Donnerstag, 7. April 2011

Noctambule II: Ja... aber..

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II


"Na, Süße? So spät noch unterwegs?" Miriam versuchte sich aus dem Griff herauszuwinden. Aber sie löste nur ein amüsiertes Lachen aus. Kurz glaubte Miriam eine Uniform erkannt zu haben und war verwirrt.
"Ich will nur nach Hause! Lasst mich los!" erklärte sie mit unsicherer Stimme. Nun war sie sicher, einen Gardisten vor sich zu haben. Sie verstand nicht, was der Mann hier zu suchen hatte und ärgerte sich, dass sie ihrem Vater nicht davon berichten konnte, um dem Mann mächtigen Ärger zu verschaffen. Sie müsste ihm dazu beichten, was sie draußen zu suchen hatte und das wollte sie ganz gewiss nicht.


"Nach Hause, ja? Wo ist denn dein Zuhause? Wem dienst du?" Miriam presste die Lippen aufeinander und versuchte erneut sich aus dem Griff zu winden.
"Das muss ich niemandem sagen!" schnappte sie trotzig. Wieder lachte der Mann amüsiert und zog sie ein wenig näher zu sich heran. Unter seinen kräftigen Händen spürte er ihren jungen, zierlichen Körper und Lust blitzte in seinen Augen auf.
"Das musst du sehr wohl. Eine junge Zofe alleine unterwegs um diese Uhrzeit.. das ist höchst ungewöhnlich. Bist du ausgerissen?" Miriam schüttelte nur den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, ob sie ihm wirklich Rede und Antwort stehen musste. Bisher hatte man ihr galant alle Wege erleichtert und sie höflich begleitet.
"Na komm schon, Kleine. Sag mir deinen Namen und die Anschrift deiner Herrschaften!" verlangte der Gardist, nun deutlich strenger. Miriam schluckte. In ihrem Plan waren Schwierigkeiten nicht vorgesehen. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Den Namen ihrer Zofe würde sie gewiss nicht preis geben. Aber nun hatte sie eine Idee.
"Ich bin Francoise, die Zofe von Madame Sanisoise!" verkündete sie mit trotzigem Blick und froh über diesen genialen Schachzug. Sie konnte ja nicht ahnen, dass sie damit genau das Gegenteil von dem erreichte, was sie beabsichtigt hatte. Sein Griff an ihrer Schulter verstärkte sich nun schmerzhaft.
"So? Sehr interessant! Und was treibst du hier? Ich habe nicht gesehen, dass du das Haus verlassen hattest. Wo kommst du her?" bellte er. Miriam stockte der Atem. Wenn er sie beim Verlassen des Hauses hätte sehen müssen, bedeutete das ja nichts anderes, als dass er das Haus überwachte! Noch während sie verzweifelt eine Antwort suchte, schüttelte er ihre Schulter ungeduldig.
"Du bist nicht ihre Zofe! Du bist die Sanisoise selbst, hab ich recht? Du kleines Luder versuchst mich hereinzulegen!" knurrte er und griff nach dem Schal, den sie sich um den Kopf geschlungen hatte, um ihn wegzureißen. Mit einem erschreckten Quietschen versuchte sich Miriam loszureißen.
In dem entstehenden Gerangel drängte er sie an die Hauswand und begann zu lachen.
"Wehr dich ruhig. Das macht es reizvoller!" forderte er sie auf und packte sie am Hals. Sein Griff raubte ihr die Luft zum Atmen und ihr wurde schwindlig. Doch plötzlich stoppte er in seinen Bewegungen. Überrascht stellte sie fest, dass sich der Griff plötzlich lockerte. Reichte ihre Gegenwehr etwa aus? War er nicht gewohnt, dass sich Dienstmädchen wehrten? Verblüfft schaute sie in sein Gesicht, das plötzlich seltsam starr wirkte obwohl seine Augen einen fragenden Ausdruck bekommen hatten.
Seine Hand fiel nun schlaff von ihrem Hals ab. Erst jetzt erkannte Miriam den Schatten hinter dem Gardisten, der nun wortlos in die Knie sackte und schließlich zur Seite kippte. Der Schatten trat näher an sie heran. Miriam erkannte das blasse Gesicht Sergejs und vor Erleichterung wurden ihre Knie schwach.
"Ihr! Gott sei Dank seid Ihr da! Danke!" krächzte sie bebend. Sergejs Miene wirkte gereizt. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammen gezogen.
"Hattet Ihr mir nicht versprochen, zu Hause zu bleiben?" zischte er sie leise an. Miriam biss sich auf die Lippen und nickte kleinlaut. Der Mann vor ihr auf der Straße war vergessen. Nicht einmal die Frage, warum er einfach zusammengebrochen war kam ihr mehr in den Sinn.
"Ja.. aber ich…" Sergej ließ sie nicht ausreden.
"Aber was?! Zu neugierig? Zu ungeduldig?" fauchte er. Miriam zog unbehaglich die Schultern hoch und schüttelte den Kopf.
"Ich will Anya warnen." quiekte sie zaghaft. Mit einem Mal bereute sie ihren Ausflug. War sie nun geradewegs in die Hände von einer Bande Meuchelmörder gerannt? Ihr Herz schlug laut und ihre Beine zitterten so sehr, dass die Knie gegeneinander schlugen. Sergejs bleiches Gesicht wirkte plötzlich überhaupt nicht mehr freundlich und hilfsbereit.
"Und woher wisst Ihr, dass sie wieder da ist?"
"Das wusste ich doch gar nicht! Ich wollte ihr einen Brief.." Sergej schnitt ihre Worte mit einer Handbewegung ab und griff nach ihrem Handgelenk.
"Sie ist nicht im Haus. Das Haus wird bewacht!" raunte er und zog sie mit sich. Es ging so schnell die Seitengasse entlang, dass sie mehrfach stolperte, bis Sergej endlich Rücksicht nahm und langsamer wurde. Er ließ ihre Hand nicht los. Wie ein kleines, ungehorsames Kind zog er sie mit sich und sie hatte viel zu schnell den Überblick verloren, wohin es überhaupt ging.

