Donnerstag, 10. März 2011

Noctambule: Vergiftung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Sanghieri lauschte der kurzen Unterhaltung aufmerksam. Er hatte keine Ahnung, von wem die Rede war, aber Isabelles letzter Satz schien auf eine Menschenfrau zu schließen und das machte das Thema eher uninteressant. Wie viele andere Vampire hatte auch er sich hin und wieder eine Frau gehalten, sich an ihr ergötzt und eine Weile genährt. Er vermutete, dass Armand sich zu tieferen Gefühlen hatte hinreißen lassen. Damit hatte man ihn schließlich geködert. Kein netter Zug, aber effizient, wie er fand und damit verzeihlich. Das Ziel war erreicht und diese Frau wäre ohnehin gestorben.


Nun klopfte er energisch mit seinem Stock auf den Boden.
"Genug damit! Meine Zeit ist knapp und ich bin erschöpft." beendete er das kleine Intermezzo. Isabelle zog sich lächelnd zurück, ohne den Blick von Armand zu lassen. Sie fühlte sich sicher. Armands Augen konnten funkeln wie sie wollten. Sie hatte gute Lust, ihm ein paar kleine Schmerzen zuzufügen, hielt sich aber noch zurück.
Armand riss seinen Blick von Isabelle los und richtete ihn auf den alten Mann. Er atmete schwer.
"Wenn Ihr Eure Tochter nicht gesucht habt, kann die Sehnsucht nicht allzu groß gewesen sein! Wie kommt Ihr auf den Gedanken, dass ausgerechnet ich nun von ihr berichten sollte?" seine Stimme klang gepresst. Aber in ihr schwang auch der feste Entschluss mit, sein Wissen nicht freiwillig herauszurücken. Sanghieri schnaubte.
"Ich hätte erwartet, dass Euch Euer Leben doch ein wenig wertvoller wäre." schnappte er und winkte seinem Sohn, der sofort zu ihm trat und seinen Kopf vorbeugte, um das Geflüster von ihm zu verstehen. Selbst das gute Gehör half Armand nicht, etwas davon zu verstehen. Der Mann nickte und verschwand mit schnellen Schritten.
Armand antwortete nicht auf Sanghieris Drohung. Es gab nichts zu sagen für ihn. Nicht lange nach dem Verschwinden des Sohnes kehrte er auch schon wieder zurück. Er war nicht alleine. In seinen Armen taumelte ein wesentlich kleinerer Mann. Armand hob neugierig den Kopf. Er kannte den Mann nicht und seine Nase verriet ihm sofort die panische Angst, die in seinen Adern das Adrenalin hoch dosiert verteilte. Offenbar ein Mensch.
George erkannte in dem Mann das apathische Opfer wieder, das durch den Hintereingang geschleust worden war. Aber nun war die mentale Beeinflussung vorbei. Der Mann war geknebelt und seine Hände auf dem Rücken gefesselt. Er versuchte sich panisch zu wehren, zappelte aber nur hilflos in dem festen Griff seines Wächters.
In Armand kam die Gier hoch. Hunger und Angriffslust setzten gleichzeitig übermächtig ein. Er unterdrückte nur mühsam ein Fauchen und das Zerren an seinen Fesseln. Als sein Blick zu Sanghieri flog, bemerkte er, dass dieser ihn lächelnd beobachtete.
"Hunger?" fragte er mit freundlicher Stimme. Das Opfer stand neben ihm und wimmerte. Seine Beine versagten bereits den Dienst, so sehr zitterten sie. Aber er wurde mit eisernem Griff festgehalten. Ihm wurde nicht gestattet, zusammen zu sinken.
Armand schwieg. Aber sein Blick hing bereits wieder gierig an dem Mann, dessen Blut vor Angst dünn durch die Adern schoss. Immer wieder blähte sich Armands Nase witternd. Wie dringend er Kraft benötigte!
