Donnerstag, 29. November 2012

Noctambule III: Epilog

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Drei. Für eine Inhaltsübersicht zu bereits veröffentlichten Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule III

Armands schwarze Augen flogen kontrollierend durch die nächtlichen Straßen der Kleinstadt, während er sich in den Schatten eines Hauses lehnte. In seiner großen Hand hielt er die winzige, kleine Hand seines Sohnes, der stumm an seinem Bein lehnte und zu ihm aufsah.
"Wo ist Maman?" flüsterte er und bewirkte, dass der große Mann den Kopf zu ihm senkte und lächelte. Beeindruckt sah Raoul die langen Reißzähne seines Vaters und wünschte sich wieder einmal, auch so ein prachtvolles Gebiss zu haben. Seine kleine Zunge fuhr über die Eckzähne, die gerade erst begannen, spitzer zu werden.


"Dort hinten im Schatten des Baumes. Du musst nur genau hinsehen." Raunte er leise und deutete mit dem Kinn zu der uralten Eiche, die mit ihrer mächtigen Baumkrone den größten Teil des Kirchenplatzes beschattete. Raoul drehte den Kopf und versuchte, den Schatten zu durchdringen, der zum Stamm der Eiche hin immer dichter wurde. Dann endlich erkannte er eine kleine Bewegung und konnte mit etwas Mühe sogar die zierliche Silhouette seiner Mutter ausmachen.
Beruhigt lehnte sich der Junge wieder an das Bein seines Vaters.
"Wie lange bleibt sie da stehen?" fragte er ungeduldig ohne den Baum aus den Augen zu lassen.
"Bis Menschen hier entlang gehen." Raoul hörte das Schmunzeln in der Stimme seines Vaters.
"Wann kommen die?" hakte er nach.
"Du musst Geduld haben." Kam die Antwort ruhig von seinem Vater. Raoul seufzte. Diese Worte hatte er schon oft gehört, aber er hatte keine Lust darauf, immer Geduld haben zu müssen. Da er schon mehrfach versucht hatte, zu seiner Mutter zu laufen, blieb seine Hand nun fest in der seines Vaters.
Armands Blick ruhte kurz auf den Umrissen Anyas, die reglos am Baum lehnte, senkte sich dann aber zu seinem Sohn herunter. Stolz und Liebe erfüllten ihn, als er den blonden Schopf seines Sohnes betrachtete. Der kleine Bursche entwickelte sich unglaublich schnell. Er hatte inzwischen die Größe eines Zweijährigen. Sein Wachstum verlief schneller als jeder es geahnt hatte. Doch das Gebiss hatte sich bis vor kurzem nicht verändert und ließ Raoul regelrecht menschlich erscheinen.