Sergej schien sich besser in Marseille auszukennen als sie selbst. Es ging die enge Gasse entlang, durch ein Haustor hindurch, über den Innenhof und auf der anderen Seite wieder hinaus, die nächste Gasse entlang und als er endlich stoppte hatte Miriam nicht einmal mehr gemerkt, dass sie lediglich in einem weiten Bogen um Anyas Haus herum gelaufen waren, außer Sichtweite von bewachenden Gardisten.
Atemlos und keuchend blieb sie stehen, fragend um sich sehend und insgeheim die Schuhe verfluchend, die nun so sehr schmerzten, dass sie überlegte, die Schuhe einfach auszuziehen und barfuß weiter zu laufen.

Kommentare:

  1. Na dann kommt es ja zum wiedersehen der Freundinnen, ob Miriam zum essen bleibt *frech kichert*

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  2. Sergej ist also wieder da? Das heisst, Anya und Armand vermutlich auch. Es sei denn irgendein Umstand sollte sie getrennt haben.

    Miriam ist übrigens ein wirklich gewitztes Mädel. Ich bin mal gespannt, wie dieser Ausflug nun in die verschiedenen Pläne passt.

    Und was war das überhaupt für ein Gardist? Er ist bärtig? Seit wann sind soldaten denn unrasiert? Und allein unterwegs? Gerade in solchen Zeiten, würde man doch immer mindestens zwei auf eine Streife schicken. Und was genau hat er gemeint, als er sagte, Miriams Gegenwehr mache es reizvoller.

    Ich kann mir nicht helfen, aber mit diesem Kerl ist irgendetwas nicht ganz koscher.

    Gruß
    Joe

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  3. Ich hab mal nachgeschaut und ich hasse es, wenn du Recht hast :-)
    Bärte waren damals den Hochrangigen vorbehalten. Ich werde es demnächst ändern, vielen Dank!

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