Sonntag, 13. Februar 2011

Noctambule: Gewitterwolken

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Das Essen war für Anya eine willkommene Pause. Allerdings schaffte es der Herzog es nicht, Miriam loszuwerden und mit Anya in trauter Zweisamkeit auf einer Decke von den angeschleppten Köstlichkeiten zu naschen. Miriam blieb mit stoischer Unbekümmertheit die Anstandsdame des Tages. Ihr war völlig gleichgültig, dass sie sich damit den Zorn des Herzogs zuzog. Dafür entging Anya nicht, dass sie sich unter den unverheirateten Damen an diesem Tag Feindinnen schaffte.
Liebend gern hätte sie ihren Platz an eine der heiratswilligen Damen abgetreten, die ein Auge auf den Herzog geworfen hatte. Ihr war völlig unklar, wie sie ihn loswerden konnte, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Sie nahm sich vor, ihm in einer ruhigen Minute unter vier Augen vorsichtig klar zu machen, dass sie nicht zur Verfügung stand.


Doch heute wollte sie einfach nur die fröhliