Donnerstag, 21. April 2011

Noctambule II: Rückblick - Nicht gut!

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Krim 1345

Die Hand von Blauauge blieb schwer auf ihrer vom Weinen zuckenden Schulter liegen, während der fremde Mann an dem Tisch etwas aufschrieb und dann mit den Fingern trommelnd wartete. Dann wurde die Zeltbahn des anderen Einganges gehoben und der große Mann mit den schwarzen Augen in dem bleichen Gesicht kam herein. Er musste sich tief bücken, um durch den niedrigen Eingang zu passen und richtete sich im Inneren nur vorsichtig auf, weil er befürchtete, die Zeltdecke zu erreichen. Er warf einen langen Blick zu der schluchzenden Ebru und wandte sich dann an den Schreiberling.


Ebru sah, wie er einen Geldbeutel zog und Münzen die Besitzer wechselten. Der große Mann bekam ein Pergament mit einem Siegel von Signore, Hände wurden geschüttelt und dann drehte der Große sich endlich zu Ebru um und sah zu ihr hinunter. Sie versuchte, ihr Weinen zu unterdrücken, als sie mit tränenfeuchten Augen kläglich zu ihm aufsah. In seinem ernsten Gesicht zeichnete sich ein feines Lächeln ab, als seine Finger über ihre Wange strichen und sich dann unter ihr Kinn legten.
"Wie heißt du?" fragte er mit dunkler, samtweicher Stimme. Ebrus Knie wurden kurz weich bei dieser Stimme und sie musste kurz schlucken. Ihr Blick blieb fragend und unsicher, daher formulierte der Mann seine Frage um.
"Dein Name?" Das verstand Ebru und sie antwortete mit einem kleinen Quiekser in der Stimme, hervorgerufen durch ihre Unsicherheit und das Schluchzen, das immer noch heraus wollte. Er schien dem Klang ihres Namens nachzulauschen und nickte dann langsam. Dann holte er sich ihre Hand und zog sie an der Hand mit aus dem Zelt, wohl bemerkend, dass sie noch einmal über die Schulter zurücksah und einen verzweifelten Laut ausstieß, als ihre Schwester noch immer nicht zu sehen war.
Ohne auf ihre Umgebung zu achten, ließ sie sich von dem großen Mann über den Markt führen. Artig und ohne Gegenwehr folgte sie ihm auf gleicher Höhe, nachdem er sie mehrere Male heran gezogen hatte, weil sie unsicher versucht hatte, etwas hinter ihm zu bleiben. So gehörte sich das in ihrer Heimat, aber ihr neuer Besitzer schien das nicht zu wollen. Seine Hand schloss sich warm und fest um ihre während ihres Weges. Ab und zu senkte er den Blick zu ihr, sah dann aber wieder nach vorne. Ebru bemerkte überrascht, dass er seine langen Schritte verkürzte und ihren Schritten anpasste, damit sie nicht rennen musste.
Es dauerte ziemlich lange, bis sie endlich wagte, ihn genauer von der Seite zu mustern. Noch nie hatte sie so einen großen Menschen gesehen und so weiß auch noch nicht. Aber sie fand ihn unendlich schön und sein Profil hatte etwas sehr Edles, was sie nicht einstufen konnte. Vielleicht war er ja ein machtvoller Mensch in seinem Stamm oder sogar ein König. Ebru beschloss, ihr Bestes zu tun, um ihn zufrieden zu machen und egal welche Arbeit er ihr auftragen würde, wollte sie sie gewissenhaft erledigen.
Gerade hatte sie diesen Entschluss gefasst, als sie das Haus erkannte, auf das er zusteuerte. Es wirkte so alt, verfallen und armselig, dass sie es kaum fassen konnte. In ihrer Heimat baute man mit Lehm und nicht mit Steinen. Das lag aber nur daran, dass es dort keine Steine gab, die so praktisch viereckig waren wie diese hier. Dennoch hätte jeder in ihrem Dorf lieber mit Lehm und Kuhdung das Haus instand gesetzt, als es so verfallen zu lassen. Das war völlig gegen die eigene Würde.
Sie wagte einen kurzen, musternden Blick zu ihrem neuen Herren hinauf, doch der drückte nur die Tür auf und nickte ihr zu, um ihr zu bedeuten, vor ihm hineinzugehen. Das gehörte sich natürlich gar nicht für sie, denn dem Mann gebührte stets das Recht, zuerst sein Haus zu betreten. Im Stillen bat sie ihre Eltern um Verzeihung und ging hinein.
