Sonntag, 28. November 2010

Noctambule: Rückblick - Offene Rechnungen

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Toulouse 1189

Bruder Ustul war wütend. Seit drei Monaten war dieser Nichtsnutz einfach verschwunden. Das letzte Mal hatte Ustul ihn in der Kathedrale beim Schlafen erwischt und zurecht gewiesen. Er war dabei ja sogar noch recht sanft gewesen, fand er. Andere hätte er längst rausgeworfen, aber Armand machte gute Arbeit, war normalerweise sehr zuverlässig und wenn er jemals begriff, dass er wirklich gute Arbeiten machte, wäre er sowieso schnell Meister und würde Ustul ein ernstes berufliches Problem bereiten.
Schon aus diesem Grund hatte er immer versucht, den jungen Kerl zu kontrollieren und sein Selbstbewusstsein klein zu halten. Das Lob und die Sonderzuschüsse für hervorragende Steinmetzarbeiten kassierte Ustul für sich ein und rieb sich im stillen Kämmerlein die Hände.


Jetzt aber war dieser Dreckskerl einfach verschwunden. Erst hatte er Ustul ja noch vermutet, dass er einfach mal auf den Putz haut und sein Geld im Bordell ausgibt. Dafür hätte er noch halbwegs Verständnis gehabt, auch wenn er am ersten Tag von Armands Verschwinden jedem erzählte, dass er ihm die Finger brechen würde.
Aber mit der Zeit wurde er dann doch unruhig und ließ ihn suchen. Überall in der gesamte Stadt schwärmten Gesellen und Lehrlinge seiner Gilde aus. In der kleinen, kahlen Kammer von Armand fand sich nichts besonderes.
Offenbar hatte Armand nicht nur sparsam und bescheiden gelebt, sondern auch noch gern gelesen, denn er fand einige Schriften. Langweiliges Zeug, Gedichte und Lieder fand Ustul und er hatte sie verständnislos auf das leere Bett geworfen.

Aber nun tobte er. Dieses Verhalten konnte er nicht dulden. Alles ging schief, seitdem dieser miese, verkommene Dummkopf seine Arbeit und seinen Meister im Stich gelassen hatte. Und das ausgerechnet jetzt, im letzten Stadium des Baus, wo ihm der Bischof und sogar der Papst im Nacken saßen!
"Er wird diesen Ort nie wieder betreten! Ich werfe ihn raus! Mit Schimpf und Schande! Er soll nicht wagen, mit noch mal unter die Augen zu geraten! Ich brech ihm das Genick!" brüllte er seinen Gehilfen an, der bereits den Kopf einzog und eifrig versuchte, unsichtbar zu sein. Aber selbst dieses Verhalten reizte Ustul zur Weißglut.
"Steh nicht so dämlich da herum, du Idiot! Scher dich raus! Verbrenn sein ganzes Hab und Gut! Nichts von ihm will ich noch sehen!" keifte er mit sich überschlagender Stimme. Der verschreckte Mann flüchtete hinaus und atmete erst tief durch, als er genug Abstand zwischen seinen Meister und sich gebracht hatte.
Der feiste Leib des Baumeisters bebte vor Zorn und er keuchte röchelnd vor Atemlosigkeit. Noch immer nicht besänftigt lief er in trippelnden Schritten auf und ab und malte sich aus, was er diesem faulen, arbeitsscheuen, undankbaren Schmarotzer alles antun wollte.
"Dieser undankbare Faulpelz! Sohn einer Hure! Verrecken soll er in der Gosse!"
"Wo ich hingehöre, nicht wahr?" schnurrte eine dunkle Stimme hinter ihm. Ustul fuhr herum und starrte gegen die Brust des wesentlich größeren Armand. Schockiert hob er den Blick zu Armand hoch und taumelte einige Schritte zurück.
"Du? Was.. wo.." stammelte er und spürte einen unangenehmen Stich in der Herzgegend.
Armands Haare waren länger geworden. Sie hingen ihm teilweise in das Gesicht, das erschreckend blass war. Um so dunkler wirkten nun diese Augen. Sie erschreckten Ustul bis ins Mark. Vielleicht sogar besonders deshalb, weil Armand den Kopf zu ihm senkte und seine Augen dabei seltsam freundlich lächelten.
Mit einer eleganten Bewegung schob Armand seinen Umhang über die Schulter zurück und folgte Ustuls Bewegungen mit einem lässigen Seitenblick.
"Du willst mich also hinaus werfen lassen. Und mein Genick brechen?" Ustul jappste nach Luft. Nicht nur, dass es ihm ein Rätsel war, wie dieser Bursche hereinkommen, wenn nur das Fenster offen war, die Stimme von Armand war ihm vorher nie so volltönend aufgefallen. Sein Kinn bebte vor Unruhe.
Ustul versuchte sich selbst seine berechtigte Wut zurück zu rufen. Dieser unverschämte Kerl hatte gar kein Recht, hier derart arrogant und selbstgefällig aufzutauchen! Was bildete der sich überhaupt ein? Mit einem Räuspern, das eher nach einem Krächzen klang, streckte er das Kinn vor.
"Allerdings! Was fällt dir ein…" weiter kam er nicht. Er hatte gar nicht gesehen, dass Armand sich bewegt hatte und doch stand er nun plötzlich wieder dicht vor ihm, das Gesicht zu ihm herunter gebeugt und fast berührten sich die Nasen. Ustul stieß ein Quieksen aus, das an ein panisches Schwein erinnerte. Armands Nase blähte sich.
"Mir fällt vieles ein, Ustul." Der Meister blinzelte über diese respektlose Anrede.
"Besonders fällt mir ein, dass ich noch einige Rechnungen offen habe."

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