön herausgesucht. Rousseaus Abhandlung... Lessing.. Allerdings kann ich über seine Haft gerade nichts finden. Dennoch zweifle ich nicht daran :) Er war zu der Zeit Student. Da kann man schon mal ein bisschen... ausrutschen.

    Was ich mich frage: Es sorum wie ich es gemacht habe zu verifizieren ist ganz einfach. Aber wie sucht man passende Ereignisse zu einem Jahr. Die Wikipedia Jahresseiten sind da sicher eine große Hilfe? :D

    Liebe Grüße
    Joe

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  2. Ich kanns kaum erwarten wie es weitergeht...*bibber zitter* :) LuLu

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