Montag, 24. Januar 2011

Noctambule: Rückblick - Gefährliche Reise III

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Und wieder fehlten nur wenige Stunden bis zum Tagesanbruch. Die verbliebenen Männer hatten es eilig, weiter zu kommen. Stumm bepackten sie die nun herrenlosen Maultiere ihrer toten Gefährten und hasteten den schmalen Gebirgspfad entlang, so schnell es ging.
Es war kalt geworden. Der Pass überwand eine kleine Gebirgskette und der Abstieg begann. Kurz hatten die sechs Männer in der Ebene das noch drei Tagesreisen entfernte Dorf erkennen können. Aber dann führte der Weg sie wieder in ein Tal hinein. Nach einer Biegung staute sich die Karawane plötzlich, denn Tibor, der die Gruppe gerade anführte, war plötzlich stehen geblieben.


Die anderen drängten nach vorne. Auch Milan kämpfte sich neben seinen Freund, der wortlos leicht nach links oben sah. Als Milan dem Blick folgte, erkannte er den Grund von Tibors Schreck. Auf einer kleinen Anhöhe befand sich ein altes Schloss. Efeuüberwucherte Mauern und Türme ragten still über das Tal, glaslose Fenster schienen das Sonnenlicht aufzusaugen wie leere Augenhöhlen. Teile der Mauern wirkten verfallen, ein Turm war eine verbrannte Ruine.
Auch das genaueste Studieren der Karten, die sie hatten, brachte keinerlei bewohnte Häuser zutage. Aber das war nicht weiter verwunderlich. Selbst dieser Weg war an vielen Stellen ungenau verzeichnet und manchmal sogar unterbrochen.
"Jetzt verstehe ich auch, warum dieser Weg so lange nicht benutzt wurde und so ungenau verzeichnet ist. Niemand wagt sich hier entlang." murmelte Tibor.
"Oder kam lebendig wieder heraus." Die beiden Freunde sahen sich unbehaglich an. Mit einem Schnalzen trieben sie ihre Maultiere nun noch schneller an. Immer wieder warfen sie Blicke zu dem Schloss hinauf. Doch schien es wie ausgestorben.
"Wenn die Sagen wirklich stimmen, dann schlafen diese Bestien jetzt. Wir müssen unbedingt hier raus!" Keiner widersprach Tibor. Stumm hasteten sie weiter, der aufkommenden Nacht entgegen. Und diesmal waren sie sicher, die Nacht nicht zu überleben.

Die sechs Männer hatten einen Kreis aus Feuer um sich gelegt, in dem sie aneinandergedrängt hockten. Sie stießen sich regelmäßig selbst an, um ein Einschlafen zu verhindern. Immer wieder legten sie Holzscheite nach, um den Feuerkreis möglichst hell und hoch brennen zu lassen.
Nachdem der Knoblauch keinerlei Wirkung gezeigt hatte, wussten sie sich nicht weiter zu helfen. Silber hatten sie nicht bei sich und Tageslicht würde noch einige Stunden auf sich warten lassen. Also blieben sie stumm hocken. Bis einer der Kameraden plötzlich mit extrem langsamen Bewegungen aufstand.
Milan schaute irritiert hoch und erstarrte. Das Gesicht des Mannes war seltsam starr und der Blick geradeaus gerichtet. Mit tapsigen Schritten begann er, direkt auf das Feuer zuzulaufen. Milan versuchte, ihn festzuhalten. Er wurde mit einer ruckartigen Bewegung zurückgeschleudert.
"Janos!! Janos, bleib hier!" brüllte nun auch ein anderer. Aber Janos reagierte nicht. Ohne zu zögern trat er in die Feuerwand ein. Seine Kleidung begann sofort zu brennen. Aber bevor er selbst durch den Schmerz aus seiner Trance aufwachte, schoss eine Hand durch die Flammen, packte den Mann und riss ihn hinaus. Ein gellender Schrei ließ die Männer aufspringen.
In der nächsten Sekunde sprangen drei Männer durch das Feuer auf Milan und seine Freunde zu. Nein, es war kein Springen, eher ein Fliegen. Milan hatte keine Bewegung erkennen können. Sie standen einfach da mit wildem, funkelnden Blick und rissen ihre Mäuler zu einem grausigen Fauchen auf. Ohne nachzudenken, gab Milan seinem Fluchtreflex nach. Er sprang selbst durch die Flammen in die entgegen gesetzte Richtung.
Milan rollte auf dem Boden ab und stolperte auf die Beine. Ohne abzuwarten rannte er einfach los, blind vor Angst. Er rannte, so schnell er nur konnte. Kurz dachte er voller Trauer an Tibor, aber sein Drang zu überleben war nun übermächtig. Er rannte durch die Dunkelheit, bis seine Lungen brannten und die Beine schwer wurden und weiter.

Milan hatte das Gefühl, die nächsten Tage nur gerannt zu sein. Er hatte nichts mehr bei sich. Die Maultiere mit dem gesamten Gepäck waren zurückgeblieben in dem Lager. Hin und wieder ernährte sich Milan von Beeren oder Pilzen. Wasser fand er genug. Er wollte nur endlich aus diesem Grauen heraus.
Entsprechend verwahrlost wirkte er, als er in der übernächsten Nacht das Dorf erreichte und sofort die Kneipe ansteuerte. Seine Kleidung war zerrissen, die Hände und das Gesicht schmutzig und zerkratzt und mit einem verwegenen Dreitagebart ausgestattet. Die Gäste in der Kneipe lauschten seinen Gruselberichten andächtig und bekreuzigten sich immer wieder.
"Gib es doch zu, du hast deine Freunde umgebracht und willst dich jetzt mit diesen Märchen schützen!" widersprach der erste Skeptiker erzürnt.
"Ich schwöre bei meinem Leben, das habe ich nicht! Ihr könnt ja hineingehen und die Leichen suchen! Wagt euch doch! Ihr werdet sie genauso finden, wie ich es beschrieben habe!"
Während die Männer darin in eine hitzige Debatte fielen, blickten sich Armand und Sergej aufgeregt an. Da draußen war Familie! Sergej nickte nur knapp. Es genügte als Verständigung. Die Jagd war vergessen. Beide wandten sich von der Kneipe ab und eilten zurück nach Hause, um ein paar Habseligkeiten zu packen und endlich Kontakte zu knüpfen. Armand war schrecklich aufgeregt und nervös.

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