Donnerstag, 14. Juli 2011

Kurzgeschichte: Tagebuch einer Familie

Hallo liebe Leser,

es freut mich besonders euch heute nochmal mitteilen zu können, dass sich jemand gefunden hat, der uns eine Reihe von Geschichten und Gedankenspielen zum Lesen überlässt. Wir nennen sie einfach mal 'Rabenmutter'. Das ist gar nicht böse gemeint, sondern entspringt eher ihrer eigenen scherzhaften Selbstauffassung. Ich denke schon die erste Geschichte, die hier nun gleich zu lesen ist zeigt, dass an diesem Vorwurf nicht allzu viel dran sein kann.

Ich war beim ersten Lesen sehr beeindruckt. Sowohl vom Schreibstil als auch von der Intimität und der Denkweise die dahinter steht.

Euch wünsche ich genauso viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße

Joe
Euer Geschichtenblogger


Tagebuch einer Familie

Ich weiß nicht, wer außer mir schon über seinen Esstisch nachgedacht hat. Aber gerade heute wurde mir stark bewusst, dass ich an einem Tagebuch meines Mutterdaseins saß.

Ja.. gekauft haben wir ihn, als mein erstes Kind zu uns kam. Es sollte unbedingt an einem Esstisch sitzen und lernen, richtig zu essen. In unserer engen Wohnung hatten wir kaum Platz und in der Euphorie junger, übereifriger Eltern quetschten wir direkt neben das Bett unsres Säuglings einen runden Esstisch aus Kiefernholz. Nagelneu.
Wir kauften auch sofort eine Einlegeplatte dazu, um den Tisch später einmal ausziehen zu können. Unser Sohn würde ja mal größer werden und vielleicht auch sein Zimmer. Keine Ahnung, welcher Teufel uns da ritt.

Während unser Säugling die ersten Monate seines Lebens überwiegend verpennte oder die Windelindustrie ankurbelte, stand der Tisch ungenutzt in der Ecke und wir aßen weiterhin im Wohnzimmer mit eingeknicktem Magen vom Wohnzimmertisch. Kann ich übrigens nicht empfehlen, man bleibt trotzdem nicht schlank.

Heute streiche ich an der linken Seite des inzwischen dauerhaft vergrößerten Tisches über ein paar tiefe Dellen. Ein Wutausbruch unsres Ältesten. Er mochte nicht still sitzen und drosch die Gabel mit zornrotem Gesicht in das nagelneue Holz. Ich litt. Der schöne Tisch. Ich liebe Holz. Und er war so teuer gewesen für unsre armen Verhältnisse. Ein Drama für mich und ich wusste nicht, ob ich es jemals überwinden würde. Heute denke ich, dass ich das Drama deswegen erfand, weil ich nicht wusste, wie ich meinem winzigen Spross erklären sollte, dass man bei Wutausbrüchen keine Gabel in der Hand halten darf.

Die tiefe Scharte dort drüben erinnert mich bleibend an meinen Jüngsten. Er verweigerte drei Jahre lang jedes Wort. Mit lautem „hnng!“, meistens von einem Kopfschütteln begleitet, machte er jedem Familienmitglied deutlich klar was er wollte. Nachdem ich mit langem, Folterqualen versprechendem Blick meinen beiden „Großen“ untersagt hatte, ihn weiterhin zu verstehen, begann er wochenlang immer an der gleichen stelle auf dem Tisch zu kratzen. Bis ich auf die Idee kam, ihm ein Set auf seinen Platz zu legen. Lange grübelte ich darüber, wo mein Erziehungsfehler lag. Heute betrachte ich schmunzelnd diese tiefe Mulde, streiche darüber und versinke in Erinnerungen.
Direkt vor mir sind diverse bunte Striche. Sie verblassen langsam. Entstanden sind sie durch die Filzstiftorgien meiner Tochter. In einem unbeobachteten Moment malte sie so intensiv, dass die Filzstiftminen brachen. Sie hatte nur nicht auf Papier gemalt, sondern auf Holz.

Dort drüben die Delle ist von meinem Mann. Silvester 1996 entkorkte er eine teure Flasche Sekt, indem er den Korken festhielt und die Flasche losließ. Sie donnerte auf den Tisch, dann auf den Boden, platze und verteilte den schäumenden Inhalt an der Wand dahinter. Die Wand ist inzwischen gestrichen, der Mann auch... diese Delle wird bleiben.

Hunderte von kleinen Rissen, Schrammen, Verfärbungen und Löcherchen sprechen von 16 lebhaften Jahren einer Familie. Ein langer Kratzer, ausgelöst von meiner Nähmaschine, erinnert mich an die Zeiten mit meiner Freundin, in denen wir tagelang Körnerkissen nähten, um sie zu verkaufen.

Der Tisch hat große Feiern erlebt, Lachen, Streit und Weinen... nachdenkliche Stunden mit Kaffee und viel zu viele Zigaretten, Grübeleien über Hausaufgaben, Steuererklärungen... hitzige Debatten des Familienrates... Gespräche über Leben und Sterben.

Der Tisch wurde zu klein und bekam eine zweite Platte, die ein Freund herstellte weil es keine mehr nachzukaufen gab. Ich hatte keinen richtigen Holzlack und das Holz verfärbte sich völlig anders als der Rest des Tisches.

Hier übte mein erstes Kind den Umgang mit Messer und Gabel.. meine Mutter genoss hier ihr letztes Mahl im Kreis der Familie. Hochzeitspläne wurden an diesem Tisch geschmiedet... auf ihm stand aber auch der Kaffee für den Bestattungsunternehmer. Er erlebte hitzige Diskussionen, lautes Lachen und tränenreichen Kummer. Nicht ein einziges Mal aber herrschte hier Kälte und Ungastlichkeit. Meine Tischplatte kennt festliche Tischdecken und Dekorationen, aber er musste auch barbarische Fressorgien mit den unsinnigsten Kleckereien ertragen. Ein Hundekampf zweier wirklich großer Rüden hat ihn fast in der Mitte geteilt, wütende Fäuste schlugen auf die Tischplatte. Er diente als Höhle für meine Indianer-spielenden Kinder. Aber auch als Plattform innigster Zweisamkeit.

Er ertrug heiße Schüsseln und dampfende Töpfe, Spritzer durch Bleigießen und forschende Kinder, die einen Zirkel ausprobierten. Wachsflecken und heißes Fett, klebrige Abdrücke von Kinderhändchen und Tränen, verschütteter Kaffee und verschmierter Kleber bei Weihnachtsbasteleien... all das konnte ich wieder entfernen.

Aber die Erinnerung daran bleibt kleben. Ich brauche gar keine Fotos. Dieser Tisch ist mit der Familie gewachsen. Er hat jeden intensiven Moment des Lebens erlebt und ist stummer Zeuge von allen Ereignissen. Stumm... aber ich verstehe ihn. Er bringt mich zum sentimentalen Lächeln.

Denn er ist das Tagebuch meiner Familie.

Kommentare:

  1. Eine sentimentale Geschichte mit unerwartet witzigen Pointierungen. Hat mir sehr gut gefallen.

    Im Haus meiner Eltern steht auch so ein Tisch, der inzwischen 23 Jahre auf dem Buckel hat und bis zu seiner kürzlichen Pensionierung und seinem Umbau zum Schreibtisch Zentrum des Lebens dort war. Ab heute werde ich ihn in einem anderen Licht sehen. Danke dafür.

    AntwortenLöschen
  2. Schöne Geschichte, nett erzählt, gefällt mir :-)
    Aber schon komisch, wie uns doch so einige Möbelstücke oder andere Utensilien des täglichen Lebens begleiten. Diese Dinge sind immer da und erzählen Ihre ganz eigene Geschichte, man denkt an schöne, lustige oder auch böse Geschichten, wenn man diese Gegenstände sieht oder berührt. Einige Erinnerungen werden für immer damit verknüpft sein.
    Und diese Geschichte erinnert einen wieder daran, danke :-)

    AntwortenLöschen
  3. Bin durch Zufall auf diese Geschichte gestoßen. Als bald 4fache Mama hat sie mich tief berührt und beeindruckt. Wunderschön, tiefgründig, mit ganz viel Herz! Danke!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Goldmariechen,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Auch mir gefällt die Geschichte sehr gut. Leider hat uns 'Rabenmutter' keine weiteren Geschichten mehr überlassen. Aber vielleicht hast du ja mit dem Rest des Blogs auch deinen Spaß.

      Magst du verraten, wie du über diese Geschichte gestolpert bist?

      LG
      J.N.

      Löschen

Bitte beim Kommentieren höflich bleiben. Es gibt hier die Möglichkeit Anonym zu kommentieren, aber denke bitte kurz nach ob du das wirklich möchtest. Unterzeichne deinen Kommentar doch mit einem Pseudonym oder deinen Initialen, dass man weiß, welche Kommentare alle von dir sind. Oder noch besser, du nutzt nicht die Auswahl "Anonym" sondern "Name/URL" und lässt das Feld für die URL einfach frei. Dann wird dein Kommentar mit deinem selbst gewählten Namen angezeigt.

Vielen Dank.