Montag, 18. April 2011

Noctambule II: Erwischt

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Miriam hatte den Heimweg mit Sergej widerstrebend angetreten. Aber ihr Begleiter erwies sich als überraschend galant. Er bot ihr seinen Arm an und unterhielt sie unterwegs mit allerlei Anekdoten aus seinem Leben.
Jung wie sie war hatte sie das seltsame Gefühl, Sergej müsste eigentlich ein uralter Mann sein, der am Stock geht. Er schien schrecklich viel erlebt zu haben. Lachend wies sie ihn darauf hin, als er ihr eine kleine Geschichte aus de holländischen Krieg berichten wollte.


"Aber Monsieur! Nun nehmt Ihr mich nicht ernst! Dieser Krieg fand doch vor hundert Jahren statt! Da könnt Ihr nicht dabei gewesen sein!" mahnte sie altklug und war zum ersten Mal froh, ihrem Privatlehrer doch manchmal recht gut zugehört zu haben. Sergej biss sich auf die Lippen und senkte demütig den Kopf. Innerlich schimpfte er sich erbost aus.
"Ihr habt mich erwischt, Mademoiselle. Vergebt mir. Das liegt nur daran, dass mich Euer Lachen so beflügelt. Ich will unbedingt Geschichten erzählen, die Euer bezauberndes Lachen erzeugt!" schmeichelte er lächelnd. Miriam hatte ihm schon verziehen. Die schmerzenden Schuhe waren fast vergessen und der Heimweg war keineswegs so bedrohlich wie der Weg zu Anyas Haus. Gut gelaunt kamen sie an ihr Ziel und an der Straßenecke gegenüber dem Elternhaus blieb Sergej verabschiedend stehen. Er nahm die kleine Hand Miriams und führte sie an seine Lippen.
"Und nun ab ins Haus mit Euch, kleine Comtesse. Und sofort raus aus diesen unwürdigen Kleidern und hinein ins sichere Bettchen! Versprecht mir, dass Ihr keine Eskapaden mehr macht!" forderte er mit ernstem Gesicht. Miriam kicherte und machte einen Knicks. "Versprochen!" versicherte sie ihm und wandte sich um. Sergej sah ihr hinterher, bis sie im Schatten der Seitenstraße verschwand, wo der Dienstboteneingang lag. Er war selbst überrascht, dass ihm Miriams Sicherheit so wichtig war. Er hätte sie mit Leichtigkeit überrumpeln und aussaugen können. Verlockend genug war die Kleine ja.

