Dienstag, 2. November 2010

Noctambule - Die Zeremonie

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


"Gibt es viele Vampire? Auch hier?" Armand hatte sie beobachtet. Auch wenn sie wohl der Meinung war, er könne keine Gedanken hören oder lesen, er konnte es unter bestimmten Voraussetzungen. Zum Einen musste er sich dazu auf denjenigen konzentrieren, zum Anderen musste derjenige aber auch achtlos sein und durfte sich nicht verschließen. Anya schien zu den Menschen zu gehören, die sich fast ununterbrochen abschotteten.

Nur hin und wieder konnte er Fetzen ihres Denkens wahrnehmen. Wesentlich einfacher konnte er ihr seine Worte in den Kopf setzen. Das war ein machtvolles Instrument, hatte er doch in seinem langen Leben gelernt, dass seine Stimme für die Menschen ein sinnliches Erlebnis war.
Bei Anya ließ er es inzwischen, in ihren Gedanken stöbern zu wollen. Doch genügte es auch, sie zu beobachten und er las den wachsenden Entschluss in ihrem Gesicht und wurde zufrieden. Er hatte gesiegt.
"Nein, hier in direkter Nähe nicht. Wir besuchen uns ab und zu einmal, wenn uns nach Gesellschaft ist. Ich bin eher ein Eigenbrödler. Andere leben lieber zusammen. Ganz wie bei euch Menschen. Aber wie auch immer, du musst dich nicht fürchten. Du stehst unter meinem Schutz. Du gehörst mir, das wird respektiert." Anya war sich nicht sicher, ob sie das als Trost empfinden sollte. Der Gedanke, einem oder mehreren anderen Vampiren begegnen zu müssen, ließ ihre Atmung stocken.
Armand beschloss, seine Worte sacken zu lassen und ihr die Zeit zu geben, die sie brauchte, um sich mit der neuen Information zu arrangieren. Er hatte bemerkt, wie es in ihr arbeitete und sie ganz für sich alleine Für und Wider abwog. Es würde noch viel mehr geben, was sie würden lernen müssen. Aber das hatte Zeit.
Sie waren ein Stück aufeinander zugekommen und nun war es Zeit, der jungen Frau ihr neues Leben zu zeigen. Lächelnd beugte er sich vor und legte seine Hand erneut unter ihr Kinn. Wie süß sie ihre blauen Augen zu ihm aufschlug! Sein Gesicht näherte sich ihrem und er hörte, wie sie den Atem anhielt.
"Bist du bereit für deine neue Aufgabe?" Obwohl er nur geflüstert hatte wusste er, dass seine Stimme wie ein Donnerhall in ihrem Kopf alle anderen Gedanken auslöschte.
Zufrieden spürte er den Schauer, den er in ihrem Körper auslöste und ohne hinzusehen wusste er, dass sich ihre Brustwarzen verhärteten.
Sie schluckte und wollte nicken, aber seine Hand bremste ihre Kopfbewegung. Er wollte eine Antwort hören und sie verstand.
"Ja Herr." hauchte sie mit leicht unsicherem Blick. Seine Augen bohrten sich in ihre. Zum ersten Mal wich sie seinem Blick nicht aus sondern hielt ihm stand ohne mit der Wimper zu zucken. Tief aus seiner Kehle drang ein dunkles, zufriedenes Knurren.
"Steh auf, Anya. Geh dort drüben zu dem kleinen Schrank und bring mir den Kasten, der dort steht." Anya gehorchte.
Mit aufkommendem Begehren folgte er ihrem Gang. Ihre Schritte waren nicht lang, ihre Hüfte schwang jedoch mit jenem weiblichen, weichen Selbstbewusstsein, das jede Frau zeigte, wenn sie sich begehrt fühlte. Und er begehrte sie in diesem Augenblick mehr als jede andere Frau, an die er sich erinnern konnte.
Auf dem Schränkchen stand neben einem Kerzenständer nur ein einziger kleiner Holzkasten mit wertvoller Intarsienarbeit. Anya griff ihn mit beiden Händen und brachte ihn zu ihm zurück.
Als würde sie ahnen, dass dieser Gang etwas mit ihr selbst zu tun hatte, blieb sie diesmal vor ihm stehen, ging ohne zu Zögern auf die Knie nieder und reichte ihm das kleine Kästchen. Er drehte ihn so, dass er sich zu Anya hin öffnete.
In weichen, roten Samt gebettet lag dort ein schmales Halsband aus feinem Leder. An der linken Seite entdeckte sie zwei kleine Buchstaben aus reinem Silber: A. S.

Armand ließ Anya nicht aus den Augen. Ihm entging weder das Weiten ihrer Augen noch das kurze Stocken ihres Atems. Als seine schlanken Finger darüber glitten, es streichelten und dann herausnahmen, lächelte er.
"Nein, das ist nicht Maries Halsband. Es ist deines. Nur für dich." Anyas Wangen röteten sich leicht. Er war sich nicht sicher, ob sie verlegen, gedemütigt oder erfreut war. Als sie ihre Augen von dem Halsband losriss und zu ihm hob, erkannte er darin jedoch nur ihre Unterwürfigkeit, mit der sie bereit war, das Halsband anzunehmen.
Er beugte sich vor, öffnete es und schlang es um ihren zarten Hals. Nachdem er es geschlossen hatte, strichen seine Finger erneut über das Leder, dann über ihre Kehle hinauf zu ihrem Gesicht und seine große Handfläche legte sich auf ihre Wange. Fast unbewusst schmiegte sie ihr Gesicht in seine Hand.
"Du bist mein. Du wirst alles tun, um mir zu gefallen, kleine Anya. Und ich weiß, dass du es willst. Keine andere ist so dafür geschaffen wie du!" Anyas blaue Augen lagen fest in seinem Gesicht. Er spürte das Nicken ihres Kopfes.
Mehr noch aber spürte er die Nervosität in ihr, die sich mit der Unsicherheit vermischte ob sie wirklich dazu in der Lage war, diese Aufgabe zu erfüllen.
Armand ließ sie los und betrachtete sie stumm. Er beobachtet, wie ihre leicht zitternden kleinen Finger das ungewohnte Halsband befühlten und über die beiden Buchstaben tasteten.
"Ich heiße Anya Sanisoise." hauchte sie mit dem Anflug eines Lächelns. Auch bei Armand zuckte ein Schmunzeln.
"Betrachte unsere gemeinsamen Initialen als ein Omen." raunte er und stand auf. Mit einer kleinen Handbewegung bedeutete er ihr, ebenfalls aufzustehen.

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