Der kalte Steinfußboden war halbwegs sauber, aber die Wände waren ohne Teppiche oder Schmuckstücke. Zuhause hatte Ebru immer auf dem Boden gehockt, wie jeder in ihrer Sippe. Doch hatte sie bereits genug Stühle und Tische gesehen, um zu wissen, dass die Einrichtung hier mehr als alt und schäbig war. Diese Zustände erschreckten Ebru sehr und verleiteten sie zu einem missbilligenden Schnalzen. Sofort riss sie sich zusammen und warf einen entschuldigenden Blick zu ihrem Herren, der sie offenbar amüsiert beobachtete.
"Gefällt es dir nicht?" fragte er sie, doch sie verstand ihn nicht. Aber seine ausbreitende Armbewegung und der fragende Gesichtsausdruck ließ sie seine Frage erahnen und sie schüttelte den Kopf.
"Nicht gut und dreckig!" erklärte sie mit ihrer gutturalen, singenden Stimme. Der große Mann schmunzelte und nickte. Dann schob er sie vor sich zu einem Zimmer und öffnete es. Ebru sah ein schlichtes Zimmer mit einem kleinen Fenster, einer Matratze auf dem Boden und einer Decke. Fragend schaute sie zu ihrem Herren auf und machte große Augen, als sie seine Geste verstand.
"Das ist dein Zimmer." Ungläubig deutete sie auf sich selbst und sah sein freundliches Nicken. Noch nicht einmal Zuhause hatte es so etwas gegeben. Dort lebte die ganze Familie unter einem Dach und es gab nicht eine Wand darin. Nun sollte sie wirklich ein eigenes kleines Haus im großen Haus haben! Ein Strahlen ließ ihre weißen Zähne aufblitzen, doch schon wurde sie weiter geschoben. Wieder sah sie ein Zimmer, doch dieses Mal mit einem Bett. Der große Mann deutete auf sich selbst und Ebru verstand. Er schlief also nebenan.
Ebru nickte zum Zeichen des Verstehens und da sie unsicher stehen blieb, weil sie nicht wusste, was sie nun tun sollte, nahm er ihre Hand und zog sie zum Bett, wo er sie sanft hinunter drückte. In Ebru stieg Unbehagen auf. Sie war zu Hause einem jungen Mann versprochen, doch noch völlig unberührt. Von ihrer Mutter wusste sie, dass es nicht unbedingt immer Spaß machte, aber wohl auch sehr schön sein konnte. Nun aber überfielen sie Scham und Unsicherheit und so klemmte sie ihre Beine fest zusammen und faltete die Hände im Schoß.
Doch ihr Herr setzte sich neben sie und betrachtete sie lange. Fasziniert beobachtete sie, wie sich seine Nasenfügel blähten. Es erinnerte sie an eine Kuh, die die Nüstern öffnete, um Gerüche einzuatmen.
"Du bist also Ebru?" fragte er und deutete erneut auf sie.
"Ja, Herr." Eifrig und schnell nickte sie und sah, wie er nun auf sich deutete.
"Ich bin Armand." erklärte er. Ebru fand den Namen schwer auszusprechen. Ihr rollendes "R" verhinderte eine korrekte Nachahmung, brachte ihn aber zum Schmunzeln. Sie versuchte es dreimal, dann strahlte sie ihn an, weil sie einen Kompromiss gefunden hatte.
"Herr Name Armand." kombinierte sie stolz, was ihn zum lautlosen Lachen brachte. Wieder berührten seine Finger ihre Wange und strichen nun sanft ihren Hals entlang. Folgsam beugte sie den Kopf und beobachtete, wie ihr Herr mit dem Gesicht näher kam. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals und bekam eine Gänsehaut. Doch das hungrige Knurren, dass er nun plötzlich ausstieß, erinnerte sie mehr an ein Raubtier als an einen Menschen und eine kalte Schockwelle lief ihren Rücken herunter.

Kommentare:

  1. Hoppla!!

    Ein Fehler von mir.. eigentlich sollte dieses Kapitel vor dem von gestern kommen. Ihr müsst also einfach denken, gestern sei heute und heute war gestern :D

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  2. Der Rückblick im Rückblick ;)

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  3. Soo - Die Ordnung ist wiederhergestellt. Dieses Kapitel taucht jetzt vor dem gestrigen äh morgigen .. äh.. Ach ihr wisst schon...

    Und ich finde Ebru sehr niedlich. Wie wird sie sich wohl freuen, wenn Siti auch noch dazu kommt. Und wie wird sie sich wohl verhalten, wenn Armand tatsächlich 'eheliche Pflichten' von ihr einfordert?

    Aber sie hat schon großes Glück gehabt bei den Vampiren zu landen. Andere Herren hätten sie vermutlich weniger liebevoll behandelt. Aber was mag der Abschluss dieser Behandlung sein? Der Gang in die Freiheit oder der Tod wegen akuter Anämie?

    LG
    Joe

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