Montag, 12. November 2012

Joe Privat: Realsatire bei der Polizei

Gleich einmal vorweg: Die Polizisten in dieser Geschichte haben sich vorbildlich verhalten und sich an ihren Vorschriften elegant vorbei manövriert. Aber von Anfang an.
Das Geschehene ist schon eine Weile her, aber ich mochte bislang nicht davon erzählen. Doch heute kam mir die Story wieder in den Sinn.

Vor einiger Zeit segnete mein Schwiegervater überraschend das Zeitliche und neben all dem Kram, den so eine Beerdigung mit sich bringt, war es natürlich auch nötig, sich in der Wohnung, er lebte alleine, umzusehen.

Wir haben die Hauptarbeit einer professionellen Entrümpelungsfirma überlassen. Das kann ich übrigens nur jedem empfehlen. Meist ist in einer Wohnung ohnehin nicht viel von Wert. Beim Trödeltrupp oder sonstigen Formaten kann man nur allzu oft sehen, dass diejenigen Sachen, die man hoch einschätzt gerade einmal ein paar Euro bringen.
So haben wir es also so gemacht, dass wir uns zeitig in der Wohnung umgeschaut haben und alles was erkennbar von Wert war mitgenommen haben. Hierbei zählt natürlich bei einem Angehörigen auch der emotionale Wert, den beispielsweise ein Fotoalbum hat.

Wenn man alles was man noch behalten möchte, hochwertige Dinge, wie Elektrogeräte, Schmuck und Bargeld und natürlich die wichtigen Unterlagen, entfernt hat, kann man den Rest getrost den Profis überlassen. Uns hat das sehr geholfen und vieles vereinfacht. Nicht zuletzt weil der Schwiegervater nicht gerade um die Ecke gewohnt hat.


Soviel zum Allgemeinen und nun endlich zu dem, was ich eigentlich erzählen wollte:

Bei der Durchsicht der Wohnung kam eine Pistole zum Vorschein.

Eine alte Schreckschusspistole, höllisch verdreckt und vermutlich gar nicht funktionsfähig. Aber eben eine Schusswaffe. Dazu noch ein Päckchen Munition.

Nicht, dass ich nicht wüsste, wie man mit so etwas umgeht. Ich würde so eine Waffe sauber und geschmeidig bekommen, das habe ich beim Bund gelernt. Aber was soll ich damit?
Die Erinnerungen förderten zu Tage, dass dieses Gerät angeschafft worden war nachdem der Familienbetrieb einmal um die Tageseinnahmen erleichtert worden war. Das ist gute 20-25 Jahre her. Seitdem wurde das Teil lediglich an Silvester zur Unterstützung des Feuerwerks benutzt, wie auch der Aufgeschraubte und festgerostete Aufsatz verriet.

All das war natürlich vor einer Zeit in der selbst eine Schreckschusspistole registriert werden musste oder man gar eine kleine Waffenbesitzkarte für so etwas brauchte.

Niemand der Beteiligten wollte das Teil. Verständlicherweise, wie ich finde, denn auch ich halte Schreckschusswaffen für so ungefähr das Nutzloseste, was die Waffenkammer für den Privatmann zu bieten hat. Man kann damit, in einer Kampfsituation, ohnehin niemandem wirklich weh tun, gegen zwei Angreifer steht man auf jeden Fall dumm dar und im schlimmsten Fall erzeugt man beim Gegenüber eine Reaktion, die eine echte Waffe zu Tage fördert. Und wenn man schlussendlich tot auf dem Boden liegt, beruft sich der Andere auf Notwehr. Und tot kann man der Darstellung der Gegenseite so schlecht widersprechen. Kurzum: Wohin damit? Keiner wollte sie haben und die Sache blieb an mir hängen.

Ein Freund gab mir den Tipp das Ding mit einer Trennscheibe in drei Teile zu sägen und sie in drei verschiedenen Mülltonnen zu versenken. Dem wäre ich um ein Haar schon gefolgt, wenn nicht mein Gewissen geschrien hätte: "Das musst du ordentlich machen. Gib sie ab und sorg dafür, dass niemand damit je Schaden anrichtet."

Mein erstes Telefonat mit dem Ordnungsamt war sehr ernüchternd: "Kleine Waffenbesitzkarte? Da müssense zur Polizei."
"Entschuldigung, ich möchte die Waffe abgeben. Ich will sie nicht."
"Wenn sie eine Waffe besitzen müssen sie eine Karte dafür haben."
"... Schönen Tag noch."
Nächste Station: Polizei

Irgendwie war mir unwohl dabei bei den Uniformierten vorzusprechen und eine Waffe in der Tasche zu haben. Wie erwähnt, berechtigt das Ziehen einer Waffe die Gegenseite zu ebensolchem Verhalten und was die Polizei am Gürtel trägt ist ein echter Locher. Um jedes Missverständnis zu vermeiden, ließ ich die Waffe also im Auto und ging ins lokale Polizeirevier.
"Angenommen, ich hätte eine Schreckschusspistole in der Wohnung meines verstorbenen Schwiegervaters gefunden. Wie müsste ich da verfahren?"
"Guten Abend. Wenn sie eine kleine Waffenbesitzkarte haben wollen, müssten sie zur Bürozeit wiederkommen. Aber den Antrag kann ich Ihnen schon mitgeben."
Schon da war ich, gelinde gesagt, perplex. Niemand rechnete damit, dass jemand eine Waffe loswerden wollte. "Ich möchte die Waffe nicht. Sie ist alt und dreckig und ein Päckchen Munition ist dabei. Ich will dass das vernichtet wird, beides!" Große Augen auf Seiten der Polizisten. "Die könnte man doch noch verkaufen, wenn man sie sauber macht." "Und ich möchte sie nicht verkaufen. Zudem ist das Ding komplett wertlos. So etwas kostet neu heutzutage kaum 100 Euro. Und ich finde einfach, eine Waffe weniger ist eine gute Sache."
Die Augen der Polizisten wurden noch größer. Der Eine trug vier grüne Sterne auf der Schulter, was von einer langen Karriere zeugt. Aber auch er schien noch nie jemanden vor sich gehabt zu haben, der sich seiner Pistole entledigen wollte. "Eigentlich haben Sie da völlig recht. Aber... Ich weiß jetzt grad gar nicht wie das gehen soll." Da mischte sich der jüngere Kollege ein. "Doch doch. Die kann man irgendwie beim Ordnungsamt oder so abgeben, vielleicht auch beim Kreis. Das kostet dann 38 Euro Entsorgungsgebühr."

Jetzt war es an mir, große Augen zu machen. "Entsorgungsgebühr? Ernsthaft?" "Naja, so eine Waffe muss ja dann auch vernünftig verschrottet werden. Da gibt's Vorschriften. Besonders natürlich für Munition."
"Oh, das bestreite ich ja gar nicht, aber Ihnen sollte doch klar sein, dass das eine hohe Hürde stellt. Nicht, dass ich mir das nicht leisten könnte. Aber eigentlich sehe ich es nicht ein. In anderen Ländern gibt es Spielzeug oder sogar Geld heraus, wenn ich eine Waffe zur Vernichtung abgebe. Und Deutschland hat nach zwei Amokläufen in jüngerer Vergangenheit nichts Anderes zu tun, als Leuten Geld dafür abzuknöpfen, dass sie sich ihrer Schießprügel entledigen wollen?"
Nun kratzte der Ältere der beiden sich ratlos am Kopf. "Sie haben vollkommen recht. Und eigentlich ist das echt der falsche Ansatz." Kopfnicken von mir. Schulterzucken vom Kollegen, der dann vom klingelnden Telefon aus dem Gespräch abgezogen wurde.

"Wo haben Sie die Waffe denn."
Ich atme kurz durch. "Im Auto." Der Polizist schüttelte den Kopf: "Ich glaube da vorn liegt etwas auf der Wiese. Das gehört doch bestimmt nicht Ihnen?" Er deutet aus dem Fenster.
"Oh tatsächlich. Da liegt ja was im Gras.", bestätige ich nach einem kurzen Blick durch die Scheibe, die nichts weiter offenbarte, als dass draußen bereits Finsternis herrschte.
"Seien Sie doch so gut und bringen es mir herein. Dann kümmern wir uns darum."

Also habe ich das Teil aus dem Auto geholt, äh... aus dem Gras aufgelesen, und habe sie hinein gebracht.
"Wer wirft denn sowas direkt vor die Polizeistation auf den Boden?"
"Oh das weiß ich auch nicht. Aber ich denke, Sie kennen sich damit aus. Einen schönen Abend noch."
"Einen Schönen Abend auch Ihnen."

Und was nehme ich als Fazit mit? Wenn man sich nett unterhält, wird man eine Waffe umsonst quitt. Wenn man es richtig machen will, wird man vor einige Hürden gestellt, beginnend damit, dass es keine offizielle Stelle für diesen Zweck zu geben scheint. Die Google-Suche nach den Schlagworten "Waffe abgeben" fördert als einzigen offiziellen Treffer die Stadt Bremen zutage. Und drumherum viel Nutzloses und auch ettliche Resultate zu World of Warcraft.
Und um noch eines zu sagen: Natürlich war das für eine Schreckschusspistole vielleicht ein bisschen viel Aufwand. Aber wenn ich eine 9mm oder einen großen Colt gefunden hätte, wäre das Spiel vermutlich nicht anders gelaufen.

Kommentare:

  1. Unser System scheint ganz klar darauf ausgerichtet zu sein, den Bürgern Geld dafür abzuknöpfen, eine Waffe zu besitzen oder sie eben nicht mehr zu besitzen.
    Lass mich raten, wie die eine Waffe entsorgen? Sie zersägen sie in drei Einzelstücke und verkaufen sie als Metall in eine Gießerei. Tadaaa... zweimal kassiert! Wir sind eben Pazifisten! Deutschland kämpft nicht, Deutschland zockt nur ab. Aber das können wir immerhin gut!

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  2. Hier zeigt sich wieder schön, dass man weiter kommt wenn man nett und freundlich bleibt und nicht gleich auf Krawall gebügelt ist. Es gibt in den meisten Fällen einige Auslegungsmöglichketen und einen gewissen Ermässungsspielraum. Der Polizist hätte sich auch stur nach Vorschrift verhalten können, aber er hat sich dafür entschieden, die Vorschriften etwas anders auszulegen.

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