Freitag, 4. März 2011

Noctambule: Zu spät

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Der zierliche Körper lag reglos im Staub auf dem Boden. Das Kleid war völlig zerrissen, schmutzig und stellenweise blutig. Die blonden Haare waren zerzaust und strähnig. Wie tot lag sie auf dem Boden ausgestreckt. Sergej erkannte auf Anhieb am Hals und den Armen typische Bissstellen. Die Vampire hatten Anya rücksichtslos angezapft. Die graue Blässe in dem zarten Gesicht verhieß nichts Gutes.
"Verdammte Bastarde!" fauchte er. Hastig kniete er neben ihr nieder und suchte am Hals nach ihrem Puls. Als er ihn endlich fand, atmete er auf. Sie lebte noch. Fragte sich nur, wie lange. Sergej bezweifelte, dass er sie wieder zurückholen konnte. Armand würde zerbrechen, dessen war er sicher. Nur der Gedanke, dass Anya lebte, hatte ihn überhaupt diese Reise so gut überstehen lassen. Seine Heilung basierte auf reinem Willen.


Sie durfte nicht hier bleiben. Vorsichtig, als sei sie eine Porzellanpuppe, hob er sie auf seine Arme. Anya rührte sich nicht. Draußen hörte er Isabelle krächzend Luft in die Lungen pumpen. Sergej stapfte aus dem Schuppen hinaus. Er verpasste Isabelle einen wutentbrannten Tritt in den Bauch, der sie sofort wieder zusammenklappen ließ.
"Dafür bezahlst du noch!" fauchte Sergej, dann verschwand er mit seiner bewusstlosen Last in der Dunkelheit.

Zurückzukehren in die Ruine, in der Armand seine Tasche zurückgelassen hatte, machte keinen Sinn. Aber Sergej fiel der Park ein, den er bei der Verfolgung Georges durchquert hatte. Er erinnerte sich, einen Brunnen gehört zu haben und Wasser war auf jeden Fall gut für Anya.
Der Park war nicht weit weg. In Gedanken blieb Sergej zwar auf Isabelle konzentriert, um zu wissen, was sie tat. Aber sie schien zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein und rührte sich noch nicht von der Stelle. Seine restliche Aufmerksamkeit aber galt der kleinen Frau, die ihn so sehr beeindruckt hatte. Sanft legte er sie neben dem Brunnen ab und riss ein Stück ihres Unterkleides ab, um den Stoff ins kalte Wasser zu tauchen.
Vorsichtig zog er ihren Kopf auf seinen Schoß und begann, ihr Gesicht abzuwaschen. Wieder und wieder wusch er sie und versuchte, mit der Hand Wasser zu schöpfen und es ihr einzuflößen.
"Anya, wach auf. Du bist in Sicherheit!" flüsterte er immer wieder. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis er ein kleines Flattern ihrer Lider bemerkte. Eifrig wusch er sie weiter, bis sie endlich die Augen aufschlug. Aber ihr Blick war leer. Ausdruckslos starrte sie in sein Gesicht ohne ihn zu erkennen.
"Anya! Ich bin's, Sergej! Sergej!! Erkennst du mich? Alles wird gut. Sieh mich an! Antworte!" Verzweiflung packte ihn und er rüttelte ihre Schulter. Der Schmerz, den er in ihrem Körper auslöste, ohne es zu wissen, riss sie endlich aus ihrer Apathie. Die Leere in ihren Augen wich tiefem Schmerz und unendlicher Trauer. Er sah, wie sie ihre Lippen bewegte und versuchte zu verstehen, was sie sagte. Selbst sein feines Gehör hatte Mühe, ihre Stimme wahrzunehmen.
"Armand?" Sergej schluckte. Verdammt noch mal. Was sollte er nun antworten? Ihr Blick hin fast flehend an ihm. Hätte sie noch die Kraft, würde sie weinen, dessen war er sicher.
"Er lebt. Aber sie haben ihn in eine Falle gelockt." antwortete er nun ehrlich. "Ich habe noch keine Ahnung, wie ich ihn da herausholen soll." Anya schloss die Augen. Sogar für Sergej war der Kummer in ihrem Gesicht kaum erträglich. Sanft strich er mit dem feuchten Tuch über ihre Stirn.
"Was mach ich nur mit dir? Du bist schrecklich schwach…" murmelte er gedankenverloren vor sich hin und folgte Isabelle gleichzeitig, die nun begann sich zu bewegen. Sie schien direkt den Kontakt zu George zu suchen. Das war ihm Recht. Damit war sie einfacher zu beobachten für ihn.
Als er sein Gesicht zu ihrem Hals schob und versuchte, ihre Blutbahnen zu analysieren, zuckte er zusammen. Sie verströmte den beißenden Geruch einer Sterbenden. Ihr Blut war für ihn bereits ungenießbar, was ein klares Zeichen für ihren Zustand war. Sie würde innerhalb der nächsten halben Stunde sterben.


