Montag, 22. November 2010

Noctambule: Nachdenklicher Armand

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Marseille 1748

Armand hatte Anya sanft aus ihren Fesseln befreit und zum Kamin getragen, wo er sie behutsam auf dem Fell ablegte. Über sie gebeugt blieb er neben ihr knien und strich sanft die verschwitzten Haare aus ihrer Stirn. Mit ernster Miene betrachtete er ihr noch immer entspanntes und noch immer lächelndes Gesicht. Sie streckte sich aus und räkelte sich leicht, während sie ihn musterte. Sein blasses Gesicht wirkte nachdenklich und verschlossen. Leicht fragend griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest.
"Bist du nicht zufrieden, Herr?" fragte sie zaghaft. Sein Gesicht veränderte sich nicht, aber seine Augen leuchteten warm auf.
"Ich bin sehr zufrieden, kleine Anya." Ihr erleichtertes Seufzen rührte ihn. Wieder strich er über ihre Stirn.
"Du wolltest wirklich, dass ich trinke?" fragte er nach. Anya schauderte kurz, als er sie daran erinnerte. Was war in sie gefahren? Sie hatte wirklich danach gefleht! Sie hatte gebettelt und geschrien, sich nach der Ekstase gesehnt, die sein Biss ausgelöst hatte und nicht bedacht, was wieder hätte passieren können. Verwirrt über sich selbst nickte sie langsam.
"Du weißt, was dann geschehen wird." murmelte er leise. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht, als müsse er sich erneut jede Pore dieses zarten Gesichts einprägen. Anya führte seine gefangene Hand zu ihren Lippen und begann zärtlich, jeden Finger zu küssen.
"Ich weiß es. Und ich habe Angst davor." gestand sie flüsternd. Nun neigte er mit fragendem Blick den Kopf.
"Warum hast du dann danach gebettelt?" Diese Frage hatte sie befürchtet. Sie konnte sich nicht einmal sich selbst beantworten. Daher sah sie ihn mit einem kläglichen Schulterzucken an.
"Ich weiß nicht. Es war die Lust.. ich.. ich habe nicht weiter nachgedacht." errötend senkte sie den Blick.
So frei, wie er über seine Wünsche reden konnte, so befangen war sie selbst. Sex hatte in ihrem Leben bisher keine besonders große Rolle gespielt. Ein kleines Verhältnis mit einem Bediensteten hatte sie nicht besonders erfüllt. Ein einziges Mal hatte sie wirkliche Lust verspürt, als ihr Dienstherr sie plötzlich nachts aufgesucht und genommen hatte. Einfach so, ohne lang nachzufragen, war er in ihr Zimmer gekommen und hatte sich einfach geholt, was er verlangte. Sie hatte sich nicht gewehrt. Sie hatte sich still seinen Forderungen gebeugt und genau darin ihre Lust gefunden. Den Tag danach war sie ihm errötend aus dem Weg gegangen und es hatte sich nie wiederholt.

Nun wusste sie, warum sie damals diese Lust verspürt hatte. Und ihr wurde klar, dass Armand diese Unterwürfigkeit in ihr erkannt hatte. Nun musste sie nur noch ihre eigene Scheu und Scham überwinden und lernen, dass dieser Zug ihres Wesens nicht verwerflich war.
Armands Mundwinkel zuckten leicht, als sie seine Finger küsste.
"Irgendwann werde ich deinem Betteln nachgeben. Aber ich werde versuchen, es so lange wie möglich herauszuzögern." erklärte er ruhig. Anya fröstelte. Ihre Augen wurden etwas größer und sie drückte seine Hand an ihre Brust. Reglos ließ er es zu, rührte sich aber nicht.
"Ich habe Angst davor. Ich.. ich will nicht sterben." hauchte sie verstört. Er nickte ruhig. Seine Augen wanderten ihren Körper entlang. Wie zierlich sie war. Und wie klein! Der Beschützerinstinkt in ihm brach durch. Er würde sie vor sich selbst schützen müssen, denn sie konnte sich nicht helfen. Nicht gegen ihn.
"Hältst du mich für ein Monster?" fragte er leise. Er spürte sofort, dass sie die Luft kurz anhielt und der warme Glanz in seinen Augen erlosch. Ihr Kopfschütteln besänftigte ihn nicht.
"Nein." Sie sah ruhig zu ihm auf. "Nein, nicht mehr. Ich weiß, ich werde wieder betteln danach. Aber wenn du es tust, dann verwandle mich." Ihre Bitte war so leise, dass selbst sein empfindliches Gehör sie kaum verstand.
Seine Kiefermuskeln arbeiteten heftig und er nickte knapp. Dann entzog er ihr seine Hand und richtete sich auf. Aufgewühlt trat er an den Kamin und stütze sich am Sims ab. Lange blickte er ins Feuer und spürte ihre Blicke in seinem Rücken.
"Wenn ich das tue, Anya, wird sich alles verändern. Du weißt noch lange nicht genug darüber, um wirklich entscheiden zu können." erklärte er schließlich, richtete sich auf und wandte sich ihr zu. Reglos lag sie vor ihm. Der Feuerschein züngelte über ihre weiche Haut und ließ ihre blonden Haare wie flüssiges Gold glänzen. Noch immer waren die Spuren seiner Stockhiebe auf ihrer Haut zu sehen. Kurz lächelte er darüber und sog den Anblick in sich auf. Ihre klaren Augen ruhten fragend auf ihm und warteten auf Erklärungen.
Aber er war nicht bereit, sie ihr zu geben. Unruhe brannte in ihm. Sein Jagdtrieb setzte ein. Die Reise hatte ihm viel abverlangt. Witternd hob er den Kopf und starrte auf die schweren Vorhänge, die die Fenster verdeckten. Irgendwo schlug eine Turmuhr ein einziges Mal. Es war spät. Marseille schlief bereits und er würde eine Weile suchen müssen, um einen nüchternen Menschen zu finden.
Wortlos verließ er mit langen Schritten das Zimmer und ließ Anya verwirrt blinzelnd zurück.

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