Montag, 17. Januar 2011

Noctambule: Der Flirt

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Die Vorstellungsrunde war noch nicht zu Ende. Nach dem offensichtlich erfolgreichen Geplänkel bei Madame Dubrés suchte nun jedermann die Gesellschaft der Beiden. Es war offensichtlich, dass man die Prüfung der alten Dame abgewartet hatte. Anya und Armand wurden voneinander getrennt.
Die Männer verwickelten Armand in Gespräche über Politik, Wirtschaft, Pferderennen oder den Boxsport während die Damen Anya mit Fragen über ihre Vergangenheit, ihren verstorbenen Mann und die neueste Mode in Paris löcherten.


Wann immer Anya eine Gelegenheit nutzte, um Armand zu betrachten, wandte er leicht den Kopf und ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Diese immer wiederkehrende Reaktion Armands verlieh Anya Stunde für Stunde mehr Sicherheit. Er nahm sie wahr. Trotz intensiver Diskussionen der Männer blieb sein Hauptaugenmerk auf ihr liegen. Anyas Beklommenheit ließ immer weiter nach, sie wurde fröhlicher und unbeschwerter.
Man hatte offensichtlich ihre Geschichte angenommen und bereits abgehakt. Die Herkunft war geklärt, es gab keinerlei Einwände seitens der Grande Dame Dubrés und man zog Anya komplett in den inneren Kreis der Gesellschaft.
In einer ruhigen Minute nutzte Anya die Gelegenheit, sich an den Rand zurückzuziehen und nahe einem geöffneten Fenster frische Luft zu schöpfen. Ihr Blick ruhte auf dem prachtvollen Bild des gefüllten Saales. In verschiedenen Sitzgelegenheiten scharten sich Gruppen zusammen. Man stand und saß beisammen und nahm an den Gesprächen teil, lauschte Anekdoten und wechselte nach Belieben die Gruppen.
Der Saal voller reich gekleideter Menschen, livrierte Diener reichten Getränke und Tabletts mit kleinen Canapés. In einer Ecke sammelten sich die Herren in tiefen Ledersesseln zu einem Drink, um dort die tiefgründigen Gespräche um Politik kreisen zu lassen. Auch Armand lümmelte in einem dieser Sessel, streckte seine langen Beine aus und schien in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein.
Trotzdem wandte er ihr mit einem kurzen Lächeln den Blick zu.
Fast genau gegenüber scharten sich einige Damen um den Sessel von Madame Dubrés. Hier war Kichern, helles Lachen und Getuschel zu hören. Madame befand sich in ihrem Element und berichtete Geschichten ihres Lebens.
In Anyas Gesicht lag ein ungläubig staunendes Lächeln. Nicht einmal im Traum hätte sie jemals daran geglaubt, mitten unter diesen Herrschaften zu sein, mit ihnen zu lachen und zu feiern. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie in ihrer winzigen Kammer übermüdet auf die Heimkehr ihrer Herrin von eben solchen Anlässen gewartet, um ihr aus den wunderschönen Kleidern zu helfen.
"Ist die Gesellschaft Marseilles so anders als die in Paris, Madame? Oder wie kann ich mir dieses wunderschön verträumte Lächeln erklären?" Die Stimme riss sie aus ihren Gedanken und zu dem kostbar gekleideten Mann aufschauen, der nun eine kurze Verbeugung andeutete.
"Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Euch aus den Gedanken reiße. Mein Verhalten ist höchst ungebührlich, bat ich doch Euren Bruder, mich Euch vorzustellen. Aber er scheint mich einfach vergessen zu haben. Würdet Ihr mich verraten, wenn ich mich einfach über die Etikette hinwegsetze und mich selbst vorstelle?" Er reichte ihr ein Glas Champagner und lächelte sie mit dem spitzbübischen Grinsen eines Lausebengels an, das so gar nicht zu seiner beeindruckenden Erscheinung passen wollte.
Er war nur einen Kopf kleiner als Armand, aber hatte noch immer eine stattliche Größe. Seine breiten Schultern wurden von einer tailliert geschnittenen Jacke betont, die reich verziert war. Sein kunstvoll gebundenes Halstuch wies auf einen fingerfertigen Kammerdiener hin. Anya nahm lächelnd das Glas entgegen.
"Ich verrate es keinem." versprach sie in verschmitztem Verschwörerton. Der Fremde lachte und bestätigte damit, dass ihm die Anstandsregeln völlig gleichgültig waren.
"Ich wusste, mit Euch kann man Pferde stehlen, Madame. Mein Name ist Enrique Povignans. Euer Name ist mir bereits bekannt. Ihr seid Stadtgespräch, Madame Sanisoise." Ein Zwinkern begleitete seine Worte und ließ Anyas Wangen erröten. Sie war leicht erschrocken. Miriam hatte ihr die Namen der wichtigsten Personen eingeschärft. Vor ihr stand ein waschechter Herzog. Sofort sank sie in den tiefen Knicks, den Miriam ihr gezeigt hatte, was mit dem Champagnerglas in der Hand nicht besonders elegant wirkte.
"Monsieur le Duc." stammelte sie verwirrt. Er lachte nur und beugte sich herunter, um ihre Hand zu greifen und sie aus dem Knicks hochzuziehen.
"Ich bitte Euch! Ich habe sehr bewusst den Titel weggelassen! Wenn wir schon gegen die Benimmregeln verstoßen, dann auch richtig. Lasst mich heute Abend für Euch ein ganz einfacher Mann sein, ich flehe Euch an." Wieder schimmerte der Schalk in seinen Augen. Anyas Puls flog.
Der Herzog war keineswegs ein alter, vom Leben verwöhnter Mann. Seine markanten Gesichtszüge machten ihn zu einem sehr interessant aussehenden Mann. Die weiße Perücke war sehr gut verarbeitet und nicht besonders verziert. Sie bestand aus einer schlichten Zopffrisur und wirkte fast einfach neben dem übertriebenen Aufbau, den zum Beispiel Lechaivre trug. Die Kleidung war zwar stark verziert und bestickt, aber stilvoll. Und ganz offensichtlich begann er gerade einen massiven Flirt.

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