Sonntag, 9. Januar 2011

Noctambule: Die Schneiderin

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Miriam gluckste vor Vergnügen über den Ausspruch von Madame Dubrés während sich Anyas Gesicht glühend anfühlte. Als sie in das Gesicht der alten Frau sah und deren zufriedenes Lachen sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie gewann ihre Fassung zurück.


"Ohje, wenn Madame auf Männerjagd geht, springt ganz Marseille in Deckung." erklärte Miriam fröhlich. Für sie was das Gespräch bombastisch verlaufen.
"Freches Ding!" Sie erntete ein zustimmendes Nicken der alten Dame und deren Lachen. Sie hatte von Miriam eine gute Vorlage erhalten und begann den Mädchen zu erzählen, wie sie früher die Männer verkuppelt hatte, wenn sie sie selbst nicht brauchen konnte. Miriam hielt des Öfteren knallrot die Hand vor den Mund und Anya verkniff sich einige Male ein verstehendes Lachen.
"Die meisten Männer denken sowieso nur mit einem einzigen Körperteil und das ist NICHT auf dem Hals." erklärte Madame im Brustton der Überzeugung und hämmerte dem Kutscher ihren Gehstock auf den Rücken. "Hab ich Recht, Alfons?" Der Kutscher nickte hastig.
"Sehr wohl, Madame." erklärte er stereotyp und Madame winkte ab. Miriams Wangen zeigten rote Flecken.
"Aber Madame!" hauchte sie und senkte den Blick. Aber sie biss sich auf die Lippen vor Vergnügen. Die Kutsche hatte ihren Ausgangspunkt erreicht und entlud die beiden jungen Frauen wieder. Man winkte sich noch einmal zu und die Kutsche der Gesellschaftshoheit entfernte sich wieder. Miriam drehte sich strahlend zu Anya um.
"Das war ein voller Erfolg, Anya!! Sie mag dich!" schwärmte sie vergnügt. "Und ich dachte schon, sie glaubt uns kein Wort!" Anyas Gesicht war ein maskenhaft starr. Ihre Augen schauten Miriam zweifelnd an.
"Da bin ich mir sogar sicher. Sie wird mich vernichten." erklärte sie mit seltsamer Ruhe.

Anya beging nicht wieder den Fehler zu schweigen, sondern berichtete Armand noch am selben Tag beim Essen von ihren beiden Begegnungen. Armand war sichtlich mehr an Madame Dubrés interessiert als an dem Geck Lechaivre.
Er beruhigte sie mit einem kurzen Druck auf ihrer Hand.
"Mach dir nicht zu viele Gedanken. Das Schlimmste, was dir passieren kann ist, dass Miriam dich heimlich treffen muss." meinte er schmunzelnd und lenkte das Thema auf die Schneiderin, die Anya sich wünschte.
Die nächsten Tage vergingen aufregend. Armand hatte Anya freie Hand gelassen und so erschien die Schneiderin drei Tage nach Anyas Bestrafung. Anya hatte inständig gehofft, dass die Striemen auf ihrer Haut inzwischen verblasst waren.
Ihre Hoffnung wurde erfüllt bis auf einige wenige Ausnahmen an den Brüsten und dem Po. Und diese Stellen blieben hoffentlich verdeckt.
Nachdem die Mädchen einen Vormittag in Anyas Salon damit verbracht hatten kichernd, albernd und grübelnd über Stoffproben die Köpfe zusammenzustecken war der große Tag endlich da und die Schneiderin erschien. Anya hatte durchaus schon Schneiderinnen kennengelernt, aber diese hier – empfohlen von Miriam – war ein Unikat. Sie schwebte mit zwei Helferinnen in den Salon wie eine Königin.
Mit durchaus respektvollem aber energischem Ton scheuchte sie Anya in verschiedene Posen, um korrekt abzumessen. Da nur Frauen anwesend waren, turnte Anya den ganzen Nachmittag im Unterkleid durch den Salon, während Miriam Tee trinkend auf der Couch saß und das Schauspiel mit lachenden Kommentaren bereicherte.
Am Ende des Nachmittages verschwanden die Schneiderin mit einem Auftrag, dessen Erlös ihre Familie mehrere Monate würde ernähren können und Miriam mit einem Anflug von Neid. In dieser Nacht bezahlte Anya auf ihre Weise die Kleider bei Armand und flehte erneut Armand um einen Biss an, aber er beherrschte sich. Er wollte Anyas Hals makellos halten für den Empfang in zwei Tagen.

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