Samstag, 15. Oktober 2011

Noctambule II: Keine Erleichterung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

In die Männer, die bisher wie Statuen still gestanden hatten, kam nun Bewegung. Die Beiden auf dem Dach kletterten wieselflink herunter und halfen den übrigen, die Leiche von George aufzuheben und zur Kutsche zu schaffen, wo sie achtlos wie eine Teppichrolle auf das Dach geworfen wurde. Zwei Mann sprangen hoch und würden während der Fahrt darauf achten, dass sie nicht herunterfiel.
Sergej und Alessio halfen Armand auf die Beine, legten seine Arme um ihre Nacken und trugen ihn mehr als er selbst ging zur Kutsche, wo sie ihn vorsichtig hinein bugsierten. Sergej kletterte hinterher und stützte seinen Freund für die schmerzvolle Heimfahrt. Der alte Sanghieri hatte bisher noch kein Wort gesprochen. Er stieg nun selbst in den Wagen, wobei sein jüngster Sohn ihm respektvoll half und setzte sich gegenüber von Armand auf die Bank.

Maurice musste zweimal von einem der Männer auf dem Dach an der Schulter angestoßen werden, bevor er aus seiner Schockstarre erwachte und die Pferde antrieb. Er führte die Kutsche eilig durch die Straßen ohne wirklich zu registrieren, wo er die Pferde hinlenkte. Er hatte den Kampf vom Kutschbock aus verfolgt und konnte noch immer nicht fassen, mit welcher kaltblütigen Brutalität der Kampf ausgetragen worden war.
Teilweise hatte sein träges menschliches Auge die schnellen Bewegungen gar nicht verfolgen können. Doch was er gesehen hatte, würde reichen, ihn mehrere Tage zu beschäftigen. Noch nie in seinem Leben war er in so kurzer Zeit so vielen Verletzungen begegnet und noch nie hatte er mit angesehen, wie ein Mensch getötet worden war. Ihm fiel gar nicht auf, dass hier von Menschen außer ihm keine Spur zu sehen gewesen war.

Armand ertrug stumm die schaukelnde Fahrt in der Kutsche. Er hatte die Augen nicht geschlossen, sondern starrte leer aus dem Fenster. Weder das alte Familienoberhaupt noch sein Freund unterbrachen die tiefe Stille. Verzweifelt suchte Armand nach irgendeiner Regung in sich. Doch er empfand weder Erleichterung noch Freude. Auch keine Trauer oder Bedauern. Der Tod von George war beschlossene Sache gewesen und er bereute gar nichts.

Doch hatte dieser Kampf ihn keinen noch so kleinen Schritt näher zu Anya gebracht. Die letzten Sätze von George hallten in seinem Kopf wieder wie ein Echo. Lag sie wirklich irgendwo im Sterben? Hätte er George vielleicht nicht doch noch Informationen herauszwingen sollen? Oder hatte George nur geblufft und versucht, ihn zur Verzweiflung zu bringen? Wollte er wirklich zulassen, dass es diesem Dreckskerl noch nach seinem Tod gelang, zu triumphieren?

Ein tiefes Seufzen entfuhr ihm und Sergej legte beruhigend die Hand auf seine Schulter. Gerne hätte er Sergej ein Lächeln gezeigt oder irgendeine Regung als Dank, doch er fühlte sich leer und zu ausgelaugt, um überhaupt noch etwas zu empfinden außer tiefer Sehnsucht. Er war noch nicht ein einziges Mal wütend auf Anya geworden. Stattdessen machte er sich immer heftigere Vorwürfe über seine eigene Dummheit. Er würde sich niemals verzeihen können, wenn ihr etwas zugestoßen war.