Aber Sanghieri lachte nur stumm und wandte sich dem Mann zu. Sein Sohn packte das Kinn des Mannes, um den Kopf seitlich zu drehen und anzuwinkeln. Zufrieden beugte sich der alte Vampir vor und entblößte ein noch immer weißes und kräftiges Gebiss. Armand bemerkte, dass der Mann vor Angst in die Hose machte. Niemanden störte das. Genussvoll grub Sanghieri seine Zähne in den Hals, verletzte die Hauptschlagader und trank in tiefen, schmatzenden Zügen.
Armand wandte den Blick ab. Aber er musste zuhören, wie aus dem schmerzvollen Wimmern des Mannes ein langes, tiefes Stöhnen wurde, dann ein Röcheln. Der Knebel hatte den Schrei erstickt. Als Sanghieri sich endlich von ihm löste, war sein Mund blutverschmiert. Zufrieden und ohne Anstalten zu machen, sich zu säubern, wandte er sich wieder Armand zu.
Auf seinen Wink hin trat George zu Armand, packte grob dessen Kopf und zwang ihn, zu dem sterbenden Mann zu sehen. Armand riss seinen Kopf frei und versuchte, nach George zu treten. Sein Tritt ging allerdings ins Leere. George zögerte nicht und drosch Armand die Faust erneut in den Leib, genau auf die Leber.
Der Schmerz durchzuckte Armand wie ein glühendes Messer. Rote Punkte tanzten vor seinen Augen und seine Beine gaben sofort nach. Armands eigenes Körpergewicht riss an den Handgelenken, seine Haut scheuerte an dem rostigen Metall auf. Er hatte Georges erneutem Griff nichts entgegenzusetzen und wurde gezwungen, hinzusehen.
Sanghieris Sohn hielt den stark geschwächten Mann noch immer, der nun mit glasigem und hoffnungslosem Blick ins Leere starrte. Isabelle griff in die kleine Tasche, die dem Opfer um die Schulter gehängt worden war und zog einen kleinen Becher heraus. Mit fast liebevollem Blick hielt sie den Becher an den Hals des Sterbenden und fing einige Tropfen Blut auf. Lächelnd trat sie auf Armand zu, dem bereits in Vorahnung übel wurde.

"Es ist nicht viel, mein lieber Armand." erklärte Sanghieri im Plauderton. "Hast du schon einmal nicht aufhören können? Nein?" Er stieß ein freudloses Lachen aus.
"In den meisten Fällen schmeckt es so widerlich, dass man es wieder ausspuckt und gerne aufhört. Gott sei Dank haben wir diesen lebensrettenden Instinkt." Während seiner Worte packte George mit beiden Händen nach Armands Kiefern und zwang ihn mit festem, schmerzhaftem Griff, den Mund zu öffnen. Armand begann zu zappeln.
Obwohl ihn der Schmerz des Fausthiebes noch lähmte, versuchte er nun mit allen Mitteln, Georges Griff zu entkommen. Sein Widersacher musste sich tatsächlich anstrengen, aber er schaffte es, Armands Kiefer auseinander zu pressen. Isabelle hob den Becher.
"Nur ein paar Tropfen sollen sich schon anfühlen, als würde man Lava trinken. Ich bin sehr gespannt, ob das stimmt." Armand hörte Sanghieris höfliche Stimme wie aus weiter Entfernung. Er konnte den widerlichen Gestank aus dem Becher kaum ertragen. Übelkeit raubte ihm die Luft.
"Man sagt, dass man nicht daran stirbt, wenn man nur wenig davon aufnimmt. Aber es soll eine gute Lehre sein, in Zukunft besser aufzupassen." erklärte Sanghieri und reckte den Hals, um auch nichts zu verpassen. Isabelle kippte den Becher über Armands Mund und die dunkelroten Tropfen fielen in seinen Rachen.
