Sonntag, 13. März 2011

Noctambule: Ungeduld

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Der Tag schien sich endlos lange auszudehnen. Den Vormittag verbrachte Anya in unruhigem Schlaf neben Sergej. Sie hatte sich zusammengerollt und die Arme schützend um ihren Kopf geschlungen. Sergej blieb neben ihr sitzen und döste vor sich hin. Immer wieder schreckte er hoch, weil Anya unruhig wurde oder ihr Körper zuckte. Sein Groll auf George wuchs stetig. Er wollte nicht wissen, was Anya gerade träumte, aber es war offenkundig, dass sie die letzten Ereignisse noch einmal durchlebte. Damit waren nicht die Stunden der Verwandlung gemeint, denn die Natur der Vampire war so geschaffen, dass die Erinnerung daran mit Abschluss des Prozesses gelöscht wurde.


Nachdem Anya mittags aus dem Schlaf hoch schreckte, blieb sie wach. Von nun an rannte sie in der Ruine auf und ab wie eine gefangene Tigerin und ließ sich von Sergej vieles erklären, was sie wissen musste über ihr zukünftiges Dasein.
"Muss ich jeden Tag jagen?"
"Aber nein. So ein kleines Persönchen wie du braucht höchstens alle drei bis vier Tage einen kleinen Bissen."
"Dann hätte ich ja in einem Jahr ein ganzes Dorf ausgerottet!"
"Sicher. Deshalb verteilen wir uns gerne und jagen nicht immer im gleichen Gebiet. Wäre schön blöd, wenn wir unsere eigene Ernte verderben."
"Hm. Und wie stelle ich es an, dass die mich so intensiv im Kopf hören wie Armand das bei mir macht?"
"Konzentrier dich darauf. Du wirst es lernen. Da brauchst du keinen Zauberspruch." Sergej grinste und verfolgte gelassen sitzend ihre Wanderungen.
"Und wie werde ich so schnell und stark wie ihr?"
"Ach Anya, du bist es schon! So wie du herumrennst, würde dich ein Mensch gar nicht sehen können!"
"Ist das so?" Sie blieb verblüfft stehen. "Ich merke keinen Unterschied."
"Es ist so, glaub mir." Sergej zog sein kleines Messer aus der Tasche und begann, an einem alten Holzstiel herumzuschnitzen. Anya nahm ihre unruhige Wanderung wieder auf.
"Ich muss das üben. Ich muss wissen, was ich kann für heute Nacht!" Sergej blickte kritisch auf.
"Heute Nacht? Was hast du vor?"
"Armand helfen, natürlich!" Sie warf ihm einen verwunderten Blick zu. Sergej ließ sein Messer wieder sinken.
"Das kannst du vergessen! Das mach ich alleine!" erklärte er fest. Anya blieb vor ihm stehen und verschränkte die Arme.
"Wie kommst du darauf?" zischte sie streitlustig.
"Anya, du bist ahnungslos wie ein Neugeborenes! Du beherrschst deine Kräfte nicht, du hast noch nicht einmal gejagt! Wie willst du da gegen ein ganzes Nest von erfahrenen Vampiren angehen? Du bleibst brav hier, nachdem ich dir gezeigt habe, wie du jagst. Dann ruhst du dich aus und kommst zu Kräften." Sergej sprach ruhig, aber mit Autorität in der Stimme. Anya war davon allerdings nur minimal beeindruckt.
"Gut, das mit dem Jagen ist eine gute Idee. Danach gehen wir aber gemeinsam los! Ich bleibe auf keinen Fall hier!" Sergej schnaufte.
"Du hast noch nie in deinem Leben gekämpft. Du hast dich nie geprügelt! Du hast keine Ahnung, wie Vampire miteinander umgehen und du weißt nicht, wie fies und hinterhältig deine Gegner sein können!" argumentierte Sergej mit Nachdruck.
"Das ist in Ordnung. Die wissen auch nicht, wie ich sein kann!" erklärte sie schulterzuckend.
"Verdammt, Anya! Ich habe genug damit zu tun, Armand den Arsch zu retten! Ich kann nicht noch auf dich aufpassen!"
"Das musst du auch nicht! Das mach ich ganz alleine! Hör auf zu diskutieren, erklär mir lieber, wie wir vorgehen wollen!" Anya sprach sehr leise. Sie hatte die Augen entschlossen zusammengekniffen und starrte ihn mit vorgeschobenem Kinn an. Sergej begann zu grinsen. Gegen seinen Willen beeindruckte ihn diese kleine Person.

Sergej hatte keine Ahnung, wie er sich jemals gegenüber Armand rechtfertigen sollte, dass er Anya nachgegeben hatte. Aber er für seinen Teil hatte keine Lust, dieses widerspenstige, sture und dickköpfige Wesen länger auf seinen Nerven herumtrampeln zu lassen und gab nach.
Sofort nach Einbruch der Dunkelheit verließen die Zwei die Ruine. Anya hatte sich ihre blonden Haare mit einem Streifen von ihrem Kleid zu einem Zopf zusammengebunden. Sie konnte jetzt keine störenden Haarsträhnen brauchen und schön sein würde sie, wenn Armand sie wieder ansehen konnte. Bis dahin war Zweckmäßigkeit wichtiger.
Mit Sergej durch die dunklen Straßen zu laufen, war ein merkwürdiges Gefühl. Noch immer lebte das Gefühl von früher in ihr, dass man als Frau nach Sonnenuntergang besser zu Hause bleiben sollte. Es war ungewohnt, dass sie nun auf der anderen Seite stand, nicht mehr als das Opfer sondern als Täter. Behaglich war ihr bei dem Gedanken nicht.
Anya war ein friedlicher, zurückhaltender Mensch gewesen. Nun sollte sie jagen, töten, verstümmeln und Blut trinken. Der Gedanke an Blut hatte früher Übelkeit und Angst in ihr ausgelöst. Während sie darüber nachdachte, dass sie sich wie eine Kannibalin fühlte, lief ihr gegen ihren Willen das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte Hunger. Aber diesen Hunger kannte sie noch nicht. Es war ein Begehren, es machte sie aggressiv und ungeduldig, ihre Sinne waren geschärft und ihre Augen huschten suchend durch die Straßen.
Sie glaubte, dass man ihr ansehen musste, mit welchen schrecklichen Absichten sie durch die Straßen streifte. Immer wieder musterte sie Sergej prüfend. Doch er wirkte einfach wie ein unglaublich anziehender, gut aussehender junger Mann, der gut gelaunt neben ihr einher schlenderte. Sie versuchte sich zu beruhigen. Nur ihr zerrissenes Kleid und der Schmutz erregten Aufmerksamkeit, aber sie hielten sich ja sowieso lieber in den Seitenstraßen und im Schatten auf.

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