Samstag, 6. November 2010

Noctambule: Rückblick - Das Erwachen

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Als er erneut aufwachte, war irgendetwas völlig anders. Irritiert versuchte er, mit geschlossenen Augen festzustellen wo er sich befand und was bisher geschehen war. Sein Gedächtnis funktionierte perfekt.
Er erinnerte sich an die Begegnung in der dunklen Kirche und an die schrecklichen Schmerzen, die nun völlig verschwunden waren. Stattdessen wurde ihm bewusst, dass er sehr viel deutlicher Gerüche wahrnehmen konnte. Er roch den Qualm des Kamins ebenso deutlich wie den Staub im Teppich.
Irgendwo stand offener Rotwein und er roch stark verschwitzte Kleidung, bis ihm klar wurde, dass das seine eigene war. Angewidert verzog er das Gesicht. Und hört das leise Lachen. Adaliz!
Er riss seine Augen auf und schloss sie sofort wieder geblendet, denn er hatte direkt in das Kaminfeuer gesehen. Verwirrt wandte er den Kopf ab, setzte sich auf und blinzelte vorsichtig erneut. Adaliz lümmelte noch immer in dem Sessel herum und grinste ihn äußerst selbstzufrieden an.
Armand beachtete sie erst einmal kaum, er war viel zu verwirrt. Sein Körpergefühl war seltsam leicht. Er erinnerte sich an den Biss in seinem Handgelenk und hob es vor sein Gesicht.
Sprachlos starrte er auf die makellose Haut.
Dort war keinerlei Verletzung! Hatte er all das vielleicht nur geträumt? Waren es Halluzinationen durch die Schmerzen gewesen? Seine Hand flog zu der Bissstelle an seinem Hals. Aber er konnte tasten, soviel er wollte, er spürte keinerlei Verletzung. Irritiert sah er zu Adaliz, die ihn grinsend beobachtete.
"Du hast nicht geträumt." schnurrte sie. "Ich habe dich wirklich gebissen. Ich habe dein Blut getrunken und ich muss sagen, es war äußerst sättigend und schmackhaft." Er blinzelte bei ihren Worten.
Ihr breiter werdendes Grinsen zeigte ihre spitzen Zähne, was eine Gänsehaut bei ihm auslöste. Die bisher verdrängten Gedanken schoben sich an die Oberfläche.
"Du bist wirklich ein Vampir?" Seine Frage kam stockend. Er fürchtete, sich lächerlich zu machen mit seiner Frage. Ein erwachsener Mann, der zugab, an solche Märchen zu glauben.. das konnte sehr peinlich sein. Aber zu seiner Überraschung nickte sie, breitete die Arme aus und lachte mit einer singenden, sanften Tonfolge.
"Ohja, das bin ich. Und du auch!" erklärte sie mit freudiger Miene. Armand fror und schwitzte nun gleichzeitig. Machte sie Witze? Aber die beiden Bisse und die Tatsache, dass sie ihn gezwungen hatte, ihr Blut zu trinken, waren nicht von der Hand zu weisen. Völlig verwirrt rappelte er sich auf und blieb mit hängenden Armen vor ihr stehen.
Die Verwirrung raubte ihm den Atem und seine Brust hob und senkte sich aufgeregt. Adaliz stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und ging auf ihn zu, bis sie ganz dicht vor ihm stand. Durch ihre dichten Wimpern warf sie ihm einen koketten Blick hoch und begann ihn zu umrunden wie in der Kirche. Und wieder lag ihre Hand auf seinem Brustkorb.
Doch diesmal konnte er ihre Bewegungen leicht mit dem Kopf verfolgen und erwartete sie bereits auf der anderen Seite, während sie ihre Hand über seinen Rücken wieder zur Brust mit zog.
"Ich muss zugeben, ich wollte dich eigentlich nur ein bisschen beißen. Aber ich war zu erregt." hauchte sie, als sie wieder vor ihm stand und stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Kehle zu küssen. Das konnte er sofort nachvollziehen. Noch nie hatte er so erregenden Sex erlebt wie in dieser Nacht.
"Und dann hatte ich die Wahl. Dich sterben lassen oder zu einem der unseren machen. Aber du gefällst mir. Also habe ich dich noch in der Kirche mit meinem Blut infiziert." erklärte sie im Plauderton.
Armand verstand überhaupt nichts. Er wusste nur, dass ihr gehauchter Kuss an seiner Kehle eine heftige Gänsehaut auslöste. Sie schien seine Verwirrung zu spüren und kicherte vergnügt. Wortlos griff sie nach seiner Hand und zog ihn zu einem kleinen Tisch. Dort hob sie einen verzierten Handspiegel auf und reichte ihn Armand.
Mit skeptischem Zögern blickte Armand auf sein Spiegelbild. Sein Gesicht war seltsam fahl. Aber die Blässe unterstrich seine schwarzen Augen und hob die Röte seiner Lippen hervor. Seine Haare hingen ihm verschwitzt in die Stirn. Armand drehte den Kopf und musterte seinen Hals.
Er fand keinerlei Bissspuren und seltsamerweise war auch die winzige Narbe verschwunden, die er schon seit seiner Kindheit mit sich trug. Vorsichtig öffnete er die Lippen und sah mit sprachlosem Entsetzen, wie seine Lippen strahlend weiße Zähne entblößten. Spitze, scharfe und tödliche Zähne.
Mit einem Aufschrei ließ er den Spiegel fallen und wich zurück. Er prallte mit dem Rücken hart an die gegenüberliegende Wand. Zu dem Entsetzen kam auch noch Verwirrung. Er hatte mindestens 5 Meter entfernt auf der anderen Seite des Raumes gestanden und nur einen Schritt gemacht! Was geschah hier? Adaliz's silberhelles Lachen durchdrang seine chaotischen Gedanken.

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