Armand würgte und versuchte erneut, sich aus dem Klammergriff zu befreien. Er konnte fühlen, wie die warme Flüssigkeit sich zäh ihren Weg durch seinen Rachen in den Hals bahnte. Nun hielt Isabelle auch noch seine Nase zu und George presste Armands Kiefer zusammen, um ihn zum Schlucken zu zwingen. Mühsam kämpfte er gegen den Schluckreflex an, bis er schließlich scheiterte und seine Halsmuskulatur ihren Dienst tat.
George ließ ihn grinsend los und trat zurück. Isabelle aber wischte mit dem Finger den Becher aus und verschmierte die Reste, die sie aufgefangen hatte in Armands Gesicht. Sanghieri lächelte müde.
"Vielleicht hilft dir die kleine Vorspeise beim Nachdenken. Ich würde es mir sehr wünschen. Ein paar Erzählungen, wie es meiner Tochter ging, bevor du sie getötet hast. Du hast sie doch ermordet, nicht wahr?"
Armand konnte Sanghieri kaum verstehen. Er hatte das Gefühl, dass seine Eingeweide zu brennen begannen. Sein Magen krampfte zusammen, die Kehle brannte wie Feuer. Der schwere, metallische Geschmack auf seiner Zunge wollte nicht verschwinden, so sehr er auch zu schlucken versuchte. Stöhnend krümmte er sich zusammen und schloss die Augen.
Der glühende Schmerz schien sich rasch in seinen Adern auszubreiten. Muskeln begannen zu krampfen, sein Herzschlag beschleunigte sich rapide und kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Er spürte seinen eigenen Puls rasend schnell und hatte dennoch das Gefühl, als legte sich ein eiserner Griff um sein Herz und presste es zusammen. In seinen Ohren begann es zu rauschen, krampfhaft versuchte sein Magen, den giftigen Inhalt wieder hinauszupumpen. Seine Lungen brannten, als würde er kochend heiße Luft einatmen. Röchelnd schnappte er nach Luft. Es reichte für einen ersten, kehligen Schrei.
George legte beunruhigt den Kopf schief.
"Vielleicht war das schon zuviel?" fragte er besorgt. Sanghieri schüttelte den Kopf.
"Ich denke nicht. Ich hoffe zumindest nicht, dass es zuviel war. Isabelle würde es bereuen!" seine Stimme wurde sehr sanft bei den letzten Worten. Nun war auch Isabelle unruhig. Armand krümmte sich offensichtlich unter heftigen Schmerzen. Aus seinem Stöhnen wurde ein Keuchen, dann presste sich ein lautes Brüllen aus seinen Lungen. Gleichzeitig warf er seinen Kopf heftig zurück und prallte gegen die Wand. Ein unschönes Geräusch entstand, als seine Kopfhaut aufplatzte und sofort Blut durch die langen Haare in den Nacken strömte.
Armand schien das nicht zu bemerken. Ein zweites und drittes Mal schmetterte er seinen Kopf gegen die Wand, zerrte an seinen Fesseln und bäumte sich auf. Sanghieri runzelte die Stirn. George hingegen lächelte fasziniert. Er schlang seinen Arm heftig atmend um Isabelle. Jetzt war ihm nach scharfem, heftigem Sex. Er war hochgradig erregt. Nur Sanghieris Gegenwart störte ihn mächtig.
"Beendet das! Bindet ihn los, bevor er sich den Schädel einschlägt! Du weißt, was du zu tun hast, George. Morgen Nacht werde ich wieder da sein. Ich bin müde. Aber ich will wissen, ob er meine Tochter wirklich getötet hat! In diesem Zustand kann niemand in ihm lesen!" Sanghieri schüttelte unwillig den Kopf. Armand reagierte erschreckend heftig auf die erzwungene Mahlzeit. Das hatte er nicht erwartet.
"Es ist so lange her, dass es sowieso schwierig wird." seufzte er während er sich zum Gehen wandte. Sein Sohn hatte den sterbenden Mann einfach fallen gelassen. Nun reichte er seinem Vater fürsorglich den Arm und führte ihn aus dem Gewölbe hinaus. George und Isabelle waren alleine mit Armand.

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