Montag, 8. November 2010

Noctambule: Das Halstuch

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Bruder Fabien hastete mit kurzen, fast tippelnden Schritten hinterher. Er war nicht dick, im Gegenteil eher hager, aber Fabien hatte in seinem Leben noch nie eine sportliche Bewegung gemacht und die größte Anstrengung betraf das Umgraben in seinem geliebten Kräutergarten.
Und sogar das bereitete ihm jedes Mal große Qual mit tagelangen Gliederschmerzen.
Nun rannte er fast neben seinem Besucher her und für eine Unterhaltung hätte ihm sowieso der Atem gefehlt. Aber es gab keine Unterhaltung. Der junge Mann eilte schweigend die Straßen entlang. Ab und zu wendete er den Kopf leicht zu Fabien, als müsse er sich vergewissern, dass er noch da war.
Je näher sie dem Haus kamen, desto neugieriger wurde Bruder Fabien. Nie sah man dort Licht, der große Vorgarten war nicht besonders gepflegt und Besuch schien dort auch nie ein und aus zu gehen. Die übelsten Gerüchte kursierten über den Bewohner dort. Wie hieß er noch? Er hatte den Namen vergessen. Der war auch gar nicht wichtig für den kleinen Mönch. Er hatte grundsätzlich jedes gewisperte Gerücht abgewürgt.
"Uns geht es nichts an! Wir haben kein Recht zu urteilen, nur weil man unsere Gesellschaft nicht wünscht!" hatte er verkündet. Aber er wusste, dass dennoch getuschelt wurde. Seit über 15 Jahren wohnte er nun hier und schien sich überhaupt nicht zu verändern, wenn man ihn überhaupt einmal zu Gesicht bekam.
Auch stellte er niemanden zur Pflege des Gartens ein und er schien auch nie einzukaufen. Kein Wunder, dass die Lästermäuler des kleinen Ortes von dunklen Verbrechen und bösen Omen tuschelten.

Die letzte Biegung endlich zeigte das Haus und sein junger Begleiter stieß die Tür auf. Er ließ Fabien den Vortritt und dieser trat mit neugierigem Herzklopfen ein. Er war angenehm überrascht und musste über sich selbst lächeln. Warum nur hatte er eine übelriechende Höhle hinter der Tür erwartet?
Der Eingangsbereich war eine große Halle. Schwere Vorhänge schlossen die Fenster, aber ein kleines Feuer in einem Kamin und etliche Kerzen tauchten die Halle in ein warmes Licht. Aber sein Gastgeber zögerte nicht lange.
Ein kurzer, bestimmender Griff an seinem Arm wies ihn die Treppe hinauf und einen Gang entlang. Ein großes Gemälde von einer bildschönen jungen Frau erregte kurz Fabiens Aufmerksamkeit, doch schon ging es weiter zu einer Tür, die der junge Mann nun öffnete. Ungeduldig schob er den Mönch hinein.

