Freitag, 18. März 2011

Noctambule: Sanghieri liest

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Anyas Herz klopfte nun heftiger. Würde sie nun endlich Armand sehen oder liefen sie gerade naiv in eine Falle? Konnten sie Armand noch helfen oder bestand nun gar keine Aussicht mehr? Niemand hatte sie untersucht auf Waffen, was bedeutete, dass Sergej sein Messer noch immer besaß.
Ihr Freund schob sich nun neben sie, denn der Gang wurde breiter. Kurz berührte er beruhigend ihren Arm und lächelte ihr zu. Sie erwiderte das Lächeln nicht sondern blickte konzentriert zu ihm auf.
Der Gang war erstaunlich hoch. Die rauen Wände aus massiven, einfach aufeinander geschichteten Feldsteinen, waren kahl bis auf einige Fackelhalterungen, die jedoch leer waren. Bereits von hier aus war erkennbar, dass der Gang in eine Halle mündete, deren rechter Säulengang eine Verlängerung ihres kleinen Ganges zu sein schien. Die Halle war nicht einsehbar. Lediglich der Schein einiger Fackeln war schwach zu erkennen.


Die beiden Freunde hörten den Hall von gemurmelten Worten, die nur sehr schwer verständlich waren. Anyas Herz klopfte laut. Sie war sicher, Armand ganz nah zu sein. Als sie endlich das Ende des Gangs erreichten und um eine Säule herumgingen, konnte Anya die Halle überblicken. Was sie sah, ließ ihren Atem stocken.

Der große Körper hing fast bewusstlos in zwei breiten Eisenschellen, die an der Wand befestigt waren und seine Arme weit von seinem Körper abspreizten. Sein Kopf hing nach vorne, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, das sie so nicht erkennen konnte. Entsetzt betrachtete sie seinen Oberkörper.
Die Handgelenke waren aufgerissen und schienen sich nicht mehr schließen zu wollen. Sein ganzer Oberkörper wirkte verbrannt. Große Blasen hatten sich an vielen Stellen gebildet, teilweise war die Haut aufgeplatzt und das rohe Fleisch darunter zu sehen. Wo die Haut nicht geschwollen oder offen war, hatte sie sich extrem gerötet. Noch nie hatte Anya so etwas gesehen. Armand musste schreckliche Schmerzen haben. Seine Brust hob und senkte sich in kurzen, heftigen Bewegungen.
Anyas Augen wanderten über die übrigen Anwesenden. Sie erkannte sofort George und Isabelle. Kalte Wut brannte in ihr hoch. Der Dritte war ihr unbekannt. Er war offensichtlich sehr alt und hager. Seine weißen Haare waren zu einer gepflegten Frisur geordnet, seine Kleidung zeugte von Reichtum. Er stützte sich mit einer krallenförmigen Hand auf einen edlen Gehstock. Anya hatte wenig Zeit, sich eingehender mit dem Fremden zu beschäftigen, denn ihr Erscheinen löste bei Isabelle ein wütendes Fauchen und bei George ein entgleistes Gesicht aus.

Der alte Mann drehte sich um und sah der Gruppe entgegen, die sich langsam näherte. Sergej griff nach Anyas Arm, um ihren Impuls zu bremsen, sofort zu Armand zu laufen. Der schnelle Blick, den sie ihm zuwarf, bestätigte seine Eingebung. Er lächelte nur kurz und schüttelte den Kopf.
"Wir haben ungebetene Gäste, Vater." Der Mann, den Anya überzeugt hatte, sie hierher zu bringen, verbeugte sich respektvoll. Nun wurde ihr einiges klar. Sie konnte sogar Ähnlichkeiten in den markanten Gesichtszügen ausmachen.
Sanghieri musterte seinen Sohn kurz, dann Sergej ausgiebig und danach Anya, deren Kleidung ihn offensichtlich kurz irritierte. Dann wurde sein Blick wieder auf Sergej gezogen, der sich ebenfalls verbeugte und den Blick vor dem Alten senkte.
"Ich entschuldige mich für unser Fehlverhalten. Aber ich hoffe, Ihr hört uns an, bevor Ihr schwere Entscheidungen trefft." begann er mit mühsam unterdrücktem Zorn. Immer wieder schweifte sein Blick zu dem gefolterten Freund, der nicht einmal mehr die Kraft zu haben schien, den Kopf zu heben.
"Ich bin Sergej Komarov, ein Freund dieses Mannes dort drüben und enger Begleiter seit vielen hundert Jahren. Bitte nennt uns den Grund, der Euch offenbar berechtigte, meinem Freund derart zuzusetzen!"
Anyas Augen wanderten immer wieder zwischen dem Alten, George und Isabelle hin und her. Isabelle hatte sich leicht geduckt und stierte Anya hasserfüllt an. Sie hatte die Zähne entblößt und stieß immer wieder ein aggressives Fauchen aus.