Als Anya vor einigen Stunden Raoul mit einem Schmerzlaut von ihrer Brust gezogen hatte, war Armand sofort bei ihr gewesen. Aus Anyas Brust tropfte Blut und die Haut zeigte zwei kleine Bissspuren. Beide waren verblüfft gewesen und noch während sich die Verletzungen wieder schlossen, veränderten sich Raouls blaue Augen. Die blaue Iris verfärbte sich in ständig wechselnde Farben, grau, schwarz, braun, grün, sogar ein rötlicher Schimmer tauchte darin auf und Armand spürte plötzlich wieder die starke Präsenz seines Sohnes.
Die Entscheidung fiel nicht schwer. Raoul würde das erste Mal an einer Jagd teilhaben und nicht nur aus der Entfernung zusehen. Stolz erfüllte Armand. Dass sein Sohn sogar unter den Vampiren ein ungewöhnliches Wesen war, hatte ihn nicht einen einzigen Augenblick lang verunsichert. Im Gegenteil, er war selbst ungeheuer neugierig, wie sich dieses Kind weiterhin entwickeln würde.
Noch während er seinen Sohn betrachtete, hörte er die Schritte, die sich langsam und schleppend näherten. Gleichzeitig mit Raoul hob auch Armand den Kopf und blickte die Straße entlang. Am Ende der Straße tauchten zwei Männer auf, die nun begannen, sich leise zu unterhalten. Das feine Gehör der drei Vampire konnte die Unterhaltung gut verstehen, doch es war nur ein kurzer Wortwechsel.
Der Schatten unter dem Baum bewegte sich. Wie vereinbart, huschte Anya im Schatten der Häuser über die Straße zu Armand zurück, so schnell, dass die Menschen nicht einmal hinsehen konnten. Wäre nur einer gekommen, hätte sie die Jagd alleine entschieden. Doch Armands Regeln waren klar aufgestellt. Die Sicherheit seiner Familie ging über alles und hier gab er mit keiner Silbe nach.
Still drängte sie sich an ihn und strich Raoul über die Haare. Als er zu ihr aufblickte, zwinkerte sie und legte den Finger verschwörerisch an die Lippen. Aufgeregt nickte Raoul.
Armand schob seinen Arm um ihren zarten Körper und drückte sie leicht an sich. Dann waren die beiden Männer nah genug heran gekommen, direkt unter der dichten Krone der Eiche, und Armand ließ Anya los. Sie nahm Raouls Hand und bewegte sich langsam aus dem Schatten heraus, um auf die Männer zuzugehen.
Beide stockten kurz in ihren Schritten, als sie die kleine Frau und das Kind entdeckten, nahmen ihren Weg dann aber langsam wieder auf. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine Arbeiterin ihr Kind früh morgens zu einer anderen Familie brachte, doch nun war es mitten in der Nacht und ein Kind gehörte um diese Zeit ins Bett.
Beide Männer stockten erneut, als ihnen klar wurde, dass diese kleine Frau direkt auf sie zusteuerte. Sie blieben stehen und ließen Anya die letzten Schritte gehen, bis auch sie dicht vor ihnen stehen blieb.
"Braucht Ihr Hilfe, Frau?" fragte der eine hilfsbereit. Anyas blaue Augen hoben sich zu ihm und bohrten sich in seinen Blick. Von einer Sekunde auf die andere spürte der Mann eine herrliche Leichtigkeit. Fasziniert stierte er zurück und alle Gedanken, die ihn gerade beschäftigt hatten, waren mit einem Mal verschwunden. Er bemerkte nicht, dass ein verwischter Schatten heranschoss und seinen Kumpel mit sich riss. Ihn interessierte auch nicht das dumpfe Stöhnen, das hinter ihm erklang, denn er wollte und konnte seinen Blick nicht von der kleinen Schönheit vor sich reißen.
Ihre Augen begannen zu schimmern und schienen immer größer zu werden. Die Beine des Mannes wurden weich. Sprachlos sackte er auf die Knie, den Blick noch immer auf Anya geheftet.
"Versuch es, Raoul." Die samtige Stimme löste Begehren in dem Mann aus. Er verstand den Sinn ihrer Worte nicht, wollte auch nicht darüber nachdenken. Dann spürte er die weichen Arme des Kindes um seinen Hals und den kleinen Körper, der sich an ihn drängte. Unbewusst schlang er schützend einen Arm um das Kind und Freude erfüllte ihn, als er die weiche Haut des Gesichtchens an seiner Wange spürte.
Der Biss in seinem Hals ließ ihn zusammenzucken und blinzeln. Ein Kribbeln durchfuhr seinen Körper, wohlige Freude erfüllten ihn, aber er war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er spürte sein Blut aus der Wunde treten, aber es störte ihn nicht. Auch das gierige Saugen konnte er spüren, doch er war nicht in der Lage, seinen Blick von diesen betörenden Augen der Frau abzuwenden.
Er öffnete den Mund, ein leises Stöhnen kroch seine Kehle herauf. Die Augen vor ihm verschwammen auf einmal, Müdigkeit durchflutete ihn. Er spürte nicht mehr, wie sein Körper umfiel und schloss die Augen.

