Sonntag, 16. Januar 2011

Noctambule: Touché

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

"Das also ist der geheimnisvolle große Bruder, der sich so rührend um seine kleine Schwester kümmert? Enchanté, Monsieur!" Armand richtete sich mit einem kleinen Schmunzeln auf. Ihn amüsierte die Situation. Ein Auffliegen dieser empörenden Lüge war ihm völlig gleichgültig. Er spielte sie Anya zuliebe mit und wusste doch bereits jetzt schon, dass sie nicht lange in Marseille bleiben würden. Denn auf Dauer konnte sich diese Situation nicht halten lassen.
"In meiner Familie herrscht ein ausgeprägter Familiensinn, Madame. Das ist nichts Geheimnisvolles." Madame Dubrés hatte die Luft angehalten und verfluchte sich nun dafür, denn ihr wurde beinahe schwindlig beim Klang seiner tiefen, vollen Stimme. Herr im Himmel! Das WAR diese Stimme! Wie war das nur möglich?


Nicht nur Miriam bemerkte die schlagartige Blässe in Madames Gesicht trotz der dicken Puderschicht. Auch Anya schaute besorgt und irritiert. Armand hingegen bemerkte wesentlich mehr. Der Puls der üppigen Dame war schlagartig nach oben geschnellt. Sie starrte ihn plötzlich an wie einen Geist, was ihn amüsierte.
Mit leicht geneigtem Kopf beobachtete er sie während Miriam nach dem Wasserkrug auf dem kleinen Tischchen griff und ein Glas Wasser einschenkte.
"Hier Madame. Trinkt das bitte! Ihr sehr plötzlich blass aus. Ist Euch nicht gut?" fragte sie besorgt. Die Frage brachte Madame Dubrés wieder zur Besinnung. Dankbar trank sie einen großen Schluck. Das kühle Wasser beruhigte und erfrischte sie, die Farbe kehrte zurück in ihr Gesicht. Noch immer betrachtete sie Armand.
"Danke, meine Kleine. Ich bin nur erschrocken. Stellt Euch nur vor, ich bin absolut sicher, Monsieur Sartous bereits begegnet zu sein. In Paris, mon cher. Erinnert Ihr Euch daran? Der große Ball zu Ehren des Geburtstages unseres Königs!" Nun war es Anya, die den Atem anhielt. Ihr war sofort klar, was hier gerade passierte.
Dieser Ball musste sehr lange zurück liegen, denn Madame Dubrés hatte Marseille schon seit vielen Jahren nicht mehr verlassen. Das hatte sie von Miriam erfahren. Ihr Blick flog zu der jungen Freundin, denn auch sie musste stutzig geworden sein.

Miriam hatte ein arglos fragendes Gesicht. Sie war offensichtlich eher neugierig interessiert an einem möglichen Wiedersehen alter Bekannter, als über so etwas zu stolpern. Anya hingegen hatte das Gefühl, dass Madame Dubrés gerade wie eine Katze vor der Beute saß und einen Angriff vorbereitete.
Armand aber lächelte nur völlig gelassen.
"Verzeiht Madame. Ich habe zwar tatsächlich einige Jahre in Paris gelebt, kann mich jedoch nicht an eine Begegnung erinnern. Wann mag das gewesen sein?" Madame Dubrés lächelte zwar, aber ihr lauernder Blick blieb an seinem Gesicht hängen.
"Ungefähr 1722. Es könnte auch ein Jahr früher oder später gewesen sein." Anya hätte nun selbst gern ein Glas Wasser getrunken. Das war weit vor ihrer Geburt gewesen! Wie konnte sich diese alte Frau daran erinnern? Armand behielt sein Lächeln und in seinen Augen erschien ein amüsiertes Zwinkern.
"Ich bin untröstlich, doch vermute ich, dass unsere Eltern mir damals nicht gestattet hätten, meine Wiege zu verlassen, um einen Ball zu besuchen." Miriam kicherte hinter der Hand. Auch Madame musste schmunzeln.
"Möglicherweise seid Ihr meinem inzwischen verschiedenen Onkel begegnet, Madame. Ich höre oft Bemerkungen über unsere enorme Ähnlichkeit." half Armand nach, um die Situation zu entschärfen.
Amanda hob anerkennend eine Braue. Was immer hier auch gerade geschah, Armand brachte sie tatsächlich dazu, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. Was sie vermutet hatte, war schier unmöglich. Sie benahm sich wie eine abergläubische alte Jungfer. Daher sackte sie nun zurück in ihren Sessel und drückte Miriam das Glas in die Hand. Sie hatte ihre alte Fassung zurückerlangt. Wie auch immer. Es gab noch mehr zu entdecken bei diesem hübschen Paar.

Während Madame Dubrés in langjähriger Gewohnheit dem Geplauder der Gesellschaft lauschte und immer wieder mit anderen Gästen ins Gespräch kam, die ihr huldigten indem sie Madames Sessel wie einen Thron umkreisten und auf eine Audienz hofften, ruhte ihr Blick bei jeder Gelegenheit auf Armand oder Anya.
"Eine interessante kleine Person, nicht wahr Madame?" Die weiche, glatte Stimme des Herzogs riss sie aus ihren Gedanken. Ein kurzer Blick bestätigte ihr, dass auch sein Blick auf Anya ruhte. Sie lachte lautlos.
"Interessanter, als Euch bewusst ist, mein Lieber." stimmte sie ihm zu. Die Mundwinkel des Herzogs zuckten leicht bei dieser despektierlichen Anrede. Doch er hatte sich bereits daran gewöhnt, dass Madame sich mühelos über jede Regel hinwegzusetzen pflegte, wenn ihr danach war.
"Dann klärt mich auf, Madame. Ich bin sicher, Ihr kennt bereits die gesamte Lebensgeschichte dieser bemerkenswerten Schönheit." er schaute amüsiert zu ihr herunter. Madame lächelte eine Spur zu freundlich. Sie hatte bemerkt, dass seine Finger unruhig mit seinem Champagnerglas spielten. Es verriet ihr seine unruhige Neugier. Wieder einmal war sie amüsiert, dass sogar ein Herzog sich an ihre Quellen lehnte und sich auf deren Zuverlässigkeit verließ.
"Darauf könntet Ihr Häuser bauen, wenn Ihr nicht schon genug hättet, mein Lieber. Doch ist es immer besser, aus der zuverlässigsten Quelle zu zapfen. Fragt sie selbst! Da sie keinen Trauerflor mehr trägt, muss ihre Schonzeit abgelaufen sein. Waidmanns Heil, Povignans!" Madame lachte selbstzufrieden. Sie hatte eine Spur gelegt und wusste, dass der Herzog darauf anspringen würde. Prompt ging die linke Braue des Adligen nach oben.
"Sie ist verwitwet?" Ein kurzes, gelangweiltes Neigen ihres Kopfes bestätigte noch einmal. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass der Blick des Herzogs sich veränderte. Sie war sicher, ein gewisses Jagdfieber zu erkennen, als er wie ein Falke den Kopf leicht vorbeugte.
"Ein bisschen jung vielleicht für einen alten Herzog, aber was soll man gegen die Liebe schon machen." säuselte sie kaum hörbar. Der Herzog wandte ihr den Blick zu und begann zu lachen.
"Aber Madame. Wer wüsste besser als Ihr selbst, dass das Alter nur eine Frage ist, die von Neidern gestellt wird?" Seine Stimme war ein Säuseln und in seinen Augen lag ein wissendes Funkeln. Sie musste lachen.
"Touché!" Sie wedelte mit der Hand. "Auf ins Gefecht, mein Lieber! Sie ist gerade alleine!" scheuchte sie ihn davon. Nur kurz folgte ihr Blick zufrieden der hohen Gestalt des Herzogs. Dann suchte sie Armand und lächelte zufrieden.
Wie erwartet ruhte dessen schwarzer Blick auf dem Herzog. Sollte der Herzog in irgendeiner Form ungeschickt sein, würde er Probleme bekommen.
Madame liebte Probleme, die nicht sie selbst betrafen. Sie war absolut sicher, dass Armand sich keinen Deut um Rang und Namen scherte, wenn jemand gegen seine oder Anyas Interessen handelte. Diese Saison versprach äußerst amüsant zu werden.

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