Fabien blieb sprachlos stehen. Er stand in einem völlig verwüsteten Zimmer. Zertrümmerte Möbelstücke waren über den Boden verteilt. Der teure Stoff an den Wänden war teilweise zerrissen und hing in Fetzen herunter.
Ein leerer Spiegelrahmen lehnte verbogen in gefährlicher Schräglage an der Wand und überall glitzerten Splitter des geborstenen Spiegels. Inmitten dieser Verwüstung stand ein großes Bett und Fabien entdeckte darin das blasse, leblos wirkende Gesicht einer blonden Frau.
"Herr, steh mir bei!" flüsterte Bruder Fabien entgeistert. Hier musste ein Kampf oder Streit statt gefunden haben. Er hastete an das Bett und griff sofort nach dem zarten Handgelenk der jungen Frau, um den Puls zu ertasten.
Da er ihn nur schwach fühlte, zog er die Decke etwas zurück, um den Puls am Hals zu finden. Sie schien nackt zu sein, wie er anhand der unbekleideten Schultern schloss, doch trug sie ein seidenes Halstuch, was ihn sehr verwunderte.
Noch ehe er das Halstuch verschieben konnte, packte die Hand des jungen Mannes sein Handgelenk mit erschreckender Kraft und zog ihn zurück. Als er verwirrt zu ihm aufsah, zuckte er zusammen, denn das bleiche Gesicht war sehr dicht vor seinem. In den schwarzen Augen funkelte Zorn.
"Das Tuch bleibt wo es ist." Herr, was für eine Stimme! Sie schien in seinem Kopf lauter zu sprechen als seine Ohren es wahrnehmen konnten. Samtweich und dunkel übte sie eine hypnotisierende Wirkung aus. Der kleine Mönch schluckte.
"Ihr Puls! Ich muss doch.." Er kam nicht weiter, denn er spürte, wie seine Hand zu ihrem Arm herunter gedrückt wurde.
"Dort fühlst du ihn genauso gut." Fabien gab nach. Erneut fühlte er den schwachen, aber gleichmäßigen Puls. Dann beugte er sich über sie und lauschte ihrer Atmung. Was er hörte, erleichterte ihn.

Die Atmung war flach, aber ebenfalls gleichmäßig. Dennoch blieb es ihm ein Rätsel, wie sie so viel Blut verloren haben konnte. Dann kam ihm eine Idee. Er legte seine Hand über der Decke auf ihren flachen Bauch und tastete ihn ab. Eigentlich war der Bauch viel zu flach und zu straff für seine Vermutung. Aber fragen konnte nichts schaden.
"Hat sie gerade entbunden? Wenn ja, dann muss ich sie genauer untersuchen und das Kind sehen." Er schluckte, denn wohl war ihm dabei nicht. Es gab eine Hebamme im Ort, die das viel besser konnte und auch tun sollte. Aber er erntete nur ein entschiedenes, wenn auch knappes Kopfschütteln.
"Ich will einfach, dass sie wieder aufwacht und gesund ist!" verlangte die weiche Stimme. Fabien fröstelte. Das Ganze wurde immer suspekter für ihn. Ein seltsamer Mensch, ein einsames und dunkles Haus, ein verwüstetes Zimmer mit einer geschwächten Frau… das alles roch nach einem üblen Geschehen. Unsicher griff er nach dem Rosenkranz, der an der Kordel um die Hüfte hing. Ihm entging nicht, dass die schwarzen Augen seiner Hand folgten. In diesem Moment verglich er die Augen mit denen eines Falken, der seine Beute verfolgt.
"Ich muss schon mehr wissen, Monsieur. Wenn ich nicht weiß welche Krankheit solch eine Schwäche hervorruft, wie soll ich sie dann heilen?" Er vernahm ein seltsames Knurren aus der Kehle des Mannes und schluckte. Inzwischen wollte er nur noch zurück in sein heimeliges kleines Labor. Er befühlte die Stirn der jungen Frau und war erleichtert. Fieber hatte sie schon mal nicht. Dennoch blieb das Rätsel ihrer Schwäche weiterhin ungeklärt.
"Habt Ihr heißes Wasser da? Und Tücher? Dann holt mir das bitte. Ich werde Euch zeigen, wie man einen Kräuterumschlag macht. Und Tee. Ihr müsst ihr diesen Kräutertee geben." Er drückte seinem jungen Begleiter ein Tütchen in die Hand und legte das andere für die Umschläge auf die Bettdecke. Der Nachttisch war ja leider zertrümmert.
"Außerdem braucht sie kräftige Suppen. Hühnersuppe ist gut und Gemüsesuppen mit vielen frischen Kräutern. Ich werde Euch welche zurecht machen." Bruder Fabien bemühte sich um eine feste Stimme und war dennoch überrascht, dass der junge Mann stumm nickte und den Raum verlies. Sofort fühlte er sich freier und atmete auf. Nun hatte er auch Zeit, sich um das geheimnisvolle Tuch zu kümmern und griff behutsam an den zarten Hals.

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