Anya spürte den starken Arm Armands, der sich um ihre Taille schob und sie an sich zog. Voller Stolz betrachteten sie den kleinen Körper ihres Sohnes, der auf dem Mann lag und gierig das Blut aus den Adern sog. Als sich Raoul gesättigt löste und aufstand, stürzte Anya hungrig über den Mann und holte sich die letzten Tropfen bevor die Quelle ungenießbar wurde.
Raoul wischte sich über den Mund und sah fragend zu seinem Vater auf, der zufrieden nickte und lächelte.
"Gut gemacht." Raunte Armand ihm zu. Raoul grinste stolz und leckte noch einmal über die Lippen. Zum ersten Mal hatte er gejagt. Endlich wusste er, wovon seine Eltern sprachen, wenn sie ihm erklärt hatten, warum sie jagten und wie gut es ihnen danach ging. Nur eines störte ihn gewaltig. Seine Beute war ganz offensichtlich glücklich gewesen. Raouls körperlicher Hunger war gestillt. Aber es hätte ihm sehr viel besser gefallen, wenn seine Beute von Angst und Qual gebeutelt gewesen wäre. Diese Erkenntnis brachte Raoul zum Lächeln. Bald würde er es noch einmal versuchen. Und dann würde es ihm besser schmecken.

                   ~~~~~~~~~~ENDE~~~~~~~~~

Kommentare:

  1. Das wars also...

    Uffz....

    Ich habe dir schon oft gesagt, dass ich deine Bücher bewundernswert finde. Und mit diesem hast du dich selbst übertroffen. Es ist sprachlich das am weitesten gereifte Buch. Es ist von der Zusammenstellung das schönste und es hält von Anfang bis Ende bei der Stange.

    Nun ists also zu Ende und ich weiß gar nicht, wie ich das nun finden soll.

    Ich mag das Ende. Es ist stimmig und es kommt gut an. Und es ist genug offen um sofort mit Band vier starten zu können, worum ich inständig bitte. :)

    Mit Yanis hast du einen überraschenden neuen Feind geschaffen und vor allem jemand eingeführt, der mal auf der anderen Seite steht. Die Sympathien waren bisher immer recht klar verteilt. Vor allem weil die Vampire sich ja im Wesentlichen untereinander bekämpften. Doch nun kommt ein Mensch ins Spiel und der Blick schweift hinter den Zaun auf die Seite auf der wir alle eigentlich stehen und bislang das Morden der Vampire mit einem gefälligen Kopfnicken als notwendiges Übel akzeptiert hatten.
    Mit Yanis verschiebt sich dieser Blickwinkel in eine interessante Richtung und ich bin darauf gespannt mehr von ihm zu lesen.

    Auch mit Raoul hast du etwas sehr mächtiges erschaffen. Wie wird seine Erziehung glücken. Er ist seinen Eltern jetzt bereits hauhoch überlegen und seine Gelüste scheinen eher denen eines George zu ähneln, als der sanftmütigen Anya und dem rationalen Armand.

    Auch Miriam ist ein interessanter neuer Charatker. Eben jener bei ihr ist völlig ungefestigt und nun wird sie in einer so wichtigen Phase ihrer Entwicklung erneut aus der Welt die sie kannte gerissen und in eine fast unvorstellbare andere Welt geführt.

    Das alles ist im Buch so schön herausgearbeitet und auch deshalb ist es das beste was ich von dir bislang gelesen habe.

    Ich hoffe du kommst bald zu mehr.

    Liebe Grüße und aufrichtige Anerkennung
    Joe

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  2. Liebe KayGee,
    Ein gelungendes Ende des dritten Buch. Ich hab jetzt alle teile durch und finde es toll.
    Ist der vierte Band schon fertig ?
    Liebe Grüße und großes Kompliment
    H. B.

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  3. Ob Armand auch seinem Sohn den Hintern versohlt wenn er über die Länge schlägt?

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  4. Liebe KayGee,
    an dieser Stelle flehe ich dich inständig an! Bitte, bitte, bitte veröffentliche den 4. Teil hier. Kennst du das Gefühl, wenn du ein Buch regelrecht verschlingst und dich fragst was für ein Genie dahintersteckt? Wenn schon eine Wartezeit von einer Stunde unerträglich ist?? So habe ich mich bei deinen Büchern gefühlt!! Nur, dass ich immer noch in unerträglicher Ungewissheit , wie es weitergehen könnte, warte. Ich weiß nicht mal, ob das hier noch irgendjemand liest, aber wenn es irgendjemand liest. Bitte! Motiviert KayGee weiterzuschreiben !! Und bitte KayGee schreib weiter!!
    Dein größter Fan Berry

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