Donnerstag, 6. Oktober 2011

Noctambule II: Zurück ins Boot

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Mehrere Stunden hatte Joscelin neben Anya gehockt und ratlos immer wieder mal ihre Schulter oder ihren Schenkel gestreichelt. Sie hatte Angst, die verletzte Frau zu berühren, um ihr nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen. Dem Mädchen war klar, dass sie sie ins Boot bringen musste und dass dies nicht ohne Schmerzen gehen würde und genau davor scheute sie ängstlich zurück.

Anya hatte sie flüsternd gebeten, sie hier liegen zu lassen und vor der Sonne zu schützen. Joscelin war zum Boot gerannt und hatte eine Decke geholt, die sie über Anya gelegt hatte, damit sie noch besser verdeckt war. Doch blieb dies eine Notlösung. Erst als sich ihr Schock langsam legte, wurde ihr klar, dass Anya sich völlig bewusst ins Licht gestürzt hatte, um Joscelin zu beschützen.
Noch nie hatte Joscelin erlebt, dass jemand seine eigene Gesundheit zu ihrer Sicherheit aufs Spiel gesetzt hatte. Fassungslos über diesen Zuneigungsbeweis hatten sie Schuldgefühle überrumpelt. Wäre sie nicht ans Ufer gegangen, hätten die Streuner sie gar nicht überfallen. Wäre sie ganz still geblieben, wäre Anya nicht geweckt worden. Wäre.. hätte.. immer wieder kreisten ihre Gedanken um diese Worte und sie fand keinen Ausweg.
Anya war eingeschlafen oder bewusstlos. Aber sie atmete gleichmäßig, wenn auch schnaufend und teilweise stöhnend und manchmal sehr kurz. Joscelin hatte große Angst, dass Anya ihr Kind verloren hatte oder noch verlieren könnte. Nachdem Anya ihr alles erzählt hatte, fühlte sich Joscelin zu dem ungeborenen Kind stärker hingezogen als zu ihrer kleinen Schwester. Still betete sie, dass das Kind diese Strapaze überstehen würde.
Stille hatte sich auf der Lichtung am Ufer ausgebreitet. Die Sonne ließ die Luft flimmern. Zikaden und Vögel nahmen ihre Kommunikation wieder auf, die sie bei dem Kampf vor Schreck eingestellt hatten. Die Toten lagen unverändert dort, wo sie gestorben waren und Fliegen summten um sie herum.
Irgendwann stand Joscelin auf und begann ächzend und keuchend, die Leichen wegzuzerren. Das war schwerer als sie gedacht hatte und noch dazu ekelte sie sich davor, die Leichen zu berühren. Nach vielen Pausen und schweißüberströmt hatte sie es endlich geschafft, die Toten auf die andere Seite der Lichtung zu ziehen und dort mit Waldboden zu bedecken. So musste sie sie wenigstens nicht mehr ständig ansehen und konnte ihre Gegenwart verdrängen.
Der sonnige Tag hatte seine Schönheit für das Mädchen verloren. Sie fühlte sich einsam und hilflos, wagte aber nicht Anya alleine zu lassen um Hilfe zu holen. Schließlich kam sie auf die Idee, Anya frisches Wasser zu bringen und als diese sich endlich regte, hob sie vorsichtig die Decke an und hielt ihr einen Becher Wasser an die Lippen.
Die Hälfte tropfte daneben und versickerte im Boden. Aber Anya wirkte erleichtert und versuchte zu lächeln. Es wurde nur eine verzerrte Grimasse daraus. Aus geröteten Augen sah sie das Mädchen an und ließ den Kopf schwach wieder zurückfallen.
"Ich.. ich muss ins Boot." keuchte sie kaum hörbar. In Joscelins Kehle bildete sich ein Kloß, aber sie nickte tapfer.
"Aber wie? Das wird dir schrecklich weh tun." fiepste sie hilflos. Anya leckte sich über die Lippen und hechelte eine Schmerzattacke weg. Es entging Joscelin nicht, dass Anya dabei ihre Hände auf ihren Unterleib presste und nicht auf die Wunde. Ihre Sorge um das Kind wuchs ins Unermessliche.
"Egal. Hilf mir." stöhnte Anya schließlich und versuchte sich aufzurichten. Die Bewegung reichte schon, um sie stöhnend das Gesicht verziehen zu lassen und wieder zurückzusinken. Hilflos betrachtete das Mädchen sie und presste die Faust gegen den Mund, um nicht vor Unsicherheit loszuweinen.
Anya zog die Decke über den Kopf und verbarg sich wieder darunter. Noch während Joscelin ihre Körperkonturen betrachtete, begann Anya, sich mühsam auf alle Viere zu stemmen. Sie sackte wieder herunter, aber stemmte sich mit den Beinen über den Boden und robbte so wie ein groteskes Stoffbündel über den Boden. Schließlich versuchte sie es erneut und stützte sich so schwer auf Joscelin, dass diese fast zusammenbrach.
Ihre Kraftanstrengung wurde von tiefem Stöhnen begleitet. Immer wieder brauchte sie eine Pause und etwas zu trinken. Sie hatten schließlich mühsam den Steg überquert und auch Joscelin lief nun der Schweiß über die Stirn. Sie zog den Steg sofort ein, kaum dass beide sicher auf ihrem kleinen Hausboot waren. Für Joscelin fühlte sich das Einziehen des Steges wie das Abschließen einer Türe an. Nun waren sie endlich in Sicherheit.
Anya hatte sich gegen einen der Pfosten gelehnt, der die Überdachung abstützte und begann gerade, an ihm herunter zu rutschen, als Joscelin sie wieder erreichte und hochstemmte.
"Nicht umfallen, bitte! Wir sind gleich da!" flehte sie. Anya nickte erschöpft und quälte sich mit Hilfe des Mädchens bis zum Bett. Mit dumpfem Stöhnen fiel sie auf das Bett und schloss die Augen. In ihrem Gesicht war Erleichterung zu erkennen und kurz schaffte sie sogar ein bebendes Lächeln.
"Das muss verrückt ausgesehen haben… mit der Decke über dem Kopf." murmelte sie. Joscelin stieß ein fast hysterisches Kichern aus, aber Anya hörte es schon nicht mehr. Sie hatte das Bewusstsein verloren.

Kommentare:

  1. Joscelin ist wirklich ein gutes Mädchen. Das Unglück ist ja nun wirklich ziemlich komplett. Ein Stich in den Bauch könnte Anyas Körper sicherlich dazu veranlassen die Schwangerschaft zu beenden. Aber das wollen wir mal nicht hoffen.

    Aber was ich auch nicht hoffen will ist, dass Joscelin nun mit dem Leben bezahlt, weil Anyas Blutdurst nun größer denn je wird. Sie muss jedenfalls alle Regenerierungskräfte aktivieren um das zu überleben.

    Können Vampire vielleicht spüren, wenn andere Vampire verbrennen oder verletzt werden? Oder ist auch das ein Kanal der sich Anya verschließt? Sergej hat er ja damals genau auf diese Weise gefunden.

    Ich hoffe sehr, dass sie bald Hilfe erhält.

    Liebe Grüße
    Joe

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  2. Ich sitze hier und dreh fast durch!!!.....Kann es nich schon morgen früh sein???

    Sicher wird Anja durchkommen, bis jetzt ist so ziemlich alles gut gegangen...vielleicht kann sie ja doch jemand irgendwie aufspüren oder???..Bitte ....

    Lg LuLu

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