Dienstag, 15. März 2011

Noctambule: Einbruch

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Einem Menschen, der zufällig über die Straße geschaut hätte, wäre der huschende Schatten entgangen. Anya jagte geduckt über die stille Straße und presste sich dann an die Rückseite des Hauses, in dem Sanghieri ihren Geliebten gefangen hielt. Sie verschwand im Schatten, den das Haus warf und nur Sergej, der ihr mit Blicken gefolgt war, ahnte den Umriss ihres zierlichen Körpers.
Einen Moment stand sie still und lauschte. Ihre Augen glitten über die verzierte Fassade des Hauses. Die hohen Fenster waren mit kleinen Fenstersimsen verziert. Der Architekt hatte verspielte Elemente eingebaut und überall leicht hervorstehende Steine zu Mustern entworfen, die Anya nun ein zufriedenes Lächeln entlockten. So, wie sie es vorhin geübt hatte, würde sie relativ einfach dort hinauf klettern können.


Das einzige Problem war das Dach. Die Fassade des Hauses war an der Vor- und Rückseite über das Dach hinaus hochgezogen worden. Wenn dort oben Wachen gestanden hatten, dann musste es ein flaches Dach sein, das man leicht betreten konnte. Sie konnte weder jemanden dort oben hören noch sehen. Es blieb nur zu hoffen, dass auch wirklich niemand dort war. Hastig winkte sie Sergej, zu ihr zu kommen.
Auch Sergej hastete geduckt los und drückte sich neben ihr an die Wand. Unbehaglich schaute er nach oben.
"Planänderung. Ich übernehme." befahl er knapp und streckte fordernd die Hand aus. Anya, die sich zwar sehr verändert hatte was ihre Lebensart betraf, konnte der Autorität nicht widerstehen. Artig aber widerstrebend gab sie ihm das Messer zurück, was er mit einem knappen Nicken quittierte. Er steckte das Messer weg und drehte sich der Hauswand zu.
"Dann mal los." murmelte er vor sich hin und begann den Aufstieg mit einem beeindruckenden Sprung, der ihn schon beinahe auf den kleinen Fenstersims des ersten Stocks brachte. Flink und lautlos hechtete er von Vorsprung zu Vorsprung. Drei Stockwerke waren zu meistern und schließlich drückte er sich auf einem der kleinen Zierblöcke unter der zu einem Halbkreis geschwungenen Fassade.
Anya schmunzelte. Außer ihr schien niemand den Mann zu sehen, der nun an der Wand klebte wie eine Statue, in der Mitte des Hauses und knapp unter dem Dach. Entschlossen nickte sie und atmete noch einmal durch. Dann begann auch sie mit der Klettertour.
Sie war lange nicht so geschickt und schon gar nicht so trainiert wie Sergej. Schon beim zweiten Sprung verfehlte sie den anvisierten Landepunkt und konnte sich nur im letzten Moment mit den Fingerspitzen halten. Ihre nackten Füße halfen ihr nun, denn sie fand mit den Zehen halt und stemmte sich hoch. Die Haut ihrer Füße zerschrammte und riss, aber sie presste schnaufend die Lippen aufeinander und schaffte es schließlich nah bei Sergej anzukommen, der ihr mit angehaltenem Atem zugesehen hatte.
Nun nickte er anerkennend, wenn auch ein wenig skeptisch. Noch immer war er strickt dagegen, sie mitzunehmen. Er fürchtete in ihr mehr eine Last denn Hilfe zu haben.
Mehrfach hatte er gelauscht und versucht, zu erkennen, ob das Dach bewacht war. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als den Sprung ins Wespennest zu wagen. Mit einer Handbewegung wies er Anya an, zu warten und spähte links zum Rand der Fassade, die sich ein wenig über das Dach zu erheben schien.
Mit einem kraftvollen Sprung erreichte er den Rand, zog sich hoch und flankte hinüber. Gut zwei Meter unter sich sah er den flachen Boden des Daches und landete abfedernd. Er verlor keine Sekunde sondern hechtete an die Rückseite der Fassade, das Messer schon in der Hand. Niemand war zu sehen. Erleichtert sog er frische Luft in die Lungen und richtete sich auf. Das Dach war tatsächlich leer. Nur ein paar Leinen waren gespannt und einige kleine, flache Bänke standen herum.
Er stieß einen leisen Pfiff aus und wartete darauf, dass Anya neben ihm landete. Helfen konnte er ihr nicht. Er konnte nur hoffen, dass sie es ihm nachmachte. Theoretisch war es ein leichtes, diesen Sprung zu schaffen, aber sie hatte keine Übung. Er hoffte inständig, dass sie nicht abstürzte.
Seine Sorge war unbegründet. Ein zierlicher Schatten flog über seinen Kopf. Anyas Landung war alles andere als elegant. Mit einem dumpfen Schmerzlaut kam sie auf und fiel auf die Seite, noch gut einen Meter rollend. Ächzend richtete sie sich wieder auf und rieb sich die schmerzende Seite. Ein zögerndes Grinsen huschte über ihr Gesicht, als sie Sergejs Gesicht sah.
"He, für den Anfang war das doch gut!" raunte sie und sah sich um. Sergej seufzte.
"Hoffentlich ist niemand unter uns. Er muss glauben, der Mond sei auf das Dach gestürzt." fluchte er, was bei Anya ein kleines Schmollen auslöste. Aber dann wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt. Sie musterte einen Tisch, der mitten auf dem Dach stand. Einige Lederriemen hingen herunter, Stühle konnte sie keine erkennen. Hier hatte sich niemand zum Essen niedergelassen. Misstrauisch trat sie näher.
Hinter sich atmete Sergej zischend ein. Seine Augen flogen sichernd über das Dach und zu der Tür des kleinen Aufbaues, die beide vom Rest des Daches abschirmte. Fragend wandte Anya ihm den Kopf zu.
"Ich ahne nichts Gutes." raunte Sergej unbehaglich. Er war nicht gerade begeistert von der Aufgabe, Anya zu erklären, was er befürchtete. Aber sie schien nicht bereit zu sein, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Sergej schnaufte.
"Hier war jemand dem Sonnenlicht ausgesetzt." erklärte er knapp. Anyas Augen wurden groß. Entsetzt sah sie ihn an und ihre Lippen formten Armands Namen. Sergejs Nicken ließ sie taumeln. Der Gedanke war schrecklich für Anya. Alleine an ihrem ersten Tag hatte sie das Sonnenlicht spontan abgelehnt. Sie wollte sich nicht vorstellen, was Armand durchgemacht hatte.
"Hat er das überlebt, Sergej? Kann er das überleben?" hauchte sie erstickt. Sein knappes Nicken beruhigte sie nur wenig. Er bemerkte ihren Zustand nun endlich und strich über ihre Schulter.
"Ich habe das selbst erlebt. Armand hat mich damals nach einem halben Tag befreit. Wir sterben nicht daran, Kleine. Wir leiden nur." versuchte er sie zu beruhigen. Aber gerade das machte es fast noch schlimmer für Anya. In ihren Augen glühte Zorn auf. Ihr Kopf wandte sich langsam zu der Tür, die nach unten führen musste.
"Dafür werden sie bezahlen." fauchte sie. Sergej stieß ein Schnaufen aus.
"Ich will keinen Rachefeldzug! Wir können froh sein, Armand da raus zu bekommen!" meinte er fest und ging leise zu der Tür. Die Tür ließ sich problemlos öffnen und gab mit einem kaum hörbaren Knarren den Weg in den Vorraum frei. Auch hier war niemand zu sehen. Leise schlichen die Beiden hinein und spähten die Treppe hinunter, die am Ende des Raumes zu erkennen war.
Es war eine kleine, schmucklose und schmale Treppe aus einfachem Holz. Nach 12 Stufen kam ein Absatz, danach führte eine neue Treppe in Gegenrichtung hinunter. Sergej konnte nicht sehen, ob die Treppe auf einen Gang mündete oder an einer weiteren Tür endete. Zweifelsfrei kein Weg für die hohen Herrschaften. Sergej vermutete eher, dass die Angestellten hier hinauf kamen, um Wäsche zu trocknen, vielleicht auch noch Tomaten oder Kräuter. Zumindest sagte ihm das der würzige Geruch, der in dem Raum hing.


Schon die ersten Stufen knarrten so laut, dass Sergej das Gesicht verzog und sein Messer zückte. Auch Anya hielt den Atem an. Beide standen still und lauschten, aber nichts rührte sich. Sergej schaute kurz zu Anya, die zwei Stufen hinter ihm stand, dann ging er weiter.
Die nächsten Stufen waren Gott sei Dank stabiler. Sie schafften es bis zum Absatz und nun konnte Sergej erkennen, dass die Treppe in einen leeren Gang mündete. Erleichtert atmete er auf und betrat die Treppe. Das laute Knarren klang in Anyas Ohren wie eine Explosion. Sergej zischte wütend und hastete die Stufen eilig hinunter, gefolgt von der viel leichteren Anya, die kaum Geräusche verursachte. Doch dann stoppte er so plötzlich, dass Anya gegen ihn prallte.

Kommentare:

  1. "Boing", hab schon das ganze kapitel gegrinst und das in einer doch so ernsten situation eigentlich. Aber die kleine Anya wird mit iihrer tollpatschigkeit noch den ein oder anderen "ausversehen" überrollen *kicher* ... bin gespannt wies weiter geht

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  2. Schon beim ersten Lesen war das Finale wirklich grandios. Ich bin echt gespannt, was du seit damals geändert hast. Bis hierhin kommt mir noch nichts unbekannt vor.

    Kleine Anya pass auf dich auf.

    Gruß
    Joe

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