Donnerstag, 27. Oktober 2011

Noctambule II: Kräuter gegen Fieber

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

Joscelin hatte das Gefühl, unzählige Fragen zu beantworten, während der alte Karren sie durchschüttelte. Immer wieder bedankte sie sich bei der müde wirkenden Frau, doch die Hebamme lenkte das Gespräch mit Fragen jedes Mal zurück auf die Patientin.
Auf dem Boot rannte Joscelin unruhig voraus und blieb erst vor der Tür stehen, um Anya nicht zu erschrecken. Leise und vorsichtig öffnete sie die Tür und schlich in das Zimmer. Anya hatte sich offenbar überhaupt nicht bewegt. Schweiß stand auf ihrer Stirn, die Haare klebten feucht im Gesicht und Joscelin konnte auf die Entfernung überhaupt keine Atembewegung des Brustkorbs feststellen.

Erschreckt lief sie zum Bett und tastete nach Anyas Hand. Am Handgelenk konnte sie erleichtert Puls feststellen, auch wenn er schwach und flatternd war. Die Stimme der Hebamme riss sie erst wieder aus ihren fürsorglichen Gedanken.
"Guter Gott, was für eine wunderschöne Frau!" flüsterte die ältere Frau und kam leise ans Bett. Joscelin räumte ihren Platz und blieb beobachtend stehen.
Fachkundig befühlte die Hebamme die Stirn, tastete nach dem Puls und lauschte dem Atem. Da die Patientin überhaupt nicht zu reagieren schien, hob sie die Decke an und versuchte über dem Verband nach Anyas Bauch zu tasten.
"Ich nehme jetzt den Verband ab, Joscelin. Bitte bring mir frisches Wasser und Verbandszeug." verlangte sie ruhig und leise, während sie die Decke nun ganz zurück schlug und begann, den Verband zu öffnen. Joscelin beeilte sich mit dem Wasser und flitzte zu dem Fass, in dem noch ein wenig Wasservorrat war. Bald würde es zur Neige gehen und sie mussten Wasser vom nahe liegenden Bach holen, um es dann abzukochen.
Als sie zurückkam, hatte die Frau den Verband vollständig gelöst und sich dicht über den Bauch Anyas gebeugt, um die Wunde genauer zu betrachten. Sie konnte nicht sehen, wie Anya unruhig mit den Lidern flatterte und die Nasenflügel blähte. Aber Joscelin bemerkte es. Zu ihrem Schreck erkannte sie, dass Anya das Blut der Frau zu riechen schien und als sie sah, dass Anya ihre Lippen zurück zog und die Zähne freilegte, löste sich ihre Schreckstarre.
"Anya!" Ihr Ruf ließ die Hebamme zusammenzucken, Anya jedoch öffnete die Augen nur, um die Frau anzusehen und hob bereits die Hände, um nach den Schultern der Frau zu greifen. Joscelin warf sich über Anya, als würde sie sie umarmen.
"Nicht, Anya! Bleib ruhig! Bitte! Sie hilft dir! Sie ist Hebamme! Anya, hörst du mich?" Joscelins Oberkörper versperrte Anya die Sicht auf die fremde Frau und die eindringliche Stimme des Mädchens riss Anya endlich aus ihrem Jagdfieber. Blinzelnd blickte sie Joscelin in die Augen und runzelte die Stirn.Es fiel ihr schwer, klare Gedanken zu fassen. Auch Joscelin roch immer verführerischer für sie. Wenn sie jetzt zuschlug und beide Frauen tötete, würde sie wieder Kraft schöpfen können. Doch Kraft wofür? Lohnte es sich denn noch, wieder gesund zu werden?
"Hebamme?" krächzte sie leise. Joscelin nickte eifrig. Sie war erleichtert und besorgt gleichzeitig. Anyas Augen glänzten fiebrig und ihre Stimme klang wie ein Reibeisen. Sie spürte die unnatürliche Hitze, die von Anya ausging und strich über deren schweißnasse Stirn. Mit fragendem Blick vergewisserte sich Joscelin, dass Anya verstanden hatte und entspannte sich schließlich wieder.
Als sie Anya losließ, löste sich auch der Schreck bei der Hebamme, die sich rasch fasste und Anya anlächelte.
"Verzeiht. Ich wollte Euch nicht erschrecken." meinte sie höflich und nahm ihre Arbeit wieder auf. Während sie ein sauberes Tuch in das Wasser tauchte, um die Wunde auszuwaschen, begann sie zu reden, als wäre dies hier ein Kaffeekränzchen.
"Ich bin Madeleine. Eure Tochter ist die ganze lange Strecke in die Stadt gerannt, um mich zu holen. Das war genau richtig so. Eure Wunde sieht schlimm aus." Sie warf Joscelin bei dem Wort "Tochter" einen sehr skeptischen Blick zu, ließ die Sache jedoch auf sich beruhen. Anya hatte die Augen wieder geschlossen und grub ihre Finger in die Strohmatratze, um sie daran zu hindern, die Frau zu packen.
Der Duft des gesunden Blutes direkt vor ihr machte sie fast wahnsinnig. Es war so schwer, ihren Trieb zu kontrollieren, dass sie aufstöhnte und einen mitleidigen Blick der Hebamme erntete.
"Ich werde Eure Verletzung säubern und mit einer sehr guten Salbe betupfen. Das wird weh tun, aber Ihr seid sehr tapfer. Joscelin sagte mir, dass Ihr ein Kind erwartet? Noch nicht sehr lange, nicht wahr? Habt Ihr Schmerzen im Unterleib? Ein Ziehen, Stechen oder Brennen?" Madeleine hatte Anya während sie sprach nicht ein Mal angesehen, doch nun hob sie den Blick in das schöne Gesicht. Anya nickte schwach und presste die Lippen aufeinander. Joscelin sprang helfend ein.
"Ein Ziehen, sagte sie. Und manchmal sticht es so schlimm, dass sie sich krümmt." erklärte sie besorgt. Madeleine nickte und runzelte die Stirn.
"Aber bisher keine Blutungen? Das ist ein gutes Zeichen. Das Kind beschwert sich nur über die schlechte Behandlung, Madame." Sie lächelte verstehend und wandte sich wieder dem Verband zu, den sie nun fachgerecht anlegte. Dann angelte sie in ihrer Tasche nach einem Beutelchen, das sie Joscelin in die Hand drückte.
"Ich werde Eurer Tochter ein paar Kräuter hier lassen. Die sollten das Fieber rasch senken und auch die Schmerzen lindern. Wenn ich Zeit habe, sehe ich in ein paar Tagen noch einmal nach Euch oder schicke jemanden." Anya reagierte bis auf ein Stöhnen überhaupt nicht und so war es an Joscelin, sich zu bedanken und Madeleine wieder aus dem Zimmer zu führen.
Draußen atmete Madeleine tief durch und drückte ihre Hände in das schmerzende Kreuz.
"Hast du diesen Tee gemacht, der neben dem Bett steht? Weidenrinde, nicht wahr? Das hast du gut gemacht, doch ist er viel zu stark und daher sehr, sehr bitter. Verdünne ihn ruhig und mach etwas Zucker hinein, wenn du hast. Oder Honig. Und diese Kräuter kochst du auf. Lass sie ruhig ganz lange ziehen und gib ihr dreimal am Tag eine Tasse davon. Sie darf nicht aufstehen, auch wenn sie sich besser fühlt. Das Kind braucht Ruhe. Kannst du kochen?" Joscelin hatte dem Vortrag aufmerksam gelauscht und sich die Anweisungen eingeprägt. Nun nickte sie scheu. Können würde sie das nicht nennen, aber es wäre essbar.
"Dann mach ihr kräftige Suppen. Huhn ist gut! Das stärkt ungemein, und Gemüse natürlich." Joscelin nickte artig, obwohl sie wusste, dass diese Suppe Anya keineswegs helfen würde. Etwas anderes lag ihr vie mehr auf der Seele.
"Ich habe nicht so viel, um Euch zu bezahlen, Madame. Reicht Euch das hier?" Sie kramte die Münzen aus ihrer Tasche und hielt sie der Hebamme hin. Madeleine strich dem Mädchen lächelnd über die Wange, ohne die Münzen zu beachten.
"Du bist ein gutes Mädchen. Aber nicht ihre Tochter, habe ich Recht? Keine Bange, es ist schon in Ordnung. Behalt dein Geld, du brauchst es für das Huhn und Gemüse. Und nun bring mich bitte zum Wagen, damit ich nach Hause kann."
Joscelin war froh, nicht mehr lügen zu müssen und viel zu erleichtert, das Geld behalten zu dürfen. So strahlte sie nur dankbar auf und führte Madeleine über den Steg hinunter. Sie winkte der Frau lange nach und zog dann den Steg wieder ein. Als sie zu Anya zurück ging, bemerkte sie wieder nicht das Augenpaar, das ihr folgte.

Fabrizio hatte genug gesehen und gehört. Er war mühelos dem Karren gefolgt und hatte sich hinter den Bäumen versteckt, bis die Beiden das Boot betreten hatten. Dabei roch er deutlich den Verwesungsgestank, der sich unmittelbar neben ihm aus der Erde hob. Offenbar hatte Anya hier ihre Beute vergraben.
Keine der drei Frauen hatte gehört, wie er an Bord gekommen war, da Joscelin den Steg ausgefahren gelassen hatte. Leise hatte er sich an das kleine Fenster geschlichen, hinter dem das Kerzenlicht das Szenario erhellt hatte.
Während sein empfindliches Gehör jedes Wort verstanden hatte, konnte er sich die Kranke genau ansehen. Er erkannte sofort die junge Frau wieder, die seinem Vater das Messer an die Kehle gehalten hatte und bleckte kurz zornig die Zähne. Er verstand seinen Vater noch immer nicht. Wie konnte er diese Respektlosigkeit durchgehen lassen? Noch schlimmer, nun sollte er dieser Verbrecherin auch noch das Leben retten und die anderen rufen?
Als die Frau sich verabschiedete glitt er langsam in den Schatten zurück und beobachtete, wie Joscelin den Steg einzog und wieder hinein ging. Ans Ufer zu springen war für ihn eine leichte Übung, aber noch zögerte er. Es wäre ein Leichtes, das Mädchen zu überwältigen und zu töten. Auch Anya wäre kein großes Problem. Doch würde er dabei gleich zwei wichtige Gesetze brechen.
Aber käme das jemals heraus? Die Kleine schien niemand zu vermissen. Fabrizio war es sowieso ein Rätsel, wie ein Mädchen in diesem Alter sich so intensiv um eine Vampirin kümmern konnte. Das Kind war ja regelrecht liebevoll und schien Anya adoptiert zu haben! Anya müsste er nur im Freien liegen lassen. Ihr Körper würde zerfallen und niemand würde sie entdecken. Das Mädchen wäre ebenfalls nicht schwer zu beseitigen.
Er könnte einfach zurückkehren und seinem Vater berichten, dass er nichts Besonderes entdeckt habe. Niemand würde sein Wort bezweifeln. Dennoch zögerte er und legte die Stirn in Falten. Vielleicht sollte er sie doch einfach noch ein wenig beobachten. Dann konnte er immer noch entscheiden.

Kommentare:

  1. Schwer zu sagen, was hier nun gesiegt hat. Anya spürt jedenfalls das aufbäumen ihres Selbsterhaltungstriebes wohl stärker als gedacht. So einfach kann sich also auch eine Vampirin nicht aufgeben. Und gerade Anya ist ja bisher nicht wirklich durch triebunterdrückung aufgefallen, auch wenn ich jetzt gerade von einem anderen trieb rede.

    Und nun zu Fabrizio, meinem Freund und Kupferstecher. Es wurde ja bislang nicht erwähnt, wie alt dieser Bub ist, aber er scheint mir noch etwas grün hinter den Ohren zu sein. Und obendrein wenig heldenhaft. Anya hat damals die offene Konfrontation gesucht. Und er plant nun einen feigen klammheimlichen Anschlag auf ein Menschenkind und eine sterbenskranke schwangere Vampirin. Da wäre es ja noch besser, einfach nichts zu tun. Die Zeit würde es auch so richten. Ich denke nicht, dass er sich damit einen Gefallen täte. Der Alte könnte sein schlechtes Gewissen bemerken und mal in seinen Erinnerungen graben...

    Aber wie geht es nun weiter? Madeleine ahnt nicht einmal, wie knapp sie dem Tod entrronnen ist. Joscelin schwebt unabhängig davon in dauerhafter Lebensgefahr, sobald sie sich Anya auf Armlänge nähert. Und draussen steht ein Vampir mit unlauteren Absichten.
    Armand, beeil dich!

    Liebe Grüße
    Joe

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  2. Achja:
    Vorstehender Kommentar wurde auf einem Smartphone getippt ;-)

    Dieseer hier auch...

    LG
    Joe

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  3. Angeber!!! ;)

    Ich hab auch eins. Mir fehlt nur die Zeit, in Ruhe zu tippen. :P
    Ok... Ich bin zu faul...

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  4. *lache* ihr zwei seid ja welche. ^^
    also ich denke, dass fabrizio seinem vater bescheid sagen wird und keine von beiden umbringt. hab ich irgendwie im gefühl und wenn doch, dann hat er den rasenden armand im rücken, der sicher nicht ruhen wird bis fabrizio tot ist... alles in allem rechne ich mit einem "happy end"
    Lg Jay
    p.s. ich habs auf dem laptop geschrieben ;)

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