Offenbar entging das dem alten Vampir nicht, denn er klopfte ungeduldig mit dem Stock auf den Boden und verlangte damit Ruhe und Ordnung.
"Ihr habt Benehmen, junger Komarov, das gefällt mir. Mein Name ist Antonio Sanghieri, Ältester und Oberhaupt der Familie Sanghieri in Florenz." stellte er sich vor und legte seinen Blick auf Anya, die aber beharrlich schwieg.
"Nicht ich habe Eurem Freund zugesetzt, allerdings geschah es mit meiner Zustimmung. In diesem Hause und in dieser Stadt ist mein Wort Gesetz!" erklärte er nun und löste seinen bohrenden Blick von Anya, um Sergej wieder anzusehen.
Sergej schluckte seinen Zorn erneut herunter und blickte voller Mitgefühl und Schmerz zu seinem Freund.
"Der falsche Mann ist angekettet!" patzte er raus und sah nun anklagend zu George, der sich inzwischen wieder gefangen hatte. Er schien sich wieder sicher zu fühlen und stieß ein abfälliges Lachen aus.
"Signore, wollt Ihr Euch tatsächlich ablenken lassen? Befragt Armand, er wird nicht mehr lügen!" mahnte er und warf einen zufriedenen Blick auf den apathischen Armand. Niemand konnte ihm ansehen, dass er nur noch betete, der Alte würde sich umstimmen lassen und mit einer Befragung zufrieden geben.Sanghieri reagierte tatsächlich, als wäre ihm kurz entfallen, warum er hier war.
"Richtig. Fabrizio, mein Sohn, schicke deine Leute fort. Ich habe eine schwere Aufgabe vor mir und brauche meine Ruhe. Du bleibst hier und lernst." erklärte er sanft. Sein Sohn nickte sofort den Männern zu, die sich leise zurück zogen.
Sanghieri wartete, bis sich die Kellertüre geräuschvoll schloss und atmete tief durch. Dann wandte er sich Armand zu, der noch immer nicht reagierte.
"Armand Sartous! Du bist angeklagt des Mordes an meiner Tochter Adaliz! Um deine Schuld oder Unschuld zu klären werde ich mich deiner bemächtigen mit dem Recht des Ältesten und nach dem Brauch unserer Ahnen!" erklärte er feierlich.
Anya blinzelte und schaute von einem zum anderen. Isabelle hatte Anya noch immer nicht aus den Augen gelassen. George starrte mit bösartigem Lächeln zu Armand und Sergej versuchte erneut, Anya mit einer kurzen Berührung zu besänftigen. Aber in Anya brodelte der Zorn hoch. Da standen die schlimmsten Verbrecher frei und gesund, während Armand offenbar dem Tod näher war als dem Leben. Sie konnte nur noch mühsam an sich halten, während der Alte nun den Kopf senkte und sich sammelte.
Mit wenigen Schritten war dann er bei Armand und legte seine faltige, alte Hand an dessen Schläfe. Seine Kopfhaltung deutete an, was sie in seinem abgewandten Gesicht nicht lesen konnte. Er konzentrierte sich auf den völlig geschwächten Armand und begann zu forschen.
Die einsetzende Stille lastete auf Anya. Sie hielt unwillkürlich den Atem an, wie Isabelle und George, die nun beide angespannt Sanghieri beobachteten. Nur George schien etwas unbehaglich dabei zu wirken. Er betete stumm und mit zusammengepressten Lippen, dass Sanghieri gleich tief vorstieß und nicht Armands gesamte Geschichte las.
Die Minuten tropften, dann holte Sanghieri zischend Luft und löste seinen Blick von Armand. Er ließ ihn nicht los, wandte aber seinen Blick zu George. Anya konnte das Profil des Alten sehen, das hart und vernichtend wirkte.
"Wie es scheint, habe ich gerade einen Mord gesehen, George." Seine Stimme war beißend klar. Anya, die von Georges Vergangenheit nicht viel wusste, dachte gar nicht darüber nach, dass auch George gemeint sein könnte. Für sie war klar, was Sanghieri gesehen haben musste

Kommentare:

  1. Na, hoffentlich sagt die Anya jetzt nichts...

    AntwortenLöschen
  2. die Spannung steigt und ich glaube kaum das jemand das Urteil egal wie es ausfällt akzeptiert...da wird es noch mächtig stunk geben im Keller

    AntwortenLöschen
  3. Stunk wird es auf jeden Fall geben. Und auch sonst ist ja noch einiges im Busch. Da sind einfach zu viele 'Outlaws' im Keller, als dass das ruhig ausgehen könnte.

    Und ich bin sicher, dass Anyas Bild von Armand sich jetzt ein wenig nachhaltig verändern wird.

    Gruß
    Joe

    AntwortenLöschen

Bitte beim Kommentieren höflich bleiben. Es gibt hier die Möglichkeit Anonym zu kommentieren, aber denke bitte kurz nach ob du das wirklich möchtest. Unterzeichne deinen Kommentar doch mit einem Pseudonym oder deinen Initialen, dass man weiß, welche Kommentare alle von dir sind. Oder noch besser, du nutzt nicht die Auswahl "Anonym" sondern "Name/URL" und lässt das Feld für die URL einfach frei. Dann wird dein Kommentar mit deinem selbst gewählten Namen angezeigt.

Vielen Dank.