Dienstag, 26. April 2011

Noctambule II: Das Urteil

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Die Zeit schlich endlos langsam. In Miriams Zimmer blieb es nun völlig still. Sie schaute aus dem Fenster, manchmal verfolgte sie nur die Regentropfen, die sich an der Scheibe herunter schlängelten. Als es klopfte, zuckte sie erschrocken zusammen, so sehr hatte sie sich in sich selbst zurückgezogen. Nun schaute sie bang zu dem Butler, der die Tür leise öffnete, obwohl sie ihn nicht herein gerufen hatte.
"Euer Herr Vater wünscht Euch im Salon zu sehen, Mademoiselle." Er versuchte sehr neutral zu klingen. Natürlich hatte sich der Skandal bereits unter dem Personal herum gesprochen. Der Butler verurteilte Miriams Verhalten zutiefst. Schweigend führte er Miriam durch das Haus und öffnete ihr die Tür zum Salon.


Miriams Herz schlug bis zum Hals. Ihr Vater stand am wärmenden Kamin, die Hände auf dem Rücken verschränkt und drehte sich mit ernstem Blick zu ihr um, als sie eintrat.
Miriam entdeckte auch ihre Mutter. Sie saß kerzengerade auf dem Sofa, die Hände im Schoß gefaltet und einen traurigen Ausdruck im Gesicht, der Miriams Herzklopfen nur noch verschlimmerte. Offenbar hatte Mama alles versucht und war gescheitert.
Der Comte bot Miriam keinen Platz an. Er musterte sie lange schweigend und wippte dabei auf den Füßen. Wenn er Miriams verweintes Gesicht erkannte, ließ er es sich nicht anmerken. Nur Mama biss sich auf die Lippen und warf ihrem Mann einen langen, um Nachsicht bittenden Blick zu. Aber er sah nicht zu ihr.
"Ich hoffe, du hattest genug Zeit zum Nachdenken, Miriam." eröffnete er das Gespräch mit ruhiger, fester Stimme. Miriam presste die Lippen zusammen und nickte kurz. Sie hatte so einen trockenen, kratzenden Hals, dass sie nicht wagte zu sprechen. Sie sah ihm an, dass er auf eine Aussage wartete und schluckte erneut. Erst nach dem zweiten Räuspern konnte sie leise antworten und ihre Stimme zitterte dabei.
"Es tut mir wirklich leid, Papa." Ihrem Satz folgte tiefe Stille. Miriams Augen wanderten flehend zu ihrer Mutter, doch die betrachtete betreten ihre Fingernägel.
"Nun, das sollte es, junge Dame. Aber es genügt nicht." Die Stimme des Comtes klang hart wie eine Peitsche. Sein Gesicht war streng und unnahbar. So kannte sie ihren Vater gar nicht. Miriam sog die Oberlippe zwischen die Zähne und senkte den Kopf noch weiter. Der Comte begann erneut auf und ab zu gehen.
"Ich bin schwer enttäuscht von dir, Miriam. Du hast mein komplettes Vertrauen missbraucht." begann er seine Strafpredigt.
"Ich hatte dir ausdrücklich verboten, das Haus zu verlassen und es dir sogar noch wirklich besorgt erklärt! Es ging um deine Sicherheit und mehr! Was, wenn man dich entführt und uns erpresst hätte?" Er warf ihr bei seiner Wanderung vor dem Kamin einen bösen Blick zu. Miriam kaute auf ihrer Lippe. An diese Möglichkeit hatte sie überhaupt nicht gedacht.
"Dazu kommt, dass du denen, die wir – und das betone ich ausdrücklich – aus gutem Grund verdächtigen, unseren Plan verraten. Du hast deinen eigenen Vater verraten und sie gewarnt! Das verletzt mich zutiefst. Was aber noch schlimmer ist, du hast die Sicherheit der Bevölkerung einfach in den Wind geschlagen! Wenn sie die Verbrecher sind, für die wir sie halten, hatten sie nun die Gelegenheit, sich zu verstecken und noch mehr Menschen zu töten! Miriam, was du getan hast, ist unverantwortlich!" Vaters Worte waren wie Donnerhall. Seine Vorwürfe erdrückten und schockierten Miriam. Bebendes Schluchzen brach aus ihr hervor.
"Nun zu Sofie. Es tut mir unendlich leid, dass ich sie entlassen musste. Sie war ein braves Mädchen und hatte eine gute Zukunft vor sich. Aber nicht ich trage die Verantwortung, sondern du! Miriam, du bist im heiratsfähigen Alter. Ich hatte tatsächlich erwartet, dass du in der Lage bist, für dein Personal auch Verantwortung zu tragen. Was haben wir dich nur all die Jahre gelehrt?" Er blieb stehen und betrachtete mit traurigem Blick seine Tochter. Er übersah dabei geflissentlich den mahnenden Blick seiner Gattin. Aber ihre Worte der letzten, sehr heftigen Diskussion hatte er noch genau im Ohr. "Wir haben sie verwöhnt und behütet. Die Verantwortung haben wir, nicht das Kind!"
Der Comte atmete tief durch und wünschte sich, endlich alles hinter sich zu haben. Sein Herz war schwer, aber seine eigene Erziehung und all seine Prinzipien verlangten den nächsten Schritt. Er wünschte sich nur, Miriam würde nicht so steinerweichend schluchzen.
"Ich habe den ganzen Vormittag nachgedacht und bin zu folgendem Entschluss gekommen." Er musste sich räuspern und stellte sich so, dass er schräg hinter seiner Frau stand, um deren Blicke nicht sehen zu müssen und dennoch den Eindruck einer gemeinsamen Entscheidung zu vermitteln. Dabei war seine Frau absolut gegen seine Entscheidung. Aber noch hatte er hier das Sagen.
"Ich habe bereits einen Brief an meine Cousine Margaret in Birmingham verfasst. Du wirst deine Koffer packen und sobald ihre Antwort da ist, zu ihr aufbrechen." Miriams Schluchzen hörte auf. Sie starrte ihn aus tränennassen Augen an. Der Comte schluckte und sprach mit kalter Stimme weiter.
"Margaret wird in den nächsten Wochen England verlassen und in die Kolonie reisen, wo ihr Sohn Peter einen einflussreichen und sicheren Posten belegt. Unser Wunsch ist es, dass du Peter kennenlernen und ehelichen wirst. Ich bin davon überzeugt, dass die Reise und das Leben in Sumatra deinen Verstand schärfen und deinen Horizont erweitern wird. Nein, keine Widerrede! Mein Entschluss steht fest!"
Miriam hatte den Mund zu verzweifeltem Widerspruch geöffnet. Nun klappte sie ihn sprachlos wieder zu. Mit angehaltenem Atem sah sie ihren Vater an, der sich nun räusperte, noch einmal nickte und dann mit festen Schritten den Salon verließ. Miriam sah entsetzt auf die Tür, die sich hinter ihm schloss. Sie begann am ganzen Leib zu zittern und wäre wohl zusammen gebrochen, wenn die Arme ihrer Mutter sie nicht festgehalten und an sich gedrückt hätten. Mutter und Tochter sanken aneinander geklammert auf den Boden. Miriam weinte laut und hemmungslos. Ihre Mutter streichelte stumm die dunklen Locken ihrer Tochter und weinte still.

