Mittwoch, 9. März 2011

Noctambule: Sehr schmackhaft, aber nicht besonders ergiebig

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Armand hatte sich gegen die Wand gelehnt und den Kopf an den rohen Steinen abgestützt. Die Zeit des Wartens war reinste Demütigung für ihn. Er stand im Staub, abgeprangert wie ein Schwerverbrecher, den er mehr in George als in sich selbst sah. Noch viel schlimmer war aber seine Wehrlosigkeit. Er hatte wütend versucht, sich gegen die Schellen zu stemmen, die seine Arme an der Wand fixiert hielten. Aber sie waren deutlich stabiler als sie aussahen. Es gab keine Chance, sich alleine von ihnen zu befreien.


Die Zeit tropfte unendlich langsam voran. Immer wieder tröstete er sich selbst damit, dass bei seinem Alter ein paar Stunden Warten keine große Besonderheit darstellten. Aber seine Gedanken wanderten immer wieder zu Anya. Die Ungewissheit über ihr Schicksal machte ihn fast wahnsinnig.
Er kannte George. Er war sicher, dass George sie gebissen hatte. An mehr wollte er überhaupt nicht denken. Und trotzdem tat er es. Hatte George sie manipuliert? Hatte sich Anya lustvoll hingegeben oder sich gewehrt? Beide Möglichkeiten gefielen ihm überhaupt nicht. Wenn sie sich gewehrt hatte, musste George ihr Gewalt in allen möglichen Varianten angetan haben. Isabelle traute er noch schlimmeres zu.
Stöhnend hatte er seinen Hinterkopf gegen die Steine geschlagen, um diese Gedanken zu vertreiben. Lebte sie noch? Hatte Sergej sie retten können? Wenn ja, hoffte er inständig, dass sich Sergej um ihre Sicherheit kümmerte und sie nicht sich selbst überließ, um ihm aus der Patsche zu helfen.
Mit der Zeit wurden seine Beine steif und begannen zu krampfen. Um sie zu entlasten versuchte er, das Gewicht zu verlagern oder ging in die Hocke und hing so lange an seinen Handgelenken, bis der Schmerz dort nicht mehr auszuhalten war. Mühsam stemmte er sich wieder hoch.
Noch immer fehlte ihm die alte Kraft. Er hatte nicht genug gejagt. Seine Eile wurde ihm nun zum Verhängnis und er verstand Sergejs Warnungen im Nachhinein besser. Aber nun war es zu spät. Ihm war schwindlig, er hatte Durst und die Schmerzen, die ihm zugefügt worden waren, hatten ihn mehr Energie gekostet, als er vermutet hatte. Die Regeneration konnte nicht greifen. Nicht einmal die aufgeplatzte Lippe wollte richtig verheilen. Es hatte sich nur ein wenig Schorf gebildet. Er brauchte einfach noch ein oder zwei Tage Ruhe.
Sein feines Gehör aber funktionierte tadellos. Er hörte das Huschen von Ratten und deren fiepsende Verständigung untereinander. Irgendwo in diesen Gemäuern tropfte es auf ein Metallrohr. Langsam machte ihn dieses Geräusch aggressiv. Schließlich vertrieb er die Ratten mit einem wütenden Fauchen. Hektisch waren sie verschwunden, aber nach einer Weile waren sie schon wieder da.
Armand gab auf und schloss die Augen. Anya würde ihr altes Leben wieder aufnehmen müssen, wenn sie das hier überlebt hatte. Er hatte sie nie in seine finanziellen Verhältnisse eingeweiht. Er war zu sicher gewesen, sich um ihren Schutz kümmern zu können. Nun hatte er keine Gelegenheit mehr, das nachzuholen. Anya musste selbst sehen, wie sie ihr Leben gestalten würde. Er stöhnte bei dem Gedanken schmerzlich. Ihm schien es nicht gegönnt zu sein, mit einer Frau glücklich zu werden. Innerlich begann er, sich von Anya zu verabschieden und mit seinem Leben abzuschließen.
Aber er hatte nicht vor, es George einfach zu machen. Und diesem Sanghieri auch nicht. Als er das Echo der sich öffnenden Tür hörte, die er von seinem Standpunkt aus nicht sehen konnte, atmete er tief durch und rappelte sich in eine stolz aufrechte Position hoch.
Das Taktgeräusch des Gehstocks war wieder zu hören, aber auch noch andere Schritte. Dann endlich sah er George, Sanghieri und Isabelle. Hinter den Dreien ging noch ein ihm fremder Mann, dessen finsterer Blick deutlich seine Skrupellosigkeit ausdrückte. Armand erkannte in seinem Gesicht deutliche Ähnlichkeiten mit Sanghieri. Also wohl ein Bruder von Adaliz.
Armand ignorierte Sanghieri und George. Sein Blick klebte funkelnd an der grinsenden Isabelle, die mit anzüglichem Blick auf ihn zu ging und dicht vor ihm stehen bliebt.
"Wie mitleiderregend! Der große, starke Armand hilflos wie ein kleines Kind. Nein, noch viel schlimmer! Wie ein Mensch!" Mit höhnischem Lachen strich ihr Finger über seinen Oberkörper. Armand zischte. Ihre Berührung war ihm zuwider. Aber er konnte nicht verhindern, dass ihr Finger seinen Oberkörper entlang fuhr. Er hätte schon treten müssen, und das erschien ihm ein zu hoher Kraftaufwand und würde die anderen eher amüsieren.
"Was hast du mit Anya gemacht? Wo ist sie?" fauchte er sie wütend an. Isabelle bleckte kurz ihre spitzen Zähne und leckte sich über die Lippen. Ihre Augen funkelten.
"Oh, sie war ein süßes Ding. Ich verstehe jetzt, warum du so an ihr gehangen hast. Sehr schmackhaft, aber leider auch nicht sehr ergiebig." schnurrte sie. Armands schwarze Augen glühten hasserfüllt auf. Er hätte wissen müssen, dass sie das sagte. Viel schlimmer aber war, dass sein kurzes Abtasten ihres Erinnerungsvermögens ihm schon reichte, um zu wissen, dass sie nicht log. Es schnürte ihm die Kehle zu. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen. Er hatte Anya verloren.

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