Sonntag, 22. Juli 2012

Einmal schlafen

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Mykola starrte das Schild an der Wand an und wollte dann den Mann noch etwas fragen. Doch der war schon durch die Türe nach draußen verschwunden. Mühsam zog er einen Zettel und einen Stift aus seiner Tasche hervor und schrieb als erstes die Adresse ab. Dann stand er unschlüssig weiter im Foyer herum. Ein einzelner grimmiger Mann hatte ihm gesagt, hier gäbe es keine Arbeit. War das tatsächlich die Wahrheit? Grübelnd ging er noch einmal auf und ab und und versuchte seinen nächsten Schritt mit Bedacht zu planen.

Schließlich beschloss er es an der Adresse zu probieren, die ihm der Kerl gezeigt hatte. Dieses Gebäude hier sah beim besten Willen nicht so aus, als wäre es auf Besuch eingerichtet. Und wenn sich die andere Adresse als Fehlschlag entpuppen würde könnte er ja immer noch hierhin zurückkehren. Er schulterte seine Tasche und setzte sich draußen auf einen kleinen Mauervorsprung. Dort zog er den Stadtplan wieder hervor und suchte die nächste Adresse. Seine Finger rutschten über das Paper und dann stieß er einen Fluch aus.

Die Adresse, welche ihm der mürrische Mann gezeigt hatte, lag direkt neben dem Hauptbahnhof. Verbittert schulterte er seine Tasche. Zwar fuhr auch eine S-Bahn in die Richtung, aber er war bei der letzten Fahrt nicht erwischt worden. Nun wollte er sein Glück nicht auf die Probe stellen. Es war nicht ganz eine Stunde zu laufen, bis hinüber auf die andere Seite des Hauptbahnhofes. Den Plan hatte er griffbereit in der Hosentasche verstaut und warf von Zeit zu Zeit noch einen Blick darauf. Er hätte es so einfach haben können. Aber in dieser Stadt machte man es Seeleuten wirklich nicht leicht.

Endlich war der Marsch durch die Stadt beendet und er hatte bei kräftigem Ausschreiten gerade 40 Minuten dafür gebraucht. Obwohl er sich noch einmal verlaufen hatte. Vor ihm ragte ein mehrstöckger Bau mit großen Fenstern und einer Fassade aus rotem Granit auf. Kurz wollte er noch einmal die Adrese vergleichen, als er das Symbol von der Tafel beim Hafenamt wiedererkannte. Metergroß prangte es oben an der Fassade des Hauses. Und eines der Worte die daneben geschrieben waren, konnte er auch identifizieren: "Arbeit", stand da klar und deutlich. Beschwingt drückte er die Türe auf und sah sich um. Ein Pförtner hinter einem Tresen sah ihn mit zusammengeniffenen Augen an.

"Haben Sie einen Termin?" Mykola stellte sich brav vor ihn hin. "Ich suche Arbeit auf Schiff.", erklärte er sich. "Heute geschlossen. Morgen wieder! Heute nur Termin.", meinte der Pförtner gelangweilt und deutete zur Türe. "Keine Arbeit?", fragte Mykola verwirrt und sah den Mann etwas traurig an. Der rollte mit den Augen. "Morgen!", meinte er sehr eindringlich, "Einmal schlafen. Dann wieder herkommen." Dazu machte er eine Geste, indem er den Kopf auf die Hände legte, mit denen er ein Kopkissen andeutete. Dann schob er ein Kärtchen mit Öffnungszeiten hinüber. "Morgen.", nickte Mykola und zog seufzend wieder ab. Am Bahnhof hatte er Telefonzellen gesehen. Er würde Alexander anrufen.

Kommentare:

  1. Wenn Mykola bei mir nicht so verschissen hätte, könnte er mir leid tun. Man wird seinen Ausweis sehen wollen, feststellen, dass er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, geschweige denn eine Aufenthaltserlaubnis, die ihm Arbeit in Deutschland gewährt. Dann wird man ihm wahrscheinlich die Anschrift der Botschaft geben oder was weiß ich wohin schicken, damit er das nachholt. Ich weiß noch nicht einmal, ob er als Urlauber durchgehen könnte, dem man hilft, mit einem Schiffchen seine Reise fortzusetzen. Keine Ahnung, ob ein Ukrainer ne Art Visum bräuchte und ob er das hat.
    Auf jeden Fall hat sich die Welt offenbar ohne Mykola weiter gedreht. So einfach auf einem Schiff anheuern ist also nicht mehr und selbst wenn er es schaffen sollte, irgendwo auf einem Kahn unter ausländischer Flagge als Leichtmatrose anzuheuern, wird ihn die neue Technik verwirren, wenn es nicht gerade ein 20 Jahre alter Seelenverkäufer ist. Ich bin echt mal gespannt, was er schafft und von welcher Seite unerwartete Hilfe kommt. Denn irgendwie befürchte ich ja immer noch, dass er es schaffen wird, in Seattle anzukommen :)

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  2. Ich finde es echt sehr gut, dass ihm so viele Steine in den Weg gelegt werden. Aber auch ich fürchte, dass er irgendwie doch noch mehr Glück als Verstand hat und irgendwie bei Nadja auftauchen wird *seufz*. Aber das wird ja noch einige Zeit dauern, mit dem Schiff wird er noch eine lange Reise vor sich haben. Entweder mit harter Arbeit oder heimlich als blinder Passagier. Aber bei letzteren würde ich ihm gönnen, dass er kurz vor dem gelobten Land entdeckt wird. Dann gehts postwendet nach der Ankunft wieder nach Hause *grins*

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