Als die Kutsche hielt, nahm Armand nur verzögert wahr, dass sie den Hof erreicht hatten. Jemand öffnete die Tür und half ihm aus der Kutsche. Seine Beine versagten ihren Dienst und man trug ihn ins Haus hinein, während Georges Leiche einfach auf den Hof geworfen wurde. Das Tageslicht würde nichts außer den Kleidungsstücken übrig lassen.
Armand wurde sofort auf ein Bett gelegt und schloss dort erschöpft die Augen. Reglos ließ er zu, dass er ausgezogen wurde. Jemand verband seine Verletzung und reinigte sein Gesicht. Doch dies alles nahm er nur in einem alles dämpfenden Nebel wahr.
"Er wird das überstehen." hörte er Sergejs Stimme und stimmte innerlich inbrünstig zu. Noch war seine Aufgabe nicht erfüllt.
"Mir macht eher sein geistiger Zustand Sorge." meldete sich die alte Stimme Sanghieris.
"Keine Sorge. Das ist reine Erschöpfung. Er hat sehr viel Blut verloren. Der fängt sich wieder, Ihr werdet sehen!" widersprach Sergej und bugsierte den Alten so höflich wie möglich aus dem Zimmer. Armand hatte die Augen geschlossen, konnte aber hören, wie Sergej sich einen Stuhl heranzog und neben seinem Bett niederließ. Und als ob er genau wüsste, dass Armand noch nicht schlief, plauderte er ruhig drauf los.
"Miriam wird verstehen, wenn ich heute lieber bei dir bleibe, altes Haus." meinte er und schlug die Beine übereinander.
"Weck mich, wenn du was brauchst." Eine Weile rumorte es neben Armand während sein Freund versuchte, eine bequeme Stellung auf dem unbequemen Stuhl zu finden. Dann wurde es ruhig in seinem Zimmer und er begann erschöpft wegzudämmern.
"Gut gemacht." hörte er ganz leise noch von Sergej und nahm mit dem Ansatz eines Lächelns diese Worte mit in den Schlaf.

Kommentare:

  1. Nach der hitzigen Rache kommt die kühle Erkenntnis, dass ein Mord selten etwas ändert.

    Dennoch kann ich den Entschluss von Armand verstehen. Dieser Kampf und sein Ergebnis war nicht lüsterner Mord sondern fast schon bittere Notwendigkeit. Tatsächlich was dies die einzige Möglichkeit ihn auf Dauer davon abzuhalten sich ins Leben von Armand einzumischen.

    Nur wie gesagt: Es ändert nichts. Sicherlich ist nun die latente Gefahr, dass George auftaucht nun gebannt. Dennoch hat er ja schon richtig erkannt: Anya hat er davon nicht zurück! Nichtmal ein Stückchen.

    Sein Zweifel an Anyas Verbleib wird sich nicht so schnell ausräumen lassen. Es müsste schon mit Glück zugehen, dass einer der Vampire vielleicht bei seiner Jagd, wie vom alten befohlen vor den Toren der Stadt, auf das Hausboot stösst.

    Armand selbst wird es kaum sein. Er wird Tage brauchen, bis er wieder auf den Beinen ist. Und wenn schon bei einem Menschen Unglück, Zweifel und Weltschmerz die Heilung beeinträchtigt, wird es bei einem Vampir kaum anders sein. Da nutzen auch die Heilkräfte nicht mehr so viel, wie wünschenswert wäre.

    Und dass seine Verfassung besser wird, ist kaum zu erwarten. Sein Hass auf George und der unglaublich zielgerichtete Zorn sind verflogen. Er ist heraus aus dem Tunnel und nun prasseln all die schlimmen Erkenntnisse wieder auf ihn ein.


    Die Menschen in Marseille werden sich wundern, wie schnell das Unheil gekommen war, so schnell verschwindet es nun auch wieder. Und weder der arme Sergant Boland noch der eitle Fatzke Lechaivre hatten einen Anteil daran. Die Soldaten werden sich noch ein paar Tage oder Wochen die Hacken ablaufen. Dann ist der Spuk vorbei.

    Einzig Maurice und ein wenig auch Miriam, wissen was tatsächlich geschehen ist. Und sie wird man nicht fragen, und sollten sie es erzählen wird man es wohl kaum glauben.

    Maurice ist überhaupt ein tapferer Mann. Ich bin gespannt, wie diese Szene nun seine Loyalität beeinflusst. Er hat eine Seite an Armand und überhaupt an Vampiren gesehen, die er noch nicht kannte. Sie wird seine Sicht auf den Dienstherren gewiss verändern. Fragt sich nur, wie?

    Liebe Grüße
    Joe

    AntwortenLöschen
  2. Ob ihr es nun glaubt oder nicht, ich sitze hier und habe tränen in den augen!!!! :(

    Ich hoffe das Armand und seine Anya wieder zueinander finden!!!!

    AntwortenLöschen

Bitte beim Kommentieren höflich bleiben. Es gibt hier die Möglichkeit Anonym zu kommentieren, aber denke bitte kurz nach ob du das wirklich möchtest. Unterzeichne deinen Kommentar doch mit einem Pseudonym oder deinen Initialen, dass man weiß, welche Kommentare alle von dir sind. Oder noch besser, du nutzt nicht die Auswahl "Anonym" sondern "Name/URL" und lässt das Feld für die URL einfach frei. Dann wird dein Kommentar mit deinem selbst gewählten Namen angezeigt.

Vielen Dank.