Freitag, 8. April 2011

Noctambule II: Nach Hause geschickt

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II


Als Miriam sich suchend umblickte, hatte sie auf einmal Anyas blasses Gesicht vor sich. Sie zuckte zusammen und holte bereits Luft für einen Schreckensschrei, als Anyas Hand sich fest auf ihren Mund presste.
"Psssst!" Miriams Freude war übermächtig. Sie fiel Anya einfach um den Hals und drückte sich bebend an sie. Erleichtert spürte sie Anyas Arme und löste sich strahlend wieder von ihr.


"Ich bin so froh dich zu sehen! Du musst mir alles erzählen! Ich…" Anya legte mahnend ihren Finger auf Miriams Lippen und das Mädchen verstummte irritiert. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Anya ebenfalls kreidebleich war. Sehr besorgt betrachtete sie ihre Freundin. Anya hatte sich verändert. Nicht nur, dass Miriam sie niemals zuvor in Hosen gesehen hatte und auch nie so schmutzig und zerzaust. Das störte Miriam nicht, denn schließlich hatte Anya ein schreckliches Abenteuer hinter sich.
Aber Anyas Blässe war ungewöhnlich und auf eine seltsame, sehr ungewohnte Weise strahlte sie nun etwas aus, das Miriam nicht deuten konnte.
"Was ist denn nur los?" flüsterte sie kaum hörbar. Anya betrachtete sie mit einem etwas traurigen Lächeln. Sie roch das heftig rauschende Blut ihrer kleinen Freundin und kämpfte mühsam gegen die plötzlich eintretende Gier an. Miriam duftete süß und verlockend. Zum ersten Mal musste Anya sich mit aller Kraft zurückhalten. Ihr Blick flog zu Armand, der noch immer im Schatten verborgen stand und ebenfalls die Nase witternd hob. Mit einem Mal verstand sie die Qual, die Armand so lange hatte ertragen müssen, wenn er in ihrer Nähe gewesen war.
Mühsam um Selbstbeherrschung ringend schloss sie die Augen und atmete tief durch.
"Viel ist passiert, Miriam. Aber erzähl du erst einmal. Was tust du hier? Warum trägst du dieses Zeug? Aber sei um Himmels Willen leise!" Miriam nickte und sah sich verschwörerisch um. Sie schien Armand noch nicht entdeckt zu haben.
"Ich habe dir einen Brief geschrieben, um dich zu warnen!" Sie schob den zusammengefalteten Zettel in Anyas Hand. "Mein Vater hat mir gesagt, dass ihr verdächtigt werdet, die Morde in Marseille begangen zu haben. Er sagte, er will euer Haus durchsuchen. Er meinte, euer angeblicher Urlaub sei in Wahrheit eine Flucht!" wisperte sie aufgeregt.
Anya überflog kurz die Zeilen und steckte den Brief wieder weg. Dann warf sie einen ratlosen Blick zu Sergej. "Ich bin dir sehr dankbar Miriam. Du hast dich in eine böse Patsche gebracht. Was ist, wenn man dich erkennt? Das gibt Ärger zu Hause!" Miriam nickte bedrückt.
"Aber ich glaube nicht, dass ihr Mörder seid!" erklärte sie flüsternd. Nun entdeckte sie auch Armand, der sich kurz bewegt hatte. Erschrocken starrte sie auf die schmutzige Augenbinde und hielt die Luft an. Gleichzeitig spürte sie Anyas Hand beruhigend auf ihrem Arm. Als Miriams Blick fragend in ihr Gesicht zurückglitt, erkannte sie ein wehmütiges, melancholisches Lächeln. Sie konnte es sich nicht erklären, aber ihr wurde unbehaglich zumute.
"Was ist denn nur geschehen? Ich verstehe das alles nicht! Warum sollt ihr auf einmal böse Verbrecher sein?" wisperte sie kläglich. Anya zog sie in den Arm. Sie fühlte sich plötzlich wie die große Schwester, die dem naiven, behüteten kleinen Mädchen Dinge erklären sollte, die sie selbst noch nicht vollkommen verstanden hatte.
"Miriam, ich weiß es selbst nicht genau. Aber wir werden hier nicht bleiben können. Wir müssen noch einmal in unser Haus. Danach verlassen wir die Stadt." erklärte sie leise. Miriam drückte sich mit einem leisen Stöhnen an Anya, die gequält die Augen schloss. Miriams Hals war zu verlockend und so nah. Sie musste nur einfach zubeißen. Ein einziges Mal vielleicht und nur kurz? Als sie den Blick hob, sah sie genau in Sergejs Augen, der mahnend den Kopf schüttelte. Widerstrebend löste sich Anya aus der Umarmung und schob Miriam etwas von sich.