Das Haus war dunkel. Miriam hoffte inständig, dass Sofie wie verabredet auf sie wartete und ihr Klopfen am Seiteneingang hören würde. Ohne Sergej war die Nacht plötzlich wieder kalt und unheimlich. Sie klopfte zögernd. In der Stille der Nacht klang das Klopfen wie ein Donnerschlag. Miriam biss sich auf die Lippen und sah sich unbehaglich um. Warum brauchte Sofie so lange?
Wieder klopfte sie, diesmal energischer. Fröstelnd zog sie den Schal enger um ihre Schultern. Noch immer konnte sie keine Schritte hören. Sie würde das ganze Haus wach trommeln, wenn sie noch fester klopfte. Aber sie wollte auch nicht mehr lange hier draußen herum stehen. Hätte Sergej sie doch nur bis zur Tür begleitet!
Wieder schlug sie ihre Knöchel an die grobe Holztür. Erleichtert vernahm sie endlich
hastige Schritte. Ein Riegel wurde zurückgezogen und Miriam biss sich auf die Lippen. Was sollte sie nur sagen, wenn nicht Sofie sondern jemand anderes vor ihr stand?
Als die Tür sich verstohlen öffnete, fiel Miriam ein Stein vom Herzen. Sofie schaute vorsichtig durch den Türspalt und zog erleichtert die Tür weit auf.
"Gott sei Dank, Mademoiselle!" wisperte sie. Miriam drängte sich hinein und lehnte sich erleichtert an die raue Wand.
"Warum hat das so lange gedauert? Ich habe mir fast die Finger wund geklopft!" maulte sie. Sofie schaute schuldbewusst.
"Das tut mir leid. Ich habe im Gesinderaum gesessen und muss wohl ein bisschen eingeschlafen sein." meinte sie verlegen. Miriam schnalzte tadelnd mit der Zunge und zog sich bereits die unbequemen Schuhe von den Füßen.
"Ich frage mich allerdings, warum du zum Schlafen nicht ins Bett gehst, Sofie!! Was soll das alles bedeuten?" Der messerscharfe Klang in der Stimme ihres Vaters ließ Miriam entsetzt herumfahren.
Der Comte stand in seinem hastig über das Nachthemd geworfenen Morgenmantel und mit zerzausten Haaren vor ihnen. In der Hand hielt er eine Kerze, deren Schein er mit der Hand angeschirmt hatte. Die beiden Mädchen hatten in ihrer aufgeregten Heimlichtuerei nicht bemerkt, dass er sich genähert hatte und standen nun mit offenen Mündern erstarrt vor ihm.
Miriam wurde heiß und kalt. Dass der Butler vielleicht aufgetaucht wäre, hatte sie befürchtet. Aber mit ihrem Vater hatte sie nie im Leben gerechnet.
"Papa! Was.. was machst du denn hier?" stammelte sie und versuchte damit, Zeit zu gewinnen. Der Comte war nicht weniger verwirrt als die beiden Mädchen. Ungehorsam war er nicht gewohnt. Nicht von einer Zofe und schon gar nicht von seiner Tochter. Er konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen, was die beiden Mädchen zu nachtschlafender Zeit im Dienstbotentrakt zu suchen hatten.
"Ich wollte gerade zu Bett gehen. Die Sorgen halten mich wach. Und zusätzlich der Lärm an der Tür!" Verwirrt schaute er von Sofie zu Miriam. Erst jetzt fiel ihm die Kleidung seiner Tochter auf. Die Erkenntnis, dass nicht Miriam Sofie die Tür geöffnet hatte sondern umgekehrt, machte ihn sprachlos. Sofies ängstliche Blicke, die von Miriam zu ihrem Herren flogen, bestärkten ihn in seinem Verdacht, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmen konnte.
"Würdest du mir bitte erklären, was du in diesen… Kleidern zu suchen hast?" er zwang sich zu herrischer Ruhe und richtete sich gerade auf, was seinen imposanten Bauch weiter nach vorne streckte. Miriam schluckte und zupfte verlegen an ihrem Schal. "Ich…" Der Comte winkte ab und unterbrach ihr Gestammel.
"Du gehst sofort auf dein Zimmer! Sofie, du begleitest sie und hilfst ihr aus diesen Fetzen heraus! In fünf Minuten will ich dich umgezogen sehen, wenn ich herein komme. Und Sofie, du wirst bei ihr bleiben!" befahl er streng. Dann drehte er sich mit wehendem Morgenmantel um und stampfte zurück. Er wartete nicht auf eine Antwort. Seine Befehle waren eindeutig und es gab keinen Zweifel, dass sie befolgt werden würden.

Tatsächlich huschten die Mädchen still hinauf. Während die Schlafzimmertür ihrer Eltern zuknallte und sicherlich damit auch ihre Mutter weckte, schoss Miriam mit glühenden Wangen vor Sofie in ihr Zimmer.
"Himmel, was sage ich denn nun?" wimmerte sie, während Sofie hastig ihr Kleid öffnete und Miriam beim Ausziehen half.
"Die Wahrheit, Mademoiselle. Das ist am Besten." meinte sie leise. Sofie war kreidebleich. Sie ahnte, was auf sie zukommen würde. Dienstboten hatten immer Schuld. Mademoiselle würde ein paar Wochen Hausarrest bekommen, aber sie würde sicherlich entlassen werden. Wie hatte sie nur so dumm sein können, sich auf Miriams Streich einzulassen? Hatte sie eine andere Wahl gehabt? Ohja, die hatte sie. Zwar hätte Miriam mit ihr geschmollt, aber sie hätte ihre Arbeit noch. Wie sollte sie nun ihre Familie unterstützen? Sofie war den Tränen nah.

Kommentare:

  1. Uhhh eine Strafpredigt vom Herrn Vater. Das wird Miriam sicherlich nicht umbringen. Aber was passiert mit der armen Sofie? Mit Personal war man zu dieser Zeit ja nicht sonderlich zimperlich. Aber vielleicht lässt Papa sich ja doch noch erweichen und zeigt Gnade mit dem braven Mädchen. Wenn sie bisher nichts auf dem Konto hat, dann hat sie nun ihren Kredit verspielt, aber könnte ihre Stelle behalten.

    Und Sergej ist ein Lustmolch. Ich glaube der braucht vor allem auch mal wieder eine Frau. Soll Anya doch mal ein paar nette Vampirmädchen kennenlernen :) Vielleicht findet sich ja da die eine oder andere?

    Gruß
    Joe

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  2. sofie wird gefeuert und von sergej ausgesaugt, für irgendwas müssen ja unwichtige nebencharacktäre gut sein *kicher* hm und miriam bekomtm sonen großen anschiss das sie von zuhause weg will und sich anya armand und sergej anschließen will so bald sie erfährt das die weit weg ziehen wollen :)

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