Sonntag, 7. November 2010

Noctambule: Bruder Fabien

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Paris 1748

Bruder Fabien summte zufrieden ein Liedchen vor sich hin, während er noch vor Sonnenaufgang in seinem Mörser Kräuter zerstampfte. Hunderte kleiner Tiegel und Töpfchen tummelten sich auf hohen Regalen in seinem kleinen Raum, gefüllt mit Salben und Mixturen gegen alle Krankheiten und Verletzungen, die der raue Alltag abverlangte. Zwischen all den Behältern thronte eine kleine Holzstatue des heiligen Benedikts.

Fabien liebte seine Arbeit. Es hatte ihn viel Überzeugungskraft gekostet, seinem Abt die Erlaubnis abzuringen, das abgelegene Kloster zu verlassen und den Menschen direkt vor Ort zu helfen. Für ihn war das ein reiner Akt der Menschlichkeit. Im Laufe seiner Novizenzeit schon hatte sich herausgestellt, dass er ein wahres Talent für die wirkungsvolle Zusammenstellung heilsamer Kräuter besaß.
Mit wahrem Feuereifer stürzte er sich jeden Tag aufs Neue in die Herstellung von Salben, Säften und Tees und seinen Brüdern ging es tatsächlich gesundheitlich besser denn je. Und diese Tatsache ließ seinen Abt natürlich zögern, ihn gehen zu lassen.
Hinzu kam, dass den Mönchen ja die Ausübung des Heilers verboten war. Aber Bruder Fabien sah das gelassen. Er hatte es geschafft, seinen Vorgesetzten zu überzeugen, dass dieses Verbot nur eine menschliche Fehlentscheidung sein konnte, die nicht mit dem Willen Gottes verbunden werden konnte, dass man seinen Nächsten lieben und helfen musste.

Seine heftigen Mörserbewegungen verursachten einiges an Lärm. Er deutete das klopfende Geräusch, das sich plötzlich zwischen seine Mörserschläge mischte, daher erst einmal falsch und hielt erst inne, als aus dem Klopfen ein energisches Hämmern wurde.
Verwirrt legte Bruder Fabien den Stößel beiseite, wischte seine Hände an seiner groben Kutte ab und ging zur Tür. Wer mochte zu dieser frühen Zeit wohl so dringend Hilfe benötigen? Wobei das ja egal war, er war immer gern bereit zu helfen.
Mit einem beruhigenden Lächeln öffnete er die Tür, stets darauf bedacht, seine beunruhigten Besucher sofort zu trösten. Aber seine Miene wandelte sich in überraschtes Erstaunen.

Vor ihm stand dieser baumlange Jüngling, der etwas abseits des Ortes in jenem dunklen Haus lebte, von dem jeder Abstand nahm. Er selbst hatte ihn nur einmal nachts gesehen und war beeindruckt gewesen wie jetzt auch.
Dieser junge Mann besaß eine seltsame Schönheit. Unerklärlich war zwar die Blässe in seinem Gesicht, aber Fabien vermutete, dass er zu wenig an der frischen Luft sein musste. Der Bursche brauchte mal ordentlich Bewegung an der Sonne!
"Gott zum Gruße, junger Freund. Ihr seht mich überrascht! Was kann ich tun?" fragte er freundlich und öffnete einladend seine Tür. Vielleicht hatte er ja Liebeskummer, so traurig und besorgt wie seine schwarzen Augen gerade wirkten. Und so manches Mal hatte Bruder Fabien schon durch einfaches Zuhören einige Leiden kuriert.

Aber der junge Mann rührte sich nicht. Er musste den Kopf senken, um Bruder Fabien ins Gesicht zu sehen und wenn er eintreten wollen würde, müsste er sich bücken, um durch die niedrige Tür zu passen.
Erstaunlich, was Gott sich alles ausdachte. Solch eine Größe musste doch viele Schwierigkeiten bergen! Die Stimme des jungen Mannes riss ihn aus seinen Gedanken.
"Ich brauche Eure Hilfe. Kommt mit!" verlangte er. Fabien riss die Augen auf. Diese Stimme war ein Geschenk Gottes! Sofort baute sich in Fabien das Verlangen auf, diese Stimme noch einmal zu hören. Eifrig wischte er sich erneut die Hände sauber und wandte sich ab, um seinen Umhang zu greifen, der an einem Haken hinter der Tür hing.
"Sagt mir doch, worum es geht! Dann kann ich schon die entsprechenden Dinge mitnehmen." bat er und warf sich den Umhang um.
"Schwach. Sie ist schrecklich schwach. Sie hat viel Blut verloren." Fabien hielt verdutzt inne. Sie?! Er lebte gar nicht alleine? Was, um Gottes Willen mochte geschehen sein? Was einem alles entging, wenn man Tag ein, Tag aus nur im Garten herumstolperte und Kräuter pflegte! Und nach dem letzten Unwetter war so viel zerstört worden. Er riss sich zusammen.
"Oh. Wartet bitte!" Er holte rasch einige bereits fertig abgefüllte Tütchen und stopfte sie in die Tasche seiner Kutte.
Der junge Mann wartete ungeduldig an der Tür, immer noch den Kopf gesenkt, aber die Augen schienen ihn nicht loszulassen. Irgendwie hatte er etwas Lauerndes im Blick. Fabien schüttelte den Kopf über sich selbst und schloss eifrig die Tür hinter sich.
Als er sich mit einem fröhlichen Spruch auf den Lippen zu seinem Besucher umdrehen wollte, war dieser schon einige Schritte entfernt. Mit großen, weit ausholenden Schritten eilte der junge Mann die Straße entlang. Die langen Haare wehten leicht und der Umhang bauschte sich auf.

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