"Du musst zusehen, dass du ungesehen wieder nach Hause kommst. Danke für deine Warnung. Ich werde mich bei dir melden, sobald ich kann. Versprochen!" Miriam nickte langsam und schluckte schwer.
"Aber ich möchte doch wissen, was geschehen ist!" Ihre Stimme war kläglich geworden, bettelnd wie die eines Kindes, das nicht verstand, warum es keinen Nachtisch bekam.
"Ich werde es dir erzählen. Aber nicht jetzt. Überall sind Gardisten und ich will nicht, dass dir etwas geschieht." Miriam hatte das Gefühl, dass Anyas Stimme samtiger geworden war und auf eine ganz seltsame Art und Weise sehr betörend. Trotzdem wollte sie sich jetzt, wo alles nach einem spannenden Abenteuer roch, nicht einfach wegschicken lassen.
"Ich kann euch doch helfen! Ich kann die Wachen doch ablenken und ein bisschen flirten!" schlug sie eifrig vor. Nun schaltete sich Sergej mit einem leisen Lachen ein. Er senkte den Kopf zu ihr und strich mit den Rückseiten seiner Finger über ihre Wange.
"Ich glaube nicht, dass Ihr wissen wollt, wie Gardisten flirten, kleine Mademoiselle." flüsterte er dicht an ihrem Ohr. Miriams Gesicht wurde dunkelrot. Als sie zu ihm aufblickte, spürte sie ein kleines Flattern im Bauch und biss sich auf ihre Unterlippe. Sergej sah so unglaublich verwegen aus, leicht schmutzig im Gesicht, die lockigen Haare zerzaust und mit amüsiert glitzernden Augen. Sein Dreitagebart ließ darauf schließen, dass er keine Gelegenheit für intensivere Körperpflege gehabt hatte. Kokett legte sie den Kopf schief und zwinkerte.
"Ach, vielleicht möchte ich es aber doch wissen? Oder flirtet Ihr etwa besser? Dann würde ich es mir überlegen!" konterte sie mit plötzlich aufkeimendem Selbstbewusstsein. Sergej lachte lautlos und seine Schultern zuckten. Auch Anya wirkte amüsiert.
"Vielleicht solltest du sie nach Hause bringen, Sergej? Dann kannst du ihr womöglich erklären, wie du flirtest." schlug Anya dem Freund zwinkernd vor. Sergej begann zu grinsen, schloss aber seine Lippen rasch wieder, bevor Miriam die verräterischen Zähne sehen konnte.
"Das ist eine gute Idee. Und gleichzeitig kann ich mir sicher sein, dass der kleinen Dame hier nichts geschieht. Wartet ihr hier solange?" Anya nickte und erkannte Miriams kleines Schmollgesicht. Lächelnd zog sie ihre Freundin noch einmal in die Arme und wich dann zurück in den Schatten.
"Ich schwöre dir, dass ich nichts verbrochen habe, Miriam. Glaub mir bitte. Und sei vorsichtig!" flüsterte sie. Miriam atmete beruhigt auf und versuchte ein banges Lächeln. Anyas Versprechen beruhigte sie sichtlich.
Sergej ergriff Miriams Hand und schob sie auf seinen Arm. Mit einer galanten Bewegung führte er sie auf die Straße zurück und schien in aller Seelenruhe mit ihr davon zu spazieren. Für einen Betrachter wirkten sie wie ein Paar, das sich für diese eine Nacht miteinander verabredet hatte. Niemand würde sie beachten, hoffte Anya, als sie sich Armand zuwandte.

Kommentare:

  1. Armand scheint also immer noch blind zu sein. Das ist schon mal dooooooof.... Wo sind die Selbstheilungskräfte?

    Und wohin zieht die Truppe nun um? Bleibt Sergej noch bei ihnen? Er ist wirklich ein fürsorglicher Freund. Jetzt darf er nur nicht an der kleinen Miriam naschen.

    An wem nascht die kleine Anya nun eigentlich? Sie hat ja offensichtlich großen Hunger. :)

    LG
    Joe

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  2. draußen gibt es ja ne menge , da fällt es doch gar nicht auf wenn der ein oder andere male verschwindet :)

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