Dienstag, 19. April 2011

Noctambule II: Papa muss entscheiden

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band
Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht
Noctambule II


Der Comte de Moureaux war ein gutmütiger Mensch. Das hatte man nicht immer von ihm
behaupten können. Als junger Mann hatte er nichts anbrennen lassen und sein Leben
komplett nach seinen Bedürfnissen ausgelegt. Wer damit nicht zurecht kam, wurde in
seinem Umfeld nicht glücklich.

Er heiratete Annabelle spät und erst nachdem er selbst davon überzeugt war auch wirklich alles, was irgendwie interessant, verrucht, verdorben, verboten und erregend war, gekostet zu haben. Seine Frau bändigte ihn und machte einen ehrbaren Mann aus ihm. In ihrer sanften, stillen Art schaffte sie es, aus ihm einen gemütlichen, zufriedenen Mann zu machen, dem der Genuss des Lebens bekannt war und der in seiner Lebenserfahrung die meisten "Verbrechen" der Gesellschaft als Jugendsünde erkannte, die man nicht zu streng ahnden durfte. Mit dieser Einstellung wurde er zum idealen Leiter der Polizei Marseilles.
Seine Ehe hatte ihm nur diese eine Tochter beschert. Miriam war sein kleines Sternchen, ein Lichtblick und ständiger Quell der Freude und des väterlichen Stolzes. Sie war nicht nur so hübsch wie seine Frau, sie hatte Humor und Courage, war ein kleiner Wildfang, in dem er sich selbst wieder fand und sehr neugierig.
Da er das Leben kannte, wuchs seine Sorge um sein Töchterchen mit jedem Jahr, das es älter wurde. Er behütete und beschützte sie und sorgte dafür, dass jeder Schrecken des normalen bürgerlichen Lebens von seinem Sternchen ferngehalten wurde. Die leisen Ermahnungen seiner Gattin, dass er sie in einem goldenen Käfig zu einer verwöhnten, ahnungslosen Prinzessin verzog, wedelte er mit einer Handbewegung fort. Frauen verstanden einfach nicht, was ihnen alles geschehen konnte.
Dass Miriam nun mit ihren zarten sechzehn Jahren den gröbsten Ungehorsam gezeigt hatte, warf ihn aus der Bahn. Fassungslos stürmte er in das eheliche Schlafgemach, wo seine Frau mit verstörtem Blick im Bett saß und sich an der Bettdecke festhielt.
"Sie hat mitten in der Nacht das Haus verlassen. Verkleidet als billige Magd!" tobte er und knallte den Kerzenständer auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Annabelle zuckte leicht zusammen und musterte ihren Gatten ungläubig.
"Das kann nicht sein! Warum sollte sie das tun?" wagte sie einzuwenden. Der Comte musterte sie schnaubend mit gesenktem Kopf. Seine Aufregung verstärkte seine Kurzatmigkeit und in diesem Moment erinnerte er Annabelle an einen wütenden Stier.
"Das möchte ich auch wissen, meine Liebe! Sie hat sich meinen Anordnungen bewusst und gezielt widersetzt! Meine Tochter!" Wütend rupfte er seinen schief sitzenden Morgenmantel zurecht und band ihn korrekt über dem üppigen Bauch zu. Seine Frau biss sich auf die Lippen.
"Vielleicht solltest du dich erst ein wenig beruhigen. Sicher wird sie einen guten Grund gehabt haben. Bitte reg dich nicht so auf." versuchte sie erneut ihn zu beruhigen. Doch ihr letzter Satz machte alle guten Absichten zunichte. Er grollte wütend.
"Ich muss mich aber aufregen! Da draußen rennen abartige Mörder herum! Und meine Tochter hat nichts Besseres zu tun, als heimlich das Haus gegen mein ausdrückliches Verbot zu verlassen!" Er begann mit großen Schritten den Raum zu durchmessen und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Annabelle verfolgte seine Wege mit gerunzelter Stirn. Sie kannte diese Stimmung und ihre Sorge wuchs. Wenn Miriam keinen wirklich guten Grund hatte, stand ihr eine Strafe bevor, vor der Annabelle ihre Tochter nicht würde schützen können. Heftig beunruhigt suchte Annabelle nun einen Ausweg.
"Aber wie konnte sie das alleine? Wer hat ihr geholfen?" bohrte sie nach.
"Sofie!!" Der Comte spuckte den Namen seiner Angestellten aus. Annabelle atmete tief durch. Um Miriam zu schützen, musste die kleine Sofie nun leider das Büßerhemd anziehen. Als Mutter würde Annabelle keine Maßnahme scheuen, ihr Kind zu retten und wenn Sofies Leben dadurch ruiniert werden würde, dann sollte es wohl so sein.
"Dann kannst du Miriam nicht bestrafen, mein Lieber. Sofie hat sie unterstützt und ihr allein steht die Schuld zu, dass Miriam das Haus überhaupt verlassen konnte!" erklärte sie ruhig. Der Comte blieb stehen und betrachtete seine Frau verblüfft.
"Nicht ganz, meine Liebe. Die Idee stammt von Miriam und Sofie hat wohl lediglich die Tür geöffnet und ihr Kleidung geliehen." Seltsamerweise beruhigte er sich nun, da sein Zorn nicht mehr komplett auf seiner Tochter lag, sondern sich auf die junge Zofe auffächerte. Er nahm seine Wanderung wieder auf, nun aber viel langsamer.
Annabelle blieb stur.
"Ohne Sofies Unterstützung hätte sie aber nie verkleidet das Haus verlassen können. Und wir sollten doch froh sein, dass sie heil und gesund wieder zurückkehrte?" beharrte sie und begann mit ihrem geflochtenen Haar zu spielen. Sie wusste, dass ihr Gatte es liebte, wenn sie das Haar offen trug. Ihre Finger begannen den dicken Zopf zu lösen und sie hoffte, ihren Mann nun ablenken zu können. In ein paar Minuten wäre ihr Nachthemd wohl zerknautscht und sie musste sich wieder waschen, aber er dafür viel friedlicher und vielleicht sogar bereit, Miriam mit einer leichten Strafe zu bedenken und dafür Sofie einfach zu entlassen.
Der Comte bemerkte das Spiel nicht sofort. Erst beim erneuten Passieren ihrer Bettseite sah er auf und stutzte. Doch der Plan seiner Frau ging nicht auf. Der Comte blieb stehen und obwohl sein Blick auf Annabelle ruhte, schien er mehr durch sie hindurch zu blicken.
"Ich werde sie nun befragen und dann entscheiden." beschloss der Comte und machte auf dem Absatz kehrt, um entschlossen Miriams Zimmer aufzusuchen. Annabelle seufzte leise und band ihren Zopf wieder zu. Mit sorgenvoller Miene blickte sie auf die Tür und faltete die Hände, um seine Rückkehr abzuwarten.

Kommentare:

  1. Hau ich habe gesprochen *kicher*

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  2. Ach der Herr Comte weiss also, was einem Mädchen draußen alles passieren kann? Woher wohl?

    Und vielleicht sollte Miriam durchaus mal erzählen, was der ein und andere Gardist so mit 'streunenden Mädchen' treibt, statt sie sicher nach Hause zu geleiten.

    Nur fürchte ich, wird das im Wesentlichen auf taube Ohren stoßen.

    Ach ich hoffe ein bisschen für Sofie, doch ich befürchte, dass es da nicht viel zu hoffen gibt. Liebe Grüße
    Joe

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