Montag, 29. November 2010

Noctambule: Rückblick - Entschädigung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Armand hatte sich eigentlich darauf gefreut, seinen alten Meister zu erschrecken. Aber nun hatte er nur noch Verachtung für ihn. Er konnte nicht mehr verstehen, dass er einmal vor Respekt und Achtung vor diesem fetten Schwein gekuscht hatte.
Jetzt roch er nur noch Angstschweiß und erwartete, dass der Baumeister sich in die Hosen machte vor Angst.
Obwohl er sich vor lauter Abscheu am liebsten abgewandt hätte, beschloss Armand, das heute zu Ende zu bringen, was er sich so viele Jahre geschworen hatte. Seine Hand legte sich um den dicken Hals seines alten Meisters.
Er packte den schwergewichtigen Mann mit Leichtigkeit und drängte ihn gegen die Wand neben dem offenen Fenster. Polternd kippte der massive Stuhl des Schreibtisches dabei zur Seite. Armand scherte sich nicht darum, sondern lauschte angewidert den quiekenden und röchelnden Geräuschen seines Opfers.


"Als erstes wirst du mir den Schlüssel zu deiner Truhe überreichen, Ustul. Das, was sich darin befindet, dürfte in erster Linie MEIN Eigentum sein."
Ustul konnte gar nicht schnell genug nicken und wühlte im Ausschnitt seines Rockes nach dem Lederband, an dem sein heiligster Schlüssel hing. Armand konnte die Gedanken Ustuls laut hören und wusste, dass er nun bereitwillig alles geben würde, wenn er nur losgelassen würde.
Aber er dachte gar nicht daran. Er griff sanft um den Schlüssel und riss ihn mit einem groben Ruck vom Hals seines ehemaligen Meisters.
Das Lederband schnitt tief in die weiche Haut des Halses ein und brachte Ustul zum Winseln. Armand lächelte breit und er tat es bewusst, denn nun zeigte er seinem Gefangenen die prachtvollen Zähne und genoss die schreckgeweiteten Augen, die nun aus den Höhlen zu quellen drohten.
"Als zweites wirst du dich bei mir in aller Form entschuldigen." hauchte er dicht an Ustuls Ohr. Gerade vor kurzem erst hatte Armand herausgefunden, dass er nicht nur manche Gedanken der Menschen lesen konnte, sondern direkt in ihren Gedanken zu sprechen vermochte.
So, wie die weiche Stimme von Adaliz seine Sinne direkt in seinem Kopf zum Vibrieren gebracht hatte, wirkten nun seine eigenen Worte ganz nach seinem Belieben sinnlich oder bedrohlich.
Den Erfolg seiner Worte musste Armands empfindlicher Geruchssinn nun spüren, denn Ustul entleerte vor Angst seine Blase. Hektisch nickte er.
"Es tut mir leid! Alles tut mir leid! Ich bedaure alles!!" winselte er mit fistelnder Stimme. Der Schweiß lief ihm bereits über die Stirn und seine Beine zitterten so heftig, dass die Knie fast nachgaben.
"Und als drittes.." raunte Armand leise und ließ den Hals endlich los, "als drittes werde ich dein Genick brechen, auch wenn das ein viel zu schneller Tod für dich ist." Ustul sackte ein Stück an der Wand herunter. Doch das half ihm nichts. Armand packte das Kinn seines Meisters. Mit einem heftigen Ruck verdrehte er den Kopf.
Nach einem hässlichen Knirschen sackte der Körper leblos zu Boden.
Armand kümmerte sich nicht mehr um den zuckenden Leib, sondern öffnete mit dem Schlüssel die große Truhe des Toten. Ruhig steckte er sich die Beutel mit den Münzen ein, nahm die Urkunden über den Grundbesitz des Toten an sich sowie die Schuldscheine der Kirche, die sich dort häuften.
Mit einem kurzen Lächeln ließ er die Truhe offen, verwüstete noch ein wenig das Zimmer, um das Bild eines typischen Einbruchs zu erzeugen und verließ ein letztes Mal seine alte Arbeitsstätte.
Er hatte, was ihm gehörte und ein wenig mehr darüber hinaus. Er betrachtete dies als Entschädigung. Und als Start in einen bisher völlig unbekannten Wohlstand.

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