Mittwoch, 12. Januar 2011

Noctambule: Rückblick - So in dreihundert Jahren ungefähr...

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

"Meine Familie." Die Antwort kam knapp und gepresst und klärte Armand nicht im Mindesten auf. Entsprechend verständnislos starrte er Sergej an, der nun begann, vorsichtig den Umhang anzuheben und seinen schmerzenden Körper zu begutachten. Das vorsichtige Befühlen seiner Haut ließ ihn zusammenzucken und fluchen. Dann erst bemerkte er den bohrenden Blick seines Retters.


"Ich bin dir unendlich dankbar. Aber wenn du mit mir zusammen gesehen wirst, bist du wahrscheinlich nicht besser dran als ich."
Armand hob mit ironischem Grinsen eine Braue.
"Ich bin dir sehr dankbar für deine Warnung. Aber noch erfreuter wäre ich über eine genauere Erklärung." Sergej griff dankbar nach dem Wasserschlauch, den Armand ihm hinhielt und trank in tiefen Zügen.
"Ah, ein feiner Herr, was?" Er wischte sich unbedacht den Mund mit dem Arm trocken und zuckte sofort zusammen.
"Meine Familie besteht aus genau 123 Vampiren. Wir leben in und um Rom herum. Ich habe ein Gesetz gebrochen und wurde zum Tode verurteilt." Armands Herz schlug höher. So viele gab es? Und alle waren hier und teilten sich offenbar das Revier friedlich auf! Unfassbar. Und nun hatte er sich ausgerechnet Sergej zum Freund gemacht, was ihn automatisch zum Feind der anderen verurteilte. Das war dramatisch für ihn.
Es hielt ihn nicht auf seinem Platz an der Wand. In großen Schritten eilte er in dem Keller auf und ab, sehr deutlich die Blicke Sergejs auf sich ruhen fühlend.
"Welches Gesetz hast du gebrochen?" fragte er schließlich und starrte Sergej fest an. Dieser zuckte mit den Schultern.
"Ich habe einen von uns getötet. Ohne gezielte Absicht zwar, aber es ist geschehen. Bei einem Streit und einer Prügelei." gestand er offen. Armand glaubte ihm sofort. Und wieder raste sein Puls.

"Wie hast du ihn getötet?" Sergej schienen die direkten Fragen nicht zu stören. Ihm war das Bedauern der Tat anzusehen, aber er gedachte offenbar nicht, sich durch verschönerte Schilderungen in ein unschuldiges Licht zu rücken.
"Ich bin ein verdammter Hitzkopf. Lassen wir den Grund des Streits beiseite, ja? Das wäre mir lieb. Ich habe ihn gehasst. Seit ewiger Zeit schon! Hätte ich ihn nicht getötet, wäre ich jetzt selbst tot. Er starb durch die Axt, die mir über dem Hals hing." Armand nahm seine Wanderung wieder auf. Statt Klärung erhielt er immer mehr Fragen und es war schrecklich schwer, sie nach ihrer Wichtigkeit zu sortieren.
"Und deine eigene Familie hat dich zu dieser Folter verurteilt?" hakte er nach. Sergej trank erneut und nickte zustimmend.
"Also das sind nicht alles meine Verwandten. Wir nennen uns nur so. Wir sind eine Gemeinschaft. Viele Gesetze gibt es nicht, aber die schlimmste Tat ist das Töten eines anderen Vampirs." Er stütze sich auf einem Unterarm ab und musterte Armand amüsiert.
"Du kennst dich nicht besonders gut aus, was? Bist ein Unreiner.. noch neu im Geschäft, hab ich Recht?"
Armand zuckte zusammen. Sergejs Worte waren weder abschätzig noch arrogant gewesen, aber mindestens ebenso schmerzhaft. Mit zusammen gepressten Lippen nickte er zustimmend und Sergej grinste breiter.
"Ei da schau an! Und wo ist dein Erschaffer? Man lässt seine Schützlinge nicht im Stich. Noch eine der wenigen Regeln." Armand starrte seinen Artgenossen blinzelnd an. Er hatte George aus dem Haus geworfen und war unauffindbar für ihn. Es waren also schon zwei Gesetze, die er gebrochen hatte. Sein Zorn auf Adaliz flammte auf. Sie hatte ihm das Wichtigste überhaupt verschwiegen. Warum? Und George… warum machte er sich nun wegen George Vorwürfe? Er hatte ihn nicht geerbt, oder doch? Schließlich hatte er seine 'Erschafferin', wie Sergej es nannte, getötet. Wäre es seine Pflicht gewesen, sich um George zu kümmern?
"Sie ist tot." Er warf diese Worte Sergej einfach an den Kopf. Ein stummes Lachen schüttelte Sergej.
"Ich will wohl nicht wissen, warum?" fragte er amüsiert. Armand erkannte, dass Sergej kein Dummkopf war und schüttelte knapp mit dem Kopf. Das war Antwort genug. Sergej sank entspannt auf den Rücken zurück und starrte an die alte Kellerdecke.
"Tja. Das trifft sich ja gut. Wir sollten also beide aus dieser Gegend verschwinden, was?" überlegte er gelassen.
"Ich nicht. Niemand kennt mich und niemand weiß von meiner Geschichte." wandte Armand ein.
"Stimmt schon. Aber man merkt dir sofort an, dass du noch nicht lang dabei bist. Und das führt zu Fragen. Und glaub mir eines: du kannst vor den Alten keine Geheimnisse behalten!" Armand hockte sich neugierig geworden wieder an die Wand.
"Warum nicht?" Sergej richtete sich wieder leicht auf und sah Armand so fest an, dass ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. Er war nicht imstande, dem Blick auszuweichen, der sich in seine Augen bohrte. Er war auch plötzlich nicht mehr in der Lage, Arme und Beine zu bewegen.
"Weil die Alten unsere Gedanken schneller erfassen können, als wir sie denken. Jeder von uns hat irgendwelche besonderen Fähigkeiten. Ich zum Beispiel könnte dir nur durch meinen Willen schreckliche innere Schmerzen zufügen, nachdem ich dich gelähmt habe. Merkst du es schon?" Armand spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seiner Magengegend und verzog das Gesicht. Plötzliche Angst kroch in ihm hoch. Verzweifelt bemühte er sich von dieser mentalen Fesselung loszukommen und sich vor seinem Gegenüber zu schützen, indem er ihn abblockte.
"Hör auf!" quetschte er keuchend heraus. Sergej ließ ihn wieder los und entspannte sich.
"Du wirst auch irgendwelche Fähigkeiten haben. Wie gehst du mit deiner Beute um?" Armand sank erleichtert an die Wand zurück.
"Ich manipuliere sie mit meinen Gedanken." erklärte er ganz selbstverständlich. Aber sein Blick drückte eine Frage aus, die Sergej sofort verstand. Er grinste zufrieden.
"Na bitte. Streng dich ein bisschen an und du wirst mit der Zeit lernen, ihre Gedanken auch zu hören. Dann bist du wie die Alten, vor denen man keine Geheimnisse haben kann. Für dich ne feine Sache, für die anderen echt schlimm." grinste er. Armand fühlte sich plötzlich wie ein kleiner Junge in der Schule.
"Und kann ich mich nicht vor ihnen schützen, wenn ich die gleiche Fähigkeit habe wie sie?" Sergej lachte hoffnungslos und schüttelte den Kopf.
"Vergiss es. Kannst du nicht! Du wirst dich am Besten schützen, wenn du ihnen nicht begegnest. Es sei denn, du hast dir nichts zu schulden kommen lassen." Armand spürte plötzlich seine Einsamkeit wie körperlichen Schmerz. Die Hoffnung, sich seinesgleichen anzuschließen, war soeben wie eine Seifenblase zerplatzt.
"Aber wenn du allen Grund gehabt hast, deinen Gegner zu töten, wird das nicht in Betracht gezogen? Was ist mit Notwehr?" Sergej machte eine abwinkende Handbewegung.
"Spielt keine Rolle. Wir töten niemanden von uns." Er betrachtete Armand mit heftiger Neugier.
"Was ist bei dir passiert?" Nun winkte Armand ab und schüttelte den Kopf.
"Unschöne Sache. Ich will nicht darüber reden. Erklär mir lieber, warum ich wie ein armer Idiot zu dir gerannt bin, ohne überhaupt von dir zu wissen!" Sergej riss seine Augen erstaunt auf und stierte Armand ungläubig an.
"Du… hast mich nicht… zufällig gefunden?" keuchte er entgeistert. Fragend schaute Armand auf und schüttelte den Kopf.
"Nein. Ich spürte erst Unbehagen, Sorge, dann Angst und Unruhe und am Ende konnte ich einfach nicht mehr hier bleiben und rannte los." berichtete er vorsichtig. Sergej setzte sich mit plötzlicher Begeisterung auf.
"Das ist unglaublich! Du hast mich wahrgenommen! Ich habe verzweifelte Hilferufe ausgestoßen. Mental! Allerdings wusste ich nicht, dass ein Fremder hier ist. Ich hoffte, einer aus der Familie würde sich breit schlagen lassen und mich befreien nach dem Urteilsspruch. Das ist ja unfassbar! Ich habe noch nie gehört, dass ein Unreiner das kann!" Er starrte Armand noch immer ungläubig an. Wieder schmerzte Armand dieses Wort. Er fühlte sich minderwertig. Unbehaglich wich er Sergejs Blick aus.
Aber dieser schien feinfühliger zu sein als Armand glaubte.
"Ich wollte dich nicht verletzen. Lass mich erklären. Unreine sind die, die nicht als Vampir geboren werden sondern erschaffen wurden. Aber damit meinen wir nicht, dass ihr schlechter seid als wir. Keine Ahnung, wer die Bezeichnung Unrein gewählt hat. Aber wir halten euch eher für unser aller Schützlinge. Ihr müsst vieles erst mühsam lernen, wie kleine Kinder. Normal erschaffen wir gar keine. Wozu auch? Ihr wart Menschen. Früher hat man Unreine als eine Art Diener gehalten, die unter unserem Schutz standen und als Gegenleistung dafür, dass wir sie nicht töten, für unser Wohl gesorgt haben, verstehst du? Wenige entwickeln alle Fähigkeiten, aber du hast mehr als ich! Und ich bin 427 Jahre alt! Das ist.. das ist.. unglaublich!"
Armand hatte dem kleinen Vortrag reglos gelauscht. Als Diener also! Das hatte Adaliz in ihm gesehen. Und sie hatte ihn aus ihrem Schutz entlassen, als sie keine Verwendung mehr für ihn hatte. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes ausgedient! Bitterkeit stieg in ihm hoch wie früher das elende Sodbrennen, das er Gott sei Dank seit der Verwandlung losgeworden war.
Dass er ungewöhnliche Fähigkeiten besaß, hatte ihn noch gar nicht erreicht. Sergej hingegen war begeistert und es war ihm auch deutlich anzusehen.
"Du hast also den Kontakt zu mir aufgenommen, ohne genau zu wissen, was da mit dir passiert. Wenn du das jetzt begreifst, kannst du das ausarbeiten und wirst in Zukunft sogar wissen, ob und wer in deiner Nähe ist, als wärest du ein Reiner. Du bist gewissermaßen meinem Ruf gefolgt, ohne den Ruf bewusst gehört zu haben. Fantastisch!"
"Und was nutzt mir das, wenn ich den Kontakt zu den anderen meiden muss?" fauchte Armand frustriert zurück. Sergej grinste vergnügt.
"Nicht viel. Im Moment noch nicht. Aber ich habe noch nicht erwähnt, dass sehr alte Erinnerungen auch für die Ältesten nicht so leicht zu entdecken sind. Später wird dich niemand mehr gleich verurteilen. So in dreihundert Jahren ungefähr. Gut, was?"

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