"Anya! Mach die Augen auf, verdammt noch mal! Ich will nicht, dass du stirbst! Armand lebt!" er schüttelte sie wieder. "Verdammt noch mal, es ist deine Pflicht am Leben zu bleiben! Du gehörst Armand! Er hat dir nicht erlaubt zu sterben!!" fauchte er. Anya hörte seine Stimme nur aus weiter Ferne und schrecklich leise. Dass er sie schüttelte, schmerzte am ganzen Körper.
Mühsam öffnete sie wieder die Augen. Sie fühlte sich müde. So gerne würde sie die Augen einfach schließen und schlafen. Einfach nur schlafen und keine Schmerzen spüren.
Aber Sergej hatte ein magisches Wort genannt. Armand. Armand lebte und suchte sie. Es fiel ihr schwer, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Blick hing fragend an seinem Gesicht. Sie fühlte, wie er Strähnen aus ihrem Gesicht strich. Das war nicht richtig. Das durfte nur einer. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Irgendjemand hatte Armand in seiner Gewalt. Sie musste nachfragen.
"Armand?" fragte sie noch einmal. Sergej seufzte und ließ die Schultern hängen. Er schien zu glauben, dass sie nichts verstanden hatte. Ganz Unrecht hatte er nicht. Aber sie befürchtete, dass Armand nun in großer Gefahr schwebte. Würde Sergej alleine etwas ausrichten können, wäre er schon nicht mehr bei ihr.
Aber ein anderer Gedanke kreiste in ihrem Kopf. Kurz hatte sie ihn erfasst, aber schon wieder verloren. Sie musste ihn wieder finden. Sie wusste, dass er wichtig war. Sergej störte sie mit seinem Schütteln in ihrer Konzentration. Dann hatte sie ihn wieder. Tiefe Ruhe breitete sich in ihr aus. Mit festen Atemzügen sog sie frische Luft in ihre Adern.
"Mach … mich.. wie du..." flüsterte sie angestrengt. Sergej stockte und starrte sie an. Ungläubig brannte sich sein Blick in ihre Augen.
"Ich… ich soll dich verwandeln? Das willst du?" stammelte er verwirrt. Das hatte er noch nie erlebt. Ein Mensch wehrte sich normalerweise und bettelte nicht darum, verwandelt zu werden. Aber Anya nickte kaum merklich und starrte ihn weiter mit diesen halbleeren Augen an. Noch immer fassungslos versuchte er seine Gedanken zu sortieren. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Armand gerade das Recht wäre. Sonst hätte er es doch schon längst getan. Aber jetzt herrschte eine Notsituation. Anya hatte Recht, verdammt. Als Vampirin würde sie sich erholen, wäre stärker und hatte Chancen, Sergej zu unterstützen. Nachdenklich betrachtete er das zarte Gesicht vor sich.
"Ich sterbe." erklärte sie knapp mit unerschütterlicher Ruhe. Sie spürte es deutlich. Sie wollte so gerne die Augen schließen. Irgendetwas zog ihr die Kraft aus dem Körper. Sie hatte nicht mehr genug Energie, sich zu erholen.
Ihr Kopf fiel in den weichen Rasen, als er heftig aufsprang. Unruhig rannte er neben ihr auf und ab. Er redete mit ihr, aber sie konnte seine Worte nicht mehr hören. Die Zeit lief ihr davon. Sie hatte sogar vergessen, wie er hieß. Nur ein einziger Name kreiste in ihren Kopf. Hechelnd rang sie nach Luft, um diesen Namen herauszuschreien.
"Armand!" Es war nur ein Flüstern. Aber Sergej hatte es gehört. Seine Schritte stoppten und er starrte auf sie herunter. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Kopf sank zur Seite. Sergej stieß einen Fluch aus. Jetzt war keine Zeit mehr zum Nachdenken.
Hastig kniete er neben Anya nieder und biss sich tief in sein Handgelenk. Dann riss er ihre Hand hoch und grub seine Zähne in eine ihrer Wunden an ihrem Arm, um sie wieder zu öffnen. Sofort spuckte er angewidert das bitter schmeckende Blut aus, das an seinen Zähnen klebte. Dann drückte er seine eigene Verletzung zusammen, presste das Blut hinaus und ließ es in ihre Wunde tropfen. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Mit Herzklopfen beobachtete er, wie sein Blut in ihre Verletzung sickerte. Dann zwang er ihre Kiefer auseinander und presste sein Handgelenk auf ihre weichen Lippen.
Verzweiflung stieg in ihm hoch. Das Blut musste sich nicht nur in ihrem Körper mit ihrem wenigen eigenen vermischen. Sie musste es unbedingt auch trinken. Er betete, dass der kleine Strom, der nun in ihre Kehle floss, noch ihren Schluckreflex auslöste. Wenn sie nicht schluckte, war es zu spät. Aber es schien so, als würde das Blut einfach nur ihre Kehle herunter fließen. Sie schluckte nicht. Sie reagierte überhaupt nicht mehr. Ein kleiner Blutfaden zog sich aus ihrem Mundwinkel. Sergej tastete nach ihrem Puls. Er fand keinen mehr. Das Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Kommentare:

  1. Wie spannnend *aufm stuhl rumhüpf* herz aussetzen ist zwar schlimm aber das ist noch kein problem wenn es gleich wieder zuschlagen beginnt...Klinisch Tod ist ja noch nicht ganz hinüber *daumendrück*

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  2. ahhh.. *haare rauf* das ist verdammt spannend, aber hoffentlich klärt sich morgen auf, ob Anya es geschafft hat.. herz aussetzer...ach.. der hat einfach falsch gemessen *lieb guck*

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