Kommentare:

  1. Oh Gott - Arme Miriam - Arme DUMME Miriam...

    Der Comte ist aber auch nicht wirklich schlauer.

    Er hat sie jahrelang in einen goldenen Käfig gesperrt, ihr jegliches Abenteuer verweigert und sie hat die erste sich bietende Chance genutzt. Das dies zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt kam, ist dummer Zufall. Er erwartet hier eine Weitsicht und Umsicht von ihr, welche sie nie haben konnte. Er hätte auf seine Gattin hören sollen. Natürlich trägt er, zumindest in weiten Teilen auch selbst die Verantwortung für Miriams Fauxpas. Soviel dazu.

    Jetzt hat George einmal mehr eine Stadtbewohnerin getötet. Ich gehe nicht davon aus, dass er diesmal den Anstand besitzt den leblosen Körper verschwinden zu lassen. Eine Leiche mehr liegt also auf den Straßen Marseilles. Und einmal mehr wird man Armand, Anya und Sergej verdächtigen. Zumal der Comte nun auch noch genau das passieren sieht, was er befürchtet hatte. Auch wenn er sich nunmal irrt.

    So und ich hatte RECHT! Es ist zwar nicht USA aber es ist in die Kolonie. Nach Sumatra, soll die arme bleiche Miriam gehen? In die Vampirunfreundlichste Gegend, die es gibt? Ob ihr dahin Anya folgen wird? Wie durchquert ein Vampir die Wüste, wo die Nächte kurz und der Schatten rar ist? Oder wird all das doch noch abgebogen und man nimmt Miriam mit aus dem Haus?

    Ich bin gespannt, was mit der armen Kleinen passiert.

    Gruß
    Joe

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  2. ganz einfach miriam wird sergejs neue freundin, der ist ja grad single und miriam von zuhause verstoßen und wenn anya vorbei kommt nimmt sie miriam einfach mit. dann wird das so wie in den rückblick mit den beiden schwestern, jetzt eben nur mit zwei besten freundinnen und beziehungstechnisch ist alles in butter und george kann es einfach nicht lassen und geht natürlich zurückm immer diese ewigen rache gelüste

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