Samstag, 5. März 2011

Noctambule: Die Verwandlung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

"Nein, nein, nein!!" Sergej sprang brüllend auf und trat mit aller Kraft gegen die Umrandung des Brunnens. Verzweifelt starrte er auf Anya herunter und atmete schwer. Wieder trat er gegen den Brunnen und begann auf und ab zu rennen. Er bemerkte nicht, dass sein erneutes Brüllen die Nachtwache auf den Plan rief, die gerade die Straße entlang lief. Der Mann stutzte und näherte sich dem fluchenden, tobenden Mann.
Als er Anyas Körper auf dem Boden liegen sah, zog er seinen Degen.


"He!! Ihr da!" Sergej fuhr herum. Seine Augen glühten. Als er sah, dass der Mann dicht bei Anya stand, rastete er aus. Sein Körper flog auf den sprachlosen Mann zu und riss ihn mit sich. Der Degen erzeugte nur einen kleinen Kratzer, ehe er in hohem Bogen davon flog. Sergej zögerte nicht. Wütend hieb er sein Gebiss in den Mann und brach ihm gleichzeitig mühelos das Genick.
Er trank nicht einen Tropfen, denn aus dem Augenwinkel sah er eine neue Bewegung. Anyas Körper bäumte sich hoch auf und fiel zurück. Ein röchelndes Jappsen war zu hören. Sofort war er an Anyas Seite.
"Anya? Hörst du mich?" Vorsichtig strich er eine nasse Strähne von ihrer Stirn. Sie reagierte nicht. Ihre Zähne schlugen heftig aufeinander und ihr Körper zuckte so heftig, dass ihre Beine unkontrolliert zappelten. Sergej zog sie in seine Arme. Das hatte er noch nie erlebt. Zwar kannte er die Prozedur und wusste um die schmerzhafte Verwandlung. Aber Anya war doch schon tot gewesen! Sie hatte so viel Blut verloren! Wie konnte die Mischung da noch statt finden?
Unendlich erleichtert drückte er sie an sich. Sie stöhnte dumpf und er konnte die Hitze fühlen, die in ihr aufstieg. In kürzester Zeit begann ihr Körper zu glühen. Sergej wusste, was zu tun war. Wieder riss er seine Verletzung am Arm auf und ließ sein Blut in ihren Mund tropfen. Diesmal trank sie beinahe gierig. Sie schnappte nach seinem Arm und presste ihn an sich. Wild sog sie das Blut aus seinem Arm.
Sergej mühte sich mit beunruhigtem Grinsen ab, seinen Arm wieder frei zu bekommen. Noch waren ihre Zähne nicht ausgebildet und so riss sie ihm keine besondere Verletzung in die Haut sondern nur einen Abdruck ihrer Zähne. Zitternd fiel sie zurück. Fasziniert und erleichtert bemerkte Sergej, dass die graue Farbe aus ihrem Gesicht verschwand und einer fast wächsernen Blässe wich.
Ununterbrochen kühlte Sergej fürsorglich Anyas verschwitztes Gesicht. Die erste schmerzhafte Phase war abgeklungen. Anya behielt erschöpft die Augen geschlossen, aber ihre Finger krallten sich in Sergejs Arm. Leise und beruhigend redete er auf sie ein. Er erwartete keine Antwort. Er wollte sie einfach beruhigen.
Gerade als er glaubte, dass sie eingeschlafen war, bäumte sie sich mit einem langen Schrei auf. Beunruhigt sah Sergej sich um. Mit ihren Schreien würde sie noch die halbe Stadt hierher locken. Aber er musste jetzt diese Phase abwarten, bevor er sie wegtragen konnte. Anya warf sich herum. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und starrte glasig ins Leere. Immer wieder krümmte sie sich, versuchte, still zu bleiben. Aber ihre tiefen, kehligen Stöhnlaute waren nicht weniger leise.
Sergej riss einen weiteren möglichst sauberen Fetzen von ihrem Kleid ab, zerknüllte ihn und drückte ihr den notdürftigen Stoffball gegen die Lippen.
"Beiß darauf! Du darfst nicht so laut sein. Bitte!" Anya starrte ihn zitternd an und öffnete den Mund. Ihre Zähne gruben sich sofort in den Stoff. In ihren Augen schimmerte Angst und Hilflosigkeit. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Sie glühte vor Fieber. Der nächste Schmerzschub kam. Sie schrie in den Stoffknebel, ihre Finger zerkratzten seinen Unterarm und Tränen rollten über die Wangen. Sergej schluckte heftig und presste sie beruhigend an seinen Oberkörper.
Schließlich erschlaffte sie und wurde still. Sergej vermutete eine erholsame Ohnmacht und atmete erleichtert durch. Dass Anya diese Schmerzen durchleiden musste, nahm ihn extrem mit. Das hatte er so alles nicht gewollt. Behutsam hob er sie auf seine Arme und trug sie so schnell er konnte aus dem Park hinaus.
Ihr Federgewicht war für ihn keine Last. In höchstem Tempo jagte er aus der Innenstadt hinaus und erreichte gerade eben noch rechtzeitig die Ruine am Stadtrand, als sie sich erneut regte. Hier war es schmutzig, egal wohin man sah. Aber das war jetzt egal. Vorsichtig legte er sie auf den harten Boden und setzte sich so, dass ihr Oberkörper in seinem Arm liegen konnte. Er selbst lehnte sich an die Wand.
Der dritte Schub war wohl der Schlimmste. Sergej war froh, dass er sie hierher gebracht hatte. Er ließ sie schreien und streichelte sie hilflos, während er beobachtete, wie sich ihre Schönheit vervollkommnete. Nach und nach begannen sich ihre Verletzungen zu schließen und zu verheilen. Besonders begeistert war er von ihren Zähnen. Die ohnehin schönen Zahnreihen hatten ihre Wandlung vollendet. Das scharfe Gebiss war strahlend weiß und wirkte – obwohl es kraftvoll war – zierlich gegen die Zähne Armands oder seine eigenen.
Kurz vor Tagesanbruch wechselte Sergej hastig das Lager in einen überdachten Bereich mit halbwegs intakten Wänden. Er behielt Anya eng an sich gedrückt und murmelte ununterbrochen beruhigende Worte, obwohl sie gerade in einen tiefen Schlaf gefallen war. Als die Sonne aufging, schloss Sergej selbst erschöpft die Augen, den Kopf an die Wand gelegt und Anya fest in seinem Arm haltend.

Kommentare:

  1. Jetzt ist Anya gerettet und Armand schwebt in Lebensgefahr... ob er überlebt!? Wenn ja, ist er damit einverstanden, dass Anya jetzt auch ein Vampir ist? Aber vielleicht ist er nur heilfroh, dass es ihr gut geht... *nervös auf der lippe kau*

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  2. In diesem Falle kann man sagen: Lieber Untod als ganz Tod *juhu*

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