Montag, 3. Januar 2011

Noctambule: Rückblick - Blanker Hass

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

George stierte Armand an. Er wusste bereits, was kommen würde, aber er wollte es aus Armands Mund hören.
"Adaliz ist tot. Ich habe sie getötet. Niemand außer dir wird sie vermissen. Und du solltest froh sein, dass sie dir erspart geblieben ist!" Armands Worte klangen wie Peitschenhiebe, so scharf hatte er sie ausgestoßen. Und obwohl George in seinen Vermutungen nur bestätigt wurde, schoss die Wut siedendheiß in ihm hoch und schaltete sein Gehirn aus.


Armand hatte ihn sehr genau beobachtet. Als George zum Sprung ansetzte, reagierte er sofort. Beide flogen förmlich aufeinander zu, allerdings hatte George eine Sekunde schneller gehandelt und erwischte Armand besser. Mit einem wütenden Fauchen riss er sein Gebiss auseinander und grub es in Armands Hals.
Er hatte die Kehle und auch die Halsschlagader verfehlt. Seine Zähne rissen eine tiefe Wunde in Hals und Schulter. Beide knallten hart auf den Boden. George hatte Armand unter sich und versuchte, seinen Fehler zu korrigieren. Kurz bevor seine Reißzähne zuschnappen konnten, traf ihn Armands Faust mit eiserner Wucht an der Schläfe.
Die Verletzung schwächte Armands rechten Arm. Er hatte mit Links zugeschlagen und George empfindlich getroffen, was ihm genug Zeit ließ, seinen Gegner von sich zu stoßen. Beide rollten ab und sprangen hoch. Keiner wollte dem anderen Zeit zum Angriff lassen. Wieder prallten sie aufeinander, diesmal drosch Armand George gegen die Wand. Das Bild von Adaliz polterte auf den Boden. Bei dem Versuch, das Gleichgewicht zu halten, zerstörte George mit dem Absatz die empfindliche Leinwand und ein Riss zog sich quer durch ihr Gesicht.
Keiner bemerkte es. Armand hatte seine Hände um Georges Hals gelegt und drückte zu. Je stärker George röchelte, desto mehr presste er seine kräftigen Finger zusammen. Aber George hatte Kraftreserven. Seine Faust rammte sich wie ein Hammer in Armands Seite und traf empfindlich die Leber. Schmerzverzerrt krümmte er sich zusammen und ermöglichte George, sich aus dem Klammergriff zu befreien.
Armand sah im letzten Moment die Faust auf sein Gesicht zufliegen und drehte sich ab. Zeit für Schmerzen war jetzt nicht. George war in rasender Mordlust. Armands Skrupel begannen zu schwinden. Entweder George oder er. Eine andere Möglichkeit schien es im Augenblick nicht zu geben.
Die beiden flogen gegen einen Pfosten des Bettes, das knirschend nachgab und zusammenbrach. Der schwere Himmel krachte herunter, die anderen Pfosten zerbarsten splitternd. Wieder rollten die Männer über den Boden, trennten sich und schossen auf die Beine.
Während sie sich anstarrten, umkreisten und auf eine Schwäche des anderen warteten, überlegte Armand immer noch, ob er George wirklich töten sollte. George hingegen dachte nicht nach. Er entdeckte einen der abgebrochenen Bettpfosten, dessen Ende zersplitterte Spitzen aufwies.
Mit einem bösartigen Grinsen packte er ihn und richtete ihn auf Armand. Der wich sofort außer Reichweite zurück. George nutzte den neuen Freiraum aus und trieb Armand in die Ecke. Immer wieder machte er Ausfälle, stieß die aufgesplitterte Spitze nach Armand und wartete auf den richtigen Moment, in dem Armand durch das Ausweichen seine Deckung vernachlässigte.
Als Armand stolperte, griff er an. Armand konnte den tödlichen Stich abwehren, aber die Spitze bohrte sich in seine linke Seite. Die zweite Verletzung schwächte ihn ebenso, wie sie seine Wut in neue Höhen trieb. Noch bevor George seine Waffe zurückziehen konnte, packte Armand selbst danach und riss sie sich aus dem Fleisch. Der einsetzende Schmerz machte ihn fast wahnsinnig. Aber George hatte verblüfft losgelassen. Das Aufbrüllen Armands glich der Kampfansage eines Raubtieres.
Mit unglaublicher Wucht holte Armand aus und schmetterte das Holz an Georges Schläfe. George fiel nicht einfach um. Er flog seitlich durch den Raum gegen das Fenster, das klirrend zersplitterte.
In hohem Bogen segelte George durch die Luft und krachte aus fünf Metern Höhe mit dem Rücken auf den Rasen, wo er tief stöhnend und benommen liegen blieb.
Armand hatte keine Sekunde gezögert. Mit dem Pfosten in der Hand sprang er aus dem Fenster hinterher und landete abfedernd auf dem Rasen vor George. Der Schmerz seiner Verletzungen raubte ihm Luft und Sinne.
Er spürte das Blut warm und klebrig über Schulter und Seite laufen. Aber noch immer war keine Zeit für Schwäche. Er quälte sich auf die Beine und stellte sich über George, den Pfosten wie ein Schwert senkrecht über Georges Brustkorb hochhebend.
Aber er zögerte. Verstand kämpften gegen Herz. Er sollte seinen Feind hier und jetzt ausschalten. Jedes Zögern konnte sein eigenes Verderben werden. Und trotzdem brachte er es nicht fertig.
Sekundenbruchteile später bereute er sein Zögern. Georges Hände packten das linke Bein Armands und er grub seine Zähne schmerzhaft in Armands Oberschenkel. Aufbrüllend fiel Armand zur Seite, riss sich selbst dadurch eine tiefe Wunde in das Bein, um aus Georges Fängen zu geraten und rollte ab. Mühsam kam er hoch, aber noch immer schneller als George, der gerade auf allen Vieren kauerte.

Beide starrten sich atemlos an. Armands Wunden bluteten heftig, Georges Gesicht und Hände waren vom Glas des Fensters zerschnitten. In seinen Augen lag blanker Hass. Er lauerte darauf, im richtigen Moment aus dieser kauernden Haltung heraus anzugreifen. Armand hielt den Pfosten auf George gerichtet. Eine falsche Bewegung seines Gegners würde genügen. Er musste dem Ganzen ein Ende bereiten, bevor seine Kräfte ganz aussetzten.
Aber George erkannte, dass er Armand heute nicht würde erledigen können. Der Sturz hatte ihm mehrere Rippen gebrochen. Seine Wirbelsäule schmerzte höllisch, er schaffte es kaum auf die Füße. Als er endlich oben war, taumelte er mit verzerrtem Gesicht. Die Schmerzen im Rücken lähmten seine Beine, aus einem Schnitt auf der Stirn tropfte Blut in sein rechtes Auge. Er konnte Armand kaum richtig erkennen.
George stierte Armand feindselig an. Die Gedanken schossen wirr durch seinen Kopf. Schmerz und Schwäche kämpften gegen Stolz und Trotz. Aber Erstere siegten schließlich und er entspannte sich merklich.
"Ich werde verschwinden. Du wirst mich wieder sehen, Armand Sartous! Und an deiner Stelle würde ich mich nicht darauf freuen!" Mit einem wütenden Fauchen drehte er um und verschwand humpelnd im Schatten der Bäume. Armand blieb nachdenklich stehen. Er wusste, dass er vor George auf der Hut sein musste. Und wieder einmal bedauerte er, George nicht gleich getötet zu haben.

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