Sonntag, 23. Januar 2011

Noctambule: Rückblick - Gefährliche Reise II

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Der zweite grausige Schrei riss auch den letzten der Gruppe aus der Schockstarre. Milan fasste sich und stürzte aus dem Schatten heraus zu den anderen. Elf Mann drängten sich zusammen, Schilde, Schwerter, Keulen und Lanzen in den Händen und panisch in die Dunkelheit starrend.
Wie lange sie dort standen, wusste später niemand mehr. Es war wieder ruhig geworden. Kein ungewöhnlicher Laut war zu hören, ihre Kameraden tauchten nicht mehr auf. Es hatte auch niemand damit gerechnet. Man blieb wach und die Unterhaltungen verliefen leise.


Milan versuchte, seinen Gefährten klar zu machen, was er gesehen hatte, aber die schüttelten nur den Kopf. Sie vermuteten, dass ihm der Schock in den Gliedern steckte und dass Licht und Schatten des Feuers seine Wahrnehmungen getäuscht hatten. Nur Tibor, der seinen alten Freund kannte, betrachtete ihn nachdenklich. Er würde später mit Milan reden, wenn sie mehr Ruhe hatten.
Bei Tagesanbruch begannen die elf Männer in Gruppen nach ihren Kameraden zu suchen. Sie fanden die Leichen unweit ihres Lagers mit zerfetzten Kehlen und beinahe blutleer. Milan übergab sich direkt neben der Leiche. Und seine Gefährten begannen, seinen Schilderungen zu glauben. Betreten machten sie sich daran, die Toten zu begraben.
Die Reise musste weitergehen. Sie hatten weit über die Hälfte bereits zurückgelegt, ein Umkehren wäre nicht nur ein finanzieller Verlust für die Gruppe, sondern auch eine unnötige zehntägige Anstrengung, wenn das Ziel nur noch vier Tage entfernt war. Jeder war still. Und kein einziger hatte seine Waffe außer Reichweite.

Doch der Tag verlief ohne besondere Ereignisse. Wieder und wieder berichtete Milan, was er gesehen hatte und schwor, dass er nichts dazu gedichtet hatte, um sich interessant zu machen. Seine Gefährten waren nachdenklich, schlugen insgeheim Kreuze und Tibor kramte im Gepäck nach allen Knoblauchsträngen, die er zu Beginn der Reise verstaut hatte.
Keiner hatte seine Gedanken ausgesprochen. Aber alle schienen das Gleiche zu denken. Mehr und mehr Knoblauch tauchte auf, die Männer begannen sogar am Abend damit, sich mit gepresstem Knoblauch einzureiben. Keiner von ihnen hatte je einen Vampir zu Gesicht bekommen. Aber jeder war von Kindesbeinen an mit den Sagen über diese Monster vertraut. Hier, im Mittelgebirge war auf jeden Fall irgendetwas, was diesen Sagenwesen verdammt nahe kam.
Niemand wollte in dieser Nacht schlafen. Zusammengedrängt saßen die Männer zusammen und hielten ihre Waffen fest. Milan kämpfte gegen die Müdigkeit mit verbissener Verzweiflung an. Die Angst steckte ihm in den Knochen. Tibors Kopf sank mehrere Male nach vorn oder an Milans Schulter. Er gönnte seinem Freund den kurzen Schlaf.
Auch andere sanken aneinander. Die Nacht schritt voran, leise Schnarchgeräusche der Gefährten wirkten verstärkend auf Milans Müdigkeit. Seine Augen brannten. Er wischte sich gerade über die tränenden Augen, als er glaubte, einen Schatten gesehen zu haben. Mit einem Schlag war die Müdigkeit weg. Sollte er seine Freunde warnen, einen Schrei ausstoßen und alle aus ihrem Schlaf reißen, obwohl er sich nicht sicher war? Die Flammen des Feuers hinter ihm warfen seltsame Schatten. Hatten sie ihn getäuscht?

Wieder sah er das Huschen und hörte ein flatterndes Geräusch. Seine Nackenhaare stellten sich auf und sein Schrei riss alle Mann hoch. Dann ging alles rasend schnell. In dem aufkommenden Tumult traf ihn ein harter Schlag in den Rücken. Der Schlag raubte ihm den Atem und er flog ein gutes Stück vorwärts in den Dreck. Etwas Schweres landete auf ihm. Milan wusste nicht, ob er schrie oder der Mann, der auf ihm lag.
Dann hörte er ein schreckliches Knurren, ein Fauchen und das furchtbare Geräusch von reißendem Fleisch. Der Mann auf ihm zappelte und schrie in das Knurren hinein, das nun dicht an seinem Ohr war. Die eiskalte Gänsehaut lähmte Milan. Zu deutlich hörte er das schmatzende Saugen, das er sein Leben lang nie wieder vergessen würde.
Der Schrei des Mannes wurde zu einem Stöhnen. Wäre es nicht so grotesk, hätte er behauptet, der Mann hätte vor Lust gestöhnt. Milan drückte sich reglos in den Waldboden und weinte lautlos. Das hektische Zucken des Körpers, der ihn gegen den Boden presste ließ nach und hörte auf. Es wurde still, aber Milan wagte nicht, sich zu bewegen. Mit jedem Atemzug kitzelte ein Grashalm an seiner Nase.
"Milan!! MILAN!" Tibors Stimme war ein Segen für ihn. Die Last wich von seinem Körper und grobe Hände rissen ihn auf den Rücken. Milan stierte in das bleiche Gesicht seines besorgten Freundes.
"Gott sei Dank, du lebst. Komm hoch!" Tibor riss Milan auf die Beine. Jetzt erst erkannte er benommen das schreckliche Schauspiel, das er nicht hatte sehen können. Diese Bestien hatten gewütet. Vier Leichen lagen auf dem Platz verstreut. Alle hatten zerfleischte Kehlen und waren blutleer bis auf eine winzige Blutlache, die sich nun unter ihrem Hals sammelte. Fassungslos starrte Milan seinen Freund an.
"Gott steh uns bei." flüsterte er entsetzt.

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