Donnerstag, 3. Februar 2011

Noctambule: Noch mehr Besuch

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Weder der Herzog noch Anya konnten sich seiner unerklärlichen Ausstrahlung entziehen. Die braunen Augen funkelten in einem seltsamen Glanz, der Anya erschreckend bekannt vorkam. Die Lippen waren von sinnlichem Rot und ihre Form schien die Frauen zum Küssen einzuladen. Am tiefsten aber erschreckte Anya das kurze Blähen der Nasenflügel.
Wie es sich gehörte, begrüßte Komarov die Dame des Hauses zuerst. Mit einer tiefen Verbeugung senkte er sich über Anyas Hand. Und wie es der Anstand befahl, berührten seine Lippen ihre Haut nicht, sondern es blieb bei der Andeutung eines Kusses.


"Madame! Ich bin zutiefst erfreut! Verzeiht mein unangemeldetes Hereinplatzen. Doch befinde ich mich auf der Durchreise und erfuhr von der Anwesenheit Armands! Weder er noch ich selbst würde mir ein Fernbleiben verzeihen können, ich schwöre es bei meinem Leben!" Seine Stimme bezauberte Anya auf seltsame Weise. Ihr Blick flog irritiert zu dem Herzog, doch ihm schien es nicht anders zu gehen. Interessiert musterte dieser den Neuankömmling.
"Mein Name ist Sergej Komarov. Ich bin ein alter.. ehm.. sehr alter Freund. Ein Weggefährte, Leidensgenosse und Bruder des Herzens, wenn Ihr mir diese pathetische Phrase gestattet." Mit amüsiertem Lächeln wandte er sich dem Herzog zu. Anya erinnerte sich an die Etikette und fing sich.
"Um so mehr freut mich Euer Besuch, Monsieur. Darf ich Euch den Herzog de Povignans vorstellen?" Unbeeindruckt verbeugte sich Komarov höflich und der Duc erwiderte sie freundlich knapp.
"Enchanté, Monsieur. Doch wollte ich mich gerade verabschieden. Mich erwartet noch die Last verschiedener Pflichten." log der Herzog freundlich. Niemand hielt ihn auf. Maurice geleitete den Herzog hinaus und Anya atmete tief durch. Der Gefahr des Flirtens war sie entronnen. Aber nun hatte sie einen wildfremden Mann vor sich und sie könnte schwören, dass sie einen Vampir vor sich hatte.
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Jetzt bedauerte sie, dass der Herzog sie verlassen hatte. Sie fühlte sich schutzlos und unsicher. Angst lähmte ihre Gedanken. Als Sergej sich ihr wieder zuwandte, machte er keine Anstalten sich ihr zu nähern. Mit einem Schmunzeln breitete er die Arme aus und ließ sie wieder fallen.
"Ich spüre Eure Unruhe, Madame. Mein Hereinplatzen ist höchst unziemlich. Aber ich schwöre, ich konnte nicht anders, als meinen alten Freund zu sehen. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen!" Anya fasste sich wieder. Dass er sich ihr nicht näherte, beruhigte sie zwar nicht, aber er wirkte weder bedrohlich noch anmaßend. Im Gegenteil, sie glaubte sogar zu bemerken, dass er alles Mögliche versuchte, um ihr die Angst zu nehmen, die er deutlich wahrnehmen musste.
Mit einem Durchatmen beschloss sie den Frontalangriff. Armand würde sie hören. Er wusste immer, wenn etwas nicht in Ordnung war. Also musste sie keine Angst haben. Sicher würde er jeden Moment auftauchen.
"Wie lange denn? Einige hundert Jahre, vermute ich? Armand hat gar nichts von Euch erzählt." erwiderte sie nun mit einem zittrigen Lächeln. Einen Moment herrschte verblüffte Stille. Dann begann Sergej lauthals zu lachen. Anya zuckte beim Anblick seiner Reißzähne zusammen und machte einen Schritt rückwärts.
Sergej beruhigte sich nur schwer. Er hatte sofort begriffen, dass Anya ihn als Vampir erkannt hatte. Nun galt es herauszufinden, wie sie damit umging. Plante sie gerade eine raffinierte Flucht oder war sie tatsächlich so mutig, wie sie vorgab? Im Zweifelsfall würde sie weder Tür noch Fenster lebend erreichen, doch war er sicher, dass auch ihr das klar war. Außerdem würde er im Hause seines Freundes niemals einen Angriff vornehmen, wenn nicht äußerste Notwendigkeit dazu bestand.
Zudem hatte er das Halsband bemerkt, das Anya trug. Die Initialen darauf waren ihm nicht entgangen. Innerlich musste er grinsen darüber. Armand, dieser elende Drecksack hatte es mal wieder geschafft, sich sein Leben zu versüßen. Und das auch noch mit einer wirklich guten Wahl, wie ihm schien.
"Madame, ich zolle Euch meine Respekt! So manch andere Dame wäre nun bewusstlos zusammengebrochen. Und ich schwöre, ich war schon auf dem Sprung, Euch aufzufangen." Sergej lachte immer noch. Entspannt plumpste er einfach in einen Sessel, streckte die Beine weit von sich und ließ die Arme seitlich herunter hängen. Auf Anya wirkte er nun eher wie ein ungezogener Bengel, der Anya mit großen, schuldbewussten Augen zum Verzeihen seiner Schandtaten anflehte und wusste, dass sie nicht würde widerstehen können.
"Oh, ich kann Euch versichern, den Gefallen werde ich Euch nicht tun!" versprach sie ernst. Wieder begann Sergej zu lachen.
"Was für eine ungewöhnliche Frau Ihr seid! Armand ist zu beneiden." In seinen Augen stand höchste Neugier. Aber Anya musste ihm zugestehen, dass er sie weder abschätzend musterte noch hungrig belauerte. Nachdem sie zurückweichend einen Sessel zwischen Sergej und sich gebracht hatte, umklammerte sie die Lehne des Sessels, um sich abzustützen und ihre weichen Knie zu entlasten.
"Ich weiß nicht genau, wann Armand erscheint. Sicherlich aber zum … Essen." sie stockte und kurz zuckte ihr Mundwinkel. Die ganze Situation erschien ihr abstrakt. Auch Sergej schüttelte ein neues, diesmal lautloses Lachen.
"Und nun wisst Ihr nicht, wie Ihr mich zum Essen einladen sollt, weil es eigentlich keine Nahrung für mich ist?" fragte er amüsiert nach. Anya konnte nicht anders, als erneut zu lächeln. Dieser Sergej war erfreulich natürlich und direkt. Er sprach weder gestelzt noch in Rätseln. Und er versuchte alles, um ungefährlich zu wirken, obwohl er alles andere als das war. Ihre Vorsicht und ihr Unbehagen blieben.
"Ich kann nicht besonders gut lügen." gestand sie. Sergej nickte mit einer abwinkenden Handbewegung.
"Das weiß ich doch schon, Madame. Ich finde das sehr sympathisch, muss ich zugeben." er zwinkerte und wandte den Kopf zur Tür eine Sekunde bevor sie sich öffnete. Anya hatte nichts gehört. Aber ihr Herz machte einen Sprung, als Armand in der Tür stand.

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