Dienstag, 23. November 2010

Noctambule: Rückblick - Die Erste Jagd

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Toulouse 1189

Seine erste Jagd war verwirrend für ihn. Er hatte Hunger, aber der Gedanke an normales Essen bereitete ihm nicht wie sonst Vorfreude und Appetit. Früher hatte er sich schon während der Arbeit ausgemalt, was er essen wollte und schmeckte es bereits in Gedanken. Fleisch vor allen Dingen. Er liebte gut gewürztes Fleisch, doch meistens konnte er sich nur einen Eintopf oder fleischloses Essen leisten. Kochen war nie seine Leidenschaft gewesen. Er nahm wie alle anderen Arbeiter auch an den Mahlzeiten teil, die von den Frauen zubereitet und verteilt wurden. Wenigstens war das Essen in seiner schlechten Bezahlung inbegriffen, aber wirklich gutes Essen gönnte er sich alle paar Monate in einer Wirtschaft.

Nun aber hatte er kein Verlangen nach Fleisch oder Gemüse. Er war unruhig und unstet. In ihm brodelte es, zehrte an seinen Kräften und nagte in seinen Eingeweiden. Adaliz hatte ihn amüsiert beobachtet und war schließlich aufgestanden.
"Zeit für die Jagd." entschied sie und nahm ihn mit sich in die dunklen Straßen der Nacht. Armand ließ sich von ihr mit gemischten Gefühlen führen. Noch hatte er sich nicht mit dem Gedanken angefreundet, nun einfach zu jagen. Adaliz hatte ihn ausgelacht, als er von Mord gesprochen hatte. Aber der Gedanke ließ ihn noch nicht los.
Geschmeidig glitt Adaliz durch die Schatten der Straßen. Vor einer Kneipe blieb sie in einer dunklen Ecke auf der anderen Straßenseite stehen. Ein Betrunkener torkelte grölend und zusammenhanglos nuschelnd hin und her.
Voller Verlangen starrte Armand den taumelnden Mann an. Sein Knurren erschreckte ihn selbst. Ohne nachzudenken, duckte er sich zum Sprung, doch Adaliz legte ihre Hand auf seinen Arm und bremste ihn.
"Finger weg von den Säufern. Sie vergiften ihr Blut. Es bekommt uns nicht. Wenn du es unbedingt kosten willst, mach! Aber ICH pflege dich nicht, wenn du im Fieberwahn herumtobst!" erklärte sie grinsend. Armand grollte, doch sie legte einen Finger beschwörend auf die Lippen.
"Vertrau deinen Instinkten. Atme ihn ein! Du wirst merken, dass er nicht besonders verlockend ist!"
Armand merkte gar nichts. Er wurde immer unruhiger und atmete heftiger. Mit einem wissenden Lachen zog sie ihn weiter durch die Straßen, bis sie aufmerksam lauschend stehen blieb. Auch er hörte die Schritte. Feste, schnelle Schritte, die nach Kraft und Gesundheit klangen.
"Nächste Seitenstraße. Viel Erfolg!" raunte sie ihm zu. Verwirrt starrte er sie an. Wollte sie nicht mitkommen? Woher sollte er wissen, wie man jagt? Sie lächelte beruhigend.
"Verlass dich auf deine Instinkte. Öffne deinen Geist und erinnere dich an die Kräfte in dir. Sorg nur dafür, dass er nicht zu viel Lärm schlägt. Keine Sorge, wenn alles schief gehen sollte, bin ich da." versprach sie zwinkernd. Dann zog sie sich in den Schatten zurück und scheuchte ihn mit einer wedelnden Handbewegung weiter.


Etwas ratlos schlich Armand um die Ecke. Adaliz hatte Recht gehabt. Er hatte es selbst gespürt und gewittert, nur noch nicht auf die ungewohnten Signale geachtet. Vor ihm in der Dunkelheit der Straße ging ein Mann mit beschwingten Schritten von seiner Arbeit nach Hause.
Instinktiv nutzte Armand die neuen Fähigkeiten, lautlos und schnell den Mann zu erreichen. Er roch den intensiven Duft von Leder, Schuhcreme und Wachs und erkannte sofort den Schuster vor sich. Der Mann pfiff ein zufriedenes Liedchen, sein Magen knurrte vernehmlich und er lachte darüber. Offenbar hatte er keine Sorgen und freute sich einfach auf zu Hause nach einem langen und beschwerlichen Arbeitstag.
Armands Nase blähte sich auf und sog den Duft der Beute in sich ein. Vergessen waren moralische Bedenken und das Bewusstsein, selbst einmal Beute gewesen zu sein. Er fuhr sich mit der Zunge über die scharfen Zähne und wusste genau, was zu tun war.
Für Spielchen hatte er keine Zeit. Mit zwei langen Sprüngen hatte er den Schuster überholt und sah dessen erschrockenes Zusammenfahren. Hungrig gierte er den Mann an.
"Was…" Der Schuster kam nicht weiter. Mit einem Fauchen packte Armand Kopf und Schulter des Mannes, bog mit Leichtigkeit einfach den Kopf zur Seite und hieb seine Zähne in den Hals. Sofort sprudelte das Blut in seinen Mund. Armand trank gierig, ohne sich um das wehrhafte Zappeln des Mannes zu kümmern, das immer schwächer wurde.
Er konnte nicht aufhören. Spürbar nährte und stärkte ihn seine Beute. Er fühlte Adaliz's Hand auf seiner Schulter und hörte ihre Stimme. Aber das kümmerte ihn nicht, bis sie ihn überraschend zurückriss.
"Schluss jetzt! Genug!" fauchte sie ihn an. Er knurrte sie wütend an, wie im Rausch wollte er sich erneut niederbeugen. Adaliz hinderte ihn wieder.
"Er stirbt, Armand. Die letzten Tropfen werden dich umbringen, hör auf!" das brachte ihn zur Besinnung. Verwirrt sah er sie an und ließ den erschlafften Körper einfach fallen.
Adaliz beugte sich über den Sterbenden. Mit einem einzigen Biss tötete sie ihn und richtete sich wieder auf. Amüsiert und tadelnd blickte sie ihn an.
"Nicht schlecht. Das nächste Mal jagen wir früher. Du musst lernen, behutsam vorzugehen. Wenn du zu schnell bist, wehrt er sich. Mach ihm Angst, jag ihn und dann saug ihn langsam aus. Du wirst sehen, sie werden sich deinem Biss hingeben, weil sie erlösende Wollust verspüren." erklärte sie ihm.
"Komm mit, ich zeige es dir."

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