Dienstag, 18. Oktober 2011

Meinetwegen Prostituierte

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Was hast du denn mit Menschenhandel zu schaffen?", fragte Janice, Marys Mutter, ihre Tochter verblüfft. "Wir besprechen das in Sozialkunde.", kam die prompte Erklärung, "Da werden Mädchen von zu Hause mit Versprechungen weggelockt und müssen dann woanders, in fremden Ländern, als Nutten arbeiten." "Ich will nicht, dass du so ein Wort sagst, schon gar nicht am Frühstückstisch!", protestierte Janice nun. "Nutte, Nutte, Nutte, Hure, Dirne oder meinetwegen: Prostituierte.", bellte Mary sofort zurück.

Janice musste etwas schlucken. "Was ist denn los mit dir? Was soll das? Was interessiert es dich, wenn irgendwelche dummen Gänse sich auf haarsträubende Versprechungen einlassen. Die sind doch selbst schuld." Damit hatte sie allerdings bei Mary auf einen Nerv getroffen. "Du kannst doch nicht sagen, dass die selbst schuld sind! Woher willst du wissen, dass das dumme Gänse sind? Bist du noch nie auf jemand hereingefallen?", polterte sie los. Janice sah ihre Tochter nur völlig verdutzt an. "Vielleicht fährst du heute besser mit dem Bus in die Schule", beendete sie die dann Diskussion. In dem Zustand war mit ihrer Tochter vermutlich ohnehin keine Konversation mehr möglich.

"Worauf du dich verlassen kannst!", maulte Mary und stopfte sich den letzten Toast in den Mund. Dann stapfte sie wütend aus der Küche, warf sich die Jacke über und den Rucksack auf den Rücken und lief aus dem Haus. Nicht ohne die Türe hinter sich zu zu knallen. Janice schaute aus dem Küchenfenster ihrer Tochter nach, die nicht vor dem Haus stehenblieb, wo der Bus sie einsammeln würde, sondern die Straße hinunterging. Ein Stück die Straße hinunter wohnte auch eine Familie mit zwei Kindern, welche beide auf die Seattle Elite-High gingen. Der Bus würde also auch dort halten. Mary hatte einfach keine Lust jetzt noch vor den Augen ihrer Mutter sich die Beine vor dem Haus in den Bauch zu stehen.

Janice ließ sich wieder am Küchentisch nieder. Marys aufbrausendes Wesen war ihr ja bestens bekannt. Und auch die Tatsache, dass sie sich auch schon mal mit Vehemenz um Belange anderer kümmerte war nicht wirklich neu. Aber die Vorstellung, die sie heute morgen gegeben hatte, fiel schon aus dem Rahmen. Seit sie gestern Abend bei Nadja gewesen war, verhielt sie sich komisch. Aber was sollte Nadja mit Menschenhandel zu tun haben? Nadja wohnte in der teuersten Siedlung von Seattle. Nicht gerade das Pflaster wo man irgendetwas mit Zwangsprostitution am Hut hatte. Kopfschüttelnd griff Janice zu ihrem Kaffee und beschloss es fürs Erste dabei zu belassen. Marys Launen kamen zuweilen wie Unwetter. Sie waren schnell da, aber auch ebenso schnell wieder verschwunden.

Mary war zu dem Nachbarhaus gelaufen und lehnte sich dort vor dem Haus an einen Baum. Das Unverständnis ihrer Mutter hatte sie hart getroffen. Nadja war keine dumme Gans und auch sicher nicht selbst schuld, dass sie dort gelandet war. Es brodelte wütend in ihr, dass sie das ihrer Mutter nicht begreiflich machen konnte, ohne Nadja zu verraten. Und genau diese Ignoranz, den Opfern gegenüber machte es doch so schwer etwas dagegen zu tun. Wenn alle immer glaubten, die wären doch selbst schuld engagierte sich halt keiner für sie. Und die Opfer schwiegen aus Scham, genau wie Nadja es jetzt über ein Jahr lang gemacht hatte.

Kommentare:

  1. Dass Mary jetzt ein wenig ausrastet, kann ich gut nachvollziehen. Mama hat da aber auch eine Steilvorlage geliefert, die Mary nicht liegen lassen konnte. Dass sie ihre Informationen aus der Schule hat, ist ein guter Schachzug. Mama wird wohl kaum bezweifeln, dass ihre sensible Mary nicht gleich wieder im Unterricht etwas gefunden hat, wofür sie sich einsetzen kann.

    Überhaupt kann ich auch die Mutter gut verstehen. Über Nadja muss sie nicht viel nachdenken. Die lebt im Luxusviertel, über solche Menschen denkt man sowieso lieber nicht allzuviel nach, um keinen Neid aufkommen zu lassen. Und wenn das nicht, dann bietet Nadja offensichtlich nicht genug Stoff für eine erwachsene Frau, um über das Mädel nachzudenken.

    Nun wird es natürlich spannend, was Mary nun mit ihrem Helfersyndrom anfängt. Sie sollte unbedingt noch einmal mit Nadja sprechen, bevor sie sich volle Kanne in ein Thema wirft, das Nadja vielleicht noch viel zu tief verletzt bzw. bei ihr noch Wunden aufreißt, die nicht einmal angefangen haben zu verheilen.

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  2. Na Janice hat aber auch eine Meinung, die nicht gerade sehr erwachsen ist. Klar ist sowas schlimm, aber was soll ein 08/15 Bürger gegen so etwas unternehmen, ausser bei solch einem Verdacht die Polizei rufen und darauf hoffen, dass man recht hatte?

    Ich glaube, wäre ich Mary gewesen, es wäre das erste Mal gewesen, dass ich meiner Mutter eine gezogen hätte, wobei ich absolut gegen Gewalt bin...

    Lg
    Jay

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