Freitag, 26. November 2010

Noctambule: Formvollendeter Rauswurf

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Jetzt erst wandte er sich Anya zu, die völlig erstarrt an die Wand gepresst stand und die Szene verfolgt hatte. Erleichtert und dankbar bemerkte sie, dass der bösartige Ausdruck in seinen Augen einem beruhigenden Blick wich, als er sie ansah. Im Gegensatz zu dem völlig derangierten George wirkte er weiterhin makellos gekleidet, nur ein paar Haarsträhnen hatten sich aus seinem Zopf gelöst.
Elegant streckte er den Arm zu ihr aus und bot ihr seine Hand an, die sie dankbar ergriff. Mit wackeligen Schritten kam sie an seine Seite. Als hätte er ihre weichen Knie bemerkt, schob er ihre Hand unter seinen Arm, damit sie sich einhaken konnte.

Das gab ihr Sicherheit und Halt. Sie erkannte, dass er den Beiden nicht gönnte, sie vor Angst zitternd wie Espenlaub zu erleben. Beruhigend tätschelte er ihre Hand und sah fürsorglich zu ihr herab. Bebend rang sie nach Fassung, versuchte eine stolze Haltung einzunehmen und erntete dafür ein anerkennendes kurzes Lächeln.
Dann hob er den Kopf wieder und betrachtete George, der sich erhoben hatte und seine Kleidung zurecht zupfte.
"Anya, darf ich dir den Rüpel George Squire vorstellen? Und diese Puderquaste dort nennt sich Isabelle Richard. Und dies ist Anya Sanisoise." Blinzelnd sah Anya, dass George einen übertriebenen Diener machte und dabei seine Rüschen an den Ärmeln zurecht schüttelte. Sie verstand überhaupt nichts mehr.
Erst wurde sie von den Beiden bedroht, dann brachte Armand die beiden rüde zur Raison und nun unterhielt man sich im höfischen Plauderton?
Ein kurzer Druck seiner Hand hinterließ ein Gefühl der mahnenden Vorsicht. Sie schaute kurz zu ihm auf, aber sein Gesicht zeigte eine Maske ausdrucksloser Höflichkeit. Sie sollte es ihm also gleich tun? Nun gut!
Sie hatte selbst nicht gewusst, wie gut sie schauspielern konnte. Aber an der Seite dieses großen Vampirs fühlte sie sich paradoxerweise sicher und beschützt. Daher straffte sie sich nun in eine stolze Körperhaltung und neigte mit abweisendem Gesichtsausdruck den Kopf mit der Bewegung einer Königin.

Armands Gesicht blieb völlig ausdruckslos und nur ein sehr scharfer Beobachter hätte mit ein wenig Glück das winzige amüsierte Zucken in seinem Mundwinkel sehen können, als Anya auf das Spiel einging. Braves Mädchen. Dabei hörte er ihren Herzschlag wie einen Trommelwirbel und konnte das betörende Parfum ihrer Angst riechen.
Beruhigend streichelte er ihre Hand weiter und ließ dabei seine beiden nächtlichen Besucher nicht aus den Augen.
"Abgesehen davon, dass ihr meine Stühle gerade demoliert habt und ich euch daher keinen Platz anbieten kann… ihr wolltet ja sowieso gerade gehen, nicht wahr?" Seine dunkle Stimme klang gelassen und entspannt. Isabelle betrachtete ihn mit offener Abneigung.
"Das wollten wir keineswegs!" erklärte sie schnippisch. Ihre Augen wanderten weiter zu Anya und sie rümpfte die Nase. George bevorzugte eine elegantere Antwort.
"Oh, sicher. Sicher. Gleich, mein Lieber." er strich immer noch seine Kleidung zurecht und bewegte dann seine Schultern mit einem leicht schmerzlichen Gesichtsausdruck.
"Du hast eine seltsame Art, alte Freunde zu begrüßen. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen!" beschwerte er sich. Armand lächelte höflich.
"Aber George. Ihr hättet euren Besuch ankündigen sollen. Woher soll ich denn wissen, dass ihr mir einen Höflichkeitsbesuch abstatten wollt?" Sein Blick senkte sich zu Anya, die scheinbar ruhig zu ihm aufsah. Er vergewisserte sich, dass sie sich genügend beruhigt hatte, um sie loslassen zu können. Dann löste er behutsam ihre Hand von seinem Arm und ging zu einer kleinen Anrichte.
Während er eine Glaskaraffe ergriff und den Stöpsel abnahm, sprach er weiter. "Ich denke doch mal, es ist reine Höflichkeit, oder? Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen." Er blickte kurz über die Schulter.
Aber dieser Blick war eher eine unbedeutende Geste, denn seine Sinne waren hoch konzentriert und keine Bewegung der Beiden entging ihm, so gering sie auch war.
Er füllte bedächtig ein Glas Wein und brachte es Anya, die nur mühsam ihre Überraschung verbergen konnte und das Glas möglichst selbstverständlich annahm. Erneut überkam ihn ein leiser Stolz. Anya hatte das Spiel verstanden.
"Ich nehme an, du würdest uns Freudentränen nicht abnehmen?" erwiderte George und hob eine Braue, während er Armands Bewirtung beobachtete. Es war gesellschaftlich ein bewusster Affront, dass Armand den Beiden nichts zu trinken anbot. Der Wink hätte nicht deutlicher sein können.
Armand lächelte.
"Wohl kaum." antwortete er George, doch seine Aufmerksamkeit galt Isabelle. Sie hatte sich bisher nicht bewegt. Vielleicht war ihre Starre der Grund seiner besonderen Aufmerksamkeit. Bestimmt aber spürten seine Instinkte ihren noch immer unterschwellig lauernden Zorn, der nun ausbrach.
"Du bedienst dein Haustier? Sollte das nicht umgekehrt sein?" fragte sie schnippisch. Anya nippte an ihrem Glas und betrachtete die Vampirin über den Glasrand hinweg. Armand, der noch immer Anya zugewandt stand, drehte ihr nun sein Gesicht völlig zu, den Kopf leicht gesenkt.
"Anya ist kein Haustier, Isabelle." Seine Antwort war sehr ruhig. Anya rieselte eine Gänsehaut über den Rücken, obwohl der Wein sie ein wenig beruhigte und sogar ein bisschen stärkte.
"Ach nein? Was dann? Du hast ihr ja sogar ein Halsband angelegt! Wo ist denn die Leine?" hänselte Isabelle und ging zu George hinüber, der einen Arm galant um ihre Hüfte legte. Isabelle schmiegte sich an seine Seite und strich betont über Georges Brust.
"Sie steht unter meinem Schutz, Isabelle. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das beherzigen würdest. Ich hasse es, mich wiederholen zu müssen." Unbewusst hob Anya stolz die Nase ein wenig höher, was bei Armand ein neues Schmunzeln erzeugte.
George hingegen schien die versteckte Drohung in Armands Worten nicht zu schmecken. Er hob eine Braue und musterte Armand mit giftigem Blick.
"Natürlich ist sie kein Haustier. Sie ist der Ersatz für Marie, nicht wahr? Armes kleines Ding. Du wirst sie töten wie Marie, hab ich Recht?" Sein Ton wurde sehr sanft. "Oder verwechsle ich das mit Adaliz?" In den hellen Augen Georges lag ein gefährliches Lauern, das Anya die Luft anhalten ließ. Sogar Isabelle hob den Kopf kurz zu George und sah dann sofort zu Armand. Auch sie zeigte nun gespannte Aufmerksamkeit.
Totenstille lag im Raum. Anya hielt unwillkürlich die Luft an. Wer war Adaliz? Es lag etwas in der Luft, das sie frösteln ließ. Drei Vampire im Raum und alle Drei zeigten offene Feinseligkeit. Wobei Armand noch die beste Figur machte, denn er hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen. Kurz malten seine Kieferknochen, dann machte er eine sehr nonchalante Bewegung mit der Hand, die die Rüschen seines Ärmels elegant wehen ließ.
"Aber ich bitte dich George. Du wirst doch deine Gastgeberin nicht beleidigen oder ängstigen wollen?" Er ging überhaupt nicht auf Georges Anspielung ein, sondern deutete nun auf das Fenster.
"Ich muss euch nicht zur Tür begleiten, denke ich." Seine dunkle Stimme war so bestimmend, dass selbst Anya das Bedürfnis hatte, den Raum zu verlassen. George ergriff die Hand von Isabelle.
"Du hast dich verändert, Armand. Früher hast du deinen Salon mit Gästen gefüllt, heute wirfst du mit ihnen Möbel durch den Raum." er klang wieder normal für seine Verhältnisse und hatte zu dem näselnden Tonfall zurückgefunden.
Die Beiden sprangen so elegant und leicht auf den Fenstersims, dass Anya das Gefühl hatte, sie wären nach oben geschwebt. Dort drehten sie sich noch einmal zu ihnen um. George formte eine übertriebene Verbeugung mit wedelnder Hand.
"Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen, Mademoiselle. Dann hoffentlich mit amüsanterem Ausgang." flötete er. Isabelle kicherte.
"Fragt sich nur, für wen." schnurrte sie. Dann verschwanden beide im Dunkel der Nacht.

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