Montag, 7. März 2011

Noctambule: Nicht geliebt

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Armand blinzelte verblüfft. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht damit. Die lange Zeit hatte seine Erinnerung an Adaliz verschwimmen lassen. Aber nun frischte sie wieder auf. Die grünen Augen der rothaarigen Frau hatten den gleichen falkenartigen Blick wie Sanghieri. Ihre Art, den Kopf leicht schief zu legen und die Lippen dabei ein wenig zu öffnen, hatte Armand damals stets fasziniert. Sanghieri hatte die gleiche Eigenschaft. Armand zweifelte keine Sekunde daran, dass der alte Mann die Wahrheit gesagt hatte.


Hoffnungslosigkeit machte sich in Armand breit. Sobald Sanghieri die Wahrheit herausgefunden hatte, war sein Leben endgültig vorbei. Die Frage war nur noch, wie es enden würde. Armands Kiefermuskulatur arbeitete und zeigte seine innere Anspannung. Der alte Mann schien dies zu bemerken und ein gefährliches Lächeln ließ seine Zähne aufblitzen.
"Ich muss zugeben, dass sich meine Tochter als sehr schwierig erwiesen hat. Ungestüm, aufbrausend und leider mit einem wenig aufrechten Charakter. Ein Streit hat uns leider entzweit." Sanghieri hob den linken Arm in einer scheinbar hilflosen Geste und ließ ihn mit einem Seufzen wieder fallen.
"Aber wenn man Kinder hat, verzeiht man ihnen doch immer wieder. Ich vermisse sie schmerzlich, hatte ich doch gehofft, sie kehrt zurück und übernimmt meinen Platz. Ich bin müde." Seine Stimme war in diesem Moment weich und liebevoll. Er schien in Erinnerungen zu versinken und sein Blick haftete leer auf Armand. George hob ungeduldig den Blick von seinen Fingernägeln und starrte Armand hasserfüllt an.
"Nicht nur Ihr, Signore! Dieser Mann da hat sie umgebracht!" zischte er und holte Sanghieri aus seinen Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Seine Augen wanderten über Armands Körper und wieder zurück in sein Gesicht. Armand erkannte sowohl Zorn als auch Zweifel in den alten Augen.
"Bisher hast du das behauptet, George. Aber Beweise konntest du mir nicht bringen! Ein Mord an einem Reinen ist ein schwerer Vorwurf." Sanghieri hatte sich kurz George zugewandt, der nun die Lippen fest aufeinander presste. Als sich der alte Mann wieder auf Armand konzentrierte, war sein Blick scharf und bohrend.
"Wir sind eine Familie. Unsere Frauen sind leider nicht so fruchtbar wie die der Menschen, die sich wie die Karnickel vermehren. Kinder großzuziehen erweist sich als immer schwieriger. Sie sind ungeduldig und bringen uns oft in Gefahr, erkannt und von den Menschen gejagt zu werden. Seit über hundert Jahren haben wir nur zwei Kinder großziehen können. Es hat seinen Grund, dass wir den Verstoß gegen unsere oberste Regel schwer bestrafen." erklärte er Armand und seufzte schwer. Nun schob er das Kinn vor und fixierte Armand mit stechendem Blick.
"Mein Gefühl sagt mir, dass meine Tochter nicht mehr lebt. Hast du sie getötet?" Diese direkte Frage hatte Armand befürchtet. Tiefes Schweigen breitete sich in den düsteren Gewölben aus. In Georges Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lächeln und ein lauernder Blick.
In Armand überschlugen sich die Gedanken. Dieser alte Mann betrachtete einen unreinen Vampir als minderwertig. Würde er sein Vergehen gestehen, war sein Leben sofort verwirkt. Er konnte versuchen, Zeit zu schinden aber mit einer Lüge würde er Sanghieri zwingen, sein Gedächtnis zu durchforschen. Hatte Sergej Recht damit, dass so weit zurückliegende Ereignisse auch für einen erfahrenen alten Mann schwer zu finden waren? Gab es überhaupt noch eine Chance? Wollte er sie denn noch?
Der Gedanke an Anya durchfuhr ihn und neuer Zorn begann zu brodeln. Mit einem leisen Zischen starrte er George feindselig an.
"Ich bin erstaunt, dass Ihr den Worten eines skrupellosen und intriganten Unreinen glaubt, Sanghieri! Dieser Mann dort würde alles tun, um mich zu vernichten. Wusstet Ihr, dass auch er von Adaliz geschaffen wurde? Was auch immer ich sagen werde, mein Wort stünde gegen seines. Wem wollt Ihr glauben?" Georges Lächeln wurde breiter und siegessicher. Mit seinem typisch tänzelnden Schritt ging er auf Armand zu und blieb dicht vor ihm stehen, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Armand entfernt.
"Signore Sanghieri ist ein erfahrener Mann, Armand. Er weiß, dass ich loyal auf seiner Seite stehe. Wir sind dabei, ein Verbrechen aufzuklären, das DU begangen hast! Gib es zu! Das erspart dir eine Menge Probleme." schnurrte er. Nun, da er direkt vor Armand stand und sein Gesicht damit von Sanghieri nicht gesehen werden konnte, gönnte er sich einen Moment des reinen Hasses, mit dem er Armand anstarrte.
Armand hielt seinem Blick stand und verfluchte es, gefesselt zu sein. Ein heftiges Zerren an den schweren Handschellen erzeugte nur ein metallisches Klirren des Metalls in seiner Verankerung. Sie waren zu stabil für seine Kräfte. Zu gerne hätte er sich nun auf George gestürzt. Wütend starrte er seinen Feind an und rang um Beherrschung.
"Du fühlst dich nur dann stark, wenn du nicht alleine bist! Du bist ein Versager, George. Für dich habe ich nur Verachtung!" knurrte Armand so leise, dass Sanghieri sich anstrengen musste, um seinen Worten zu folgen. Neugierig beugte er sich vor und beobachtete die beiden Kontrahenten.
"Ich habe sie geliebt!" fauchte George mit funkelnden Augen. Armand stieß ein schnaubendes Lachen aus.
"Du hast sie nicht geliebt, George, du hast sie nur gefickt!"
George reagierte schnell. Mit einem wütenden Fauchen holte er aus und wuchtete seine Faust in Armands Magen. Wieder und wieder schlug er zu. Zwei Rippen brachen unter den harten Schlägen. Zwei Schläge in Armands Gesicht brachten seine Nase zum bluten, die Oberlippe platzte auf. Hilflos musste Armand die Treffer einstecken. Er gab keinen Laut von sich. Aber seine Beine gaben nach und er hing schwer keuchend in seinen Fesseln.
Georges Faust hagelte auf Armand ein. In seinem Wutrausch traf er keineswegs gezielt. Seine Schläge verursachten Schmerzen und raubten Armand die Luft. Schwere Folgen aber konnten sie nicht auslösen. Das Schlimmste für Armand war die Demütigung, hilflos diesem Feind ausgesetzt zu sein.
"Genug!" Der scharfe Befehl stoppte George. Widerwillig trat er zurück und rieb sich seine Faust. Sanghieri schüttelte tadelnd den Kopf. Armand war nicht klar, ob er Armands Schweigen oder Georges Wutausbruch meinte.
"Ich habe Gäste und wünsche sie nicht zu lange sich selbst zu überlassen. Das wäre äußerst unhöflich." sinnierte Sanghieri und musterte Armand lange mit reglosem Gesicht.
"Du hast ein wenig Zeit, in dich zu gehen, Armand Sartous. Wir werden uns später mit dir beschäftigen." Ein knappes Nicken zu George brachte ihn an seine Seite. Die beiden Männer, die Armand hergeschleppt und nun reglos zugesehen hatten, lösten sich aus ihrer Starre und folgten dem alten Mann, der sich nun umdrehte und langsam das Gewölbe verließ.
Armand lauschte den leiser werdenden Stockschlägen auf dem Steinboden. Dann war er allein. Verzweifelt spuckte er Blut aus und versuchte, sich wieder aufzurichten, um seine Arme zu entlasten. George hatte ihm schwere Schläge zugefügt. Jedes Anspannen seiner Bauchmuskeln führte zu heftigen Schmerzen. Ihm war übel und schwindlig. Während der Heilungsprozess einsetzte und die Blutungen stoppte wusste er, dass er noch längst nicht das Schlimmste hinter sich hatte.

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