Dienstag, 9. November 2010

Noctambule: Vater Unser...

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Als er das Tuch etwas herunter schob, jappste er nach Luft. Zum einen, weil er das merkwürdige Halsband sah. Aber die Menschen hatten ja sehr oft recht seltsame Arten, sich zu kleiden oder zu schmücken.
Der eigentliche Schreck wurde durch die beiden verschorften Wunden an ihrem Hals ausgelöst. Was, in Gottes Namen, war das? Konnten diese kleinen Stellen zu solch schrecklichem Blutverlust führen? Sie lagen gefährlich nah bei der großen Halsader. Hastig deckte er das Tuch wieder über die Wunden und starrte grübelnd in das schöne Gesicht, während er ein Vaterunser nach dem anderen murmelte.

Der magere Mönch zuckte zusammen, als Armand das Zimmer betrat. Prüfend glitt sein Blick über Anyas Körper, dann über Fabien und er neigte den Kopf leicht zur Seite. Fabiens Blick flog zu dem Halstuch. War es wieder genau so wie vorher?
"Ich hatte gesagt, du sollst das Halstuch nicht berühren." schnurrte die dunkle Stimme freundlich. In Fabien überschlugen sich die warnenden Stimmen. Dieser Mann hier vor ihm war tatsächlich nicht geheuer.
Niemand außer seinen Klosterbrüdern hatte es je gewagt, ihn ohne Respekt anzusprechen. Und nun schwang in dieser wundervollen Stimme auch noch eine Drohung mit, die er nicht greifen konnte. Warum nur strahlte dieses schöne Geschöpf so viel Gefahr aus? Fabien schluckte und beschloss den Gegenangriff. Er zog das Tuch mit einem Ruck beiseite.
"Was ist das?" fragte er und legte alle Strenge in die Stimme, die er besaß. Aber er schien Armand damit nicht zu beeindrucken. Sein Kopf neigte sich noch mehr, ein paar dunkle Strähnen fielen in sein Gesicht und seine Augen schienen zu funkeln.
"Das, Bruder Fabien, ist die Stelle, an der ich sie gebissen und ihr Blut getrunken habe." Fabien sprang mit einem erstickten Laut auf. Kreidebleich starrte er seinem Gegenüber ins Gesicht.

"B.. Blut? Getrunken?" keuchte er. Seine Augen weiteten sich noch mehr, als dieser große Mann mit der weichen Geschmeidigkeit einer Katze auf ihn zu kam. Beim Zurückweichen stieß sein Fuß gegen irgendeines der Trümmerteile und brachte ihn ins Wanken. Stolpernd fand er an der kaputten Wand Halt, doch Armand war bereits nah vor ihm und sah zu ihm herunter.
"Richtig. Nur wollte ich sie im Gegensatz zu dir nicht töten. Dich muss ich nun töten, glaube ich. Schade eigentlich." Seine herrliche Stimme hallte in Fabiens Kopf und die Ironie der freundlichen Worte ließ ihn kalt werden. Körperlich würde er diesem Mann nichts entgegensetzen können. Er war verloren! Hastig riss er sein Kruzifix hoch und streckte es Armand entgegen. Armands Blick legte sich amüsiert auf das Kreuz.
"Dass ihr immer noch glaubt, das würde uns stören! Es gab uns schon lange bevor ihr Menschen Christus ans Kreuz genagelt habt, um ihn danach anzubeten. Eure Kreuze und das Weihwasser sind lächerlich!" Armands leises Lachen sorgte für eine eiskalte Gänsehaut bei Fabien. Zu seinem Entsetzen öffnete Armand nun die Lippen und zeigte ihm messerscharfe Zähne. Aschfahl rutschte der Mönch an der Wand tiefer und wimmerte auf, das Kreuz immer noch vor sich gestreckt.
"Armand?" Die zarte, schwach bebende Stimme aus dem Bett ließ den Kopf des Vampirs herumfliegen.
Anyas blaue Augen lagen bittend auf Armand und sie schüttelte schwach den Kopf. Ohne zu Zögern eilte der große Mann ans Bett und beugte sich mit erstaunlicher Zärtlichkeit über sie. Fabien küsste voller Inbrunst sein Kreuz, rührte sich aber nicht von der Stelle.
Er hörte das leise Wispern ihrer Stimme und beobachtete, wie Armands große Hand sanft über ihre Stirn strich. Dann richtete er sich wieder auf und die zärtliche Wärme wich einer drohenden Kälte, als er den Mönch ansah.
"Was hilft ihr noch?" fragte er fordernd. Fabien schluckte trocken.
"Ich.. habe andere stärkende Kräuter in meinem Haus. Tee.. Säfte.." stammelte er. Armand nickte entschlossen und packte den Arm des kleinen Mannes.
"Wir werden es holen. Schnell!" Ohne zu Zögern zerrte er den Mönch aus dem Haus hinaus. Er war verärgert. Menschen waren zu langsam. Und die Sonne war dabei aufzugehen, ausgerechnet auch noch an einem wolkenfreien Himmel. Er zog die Kapuze seines Umhangs tief in die Stirn und stieß ein dumpfes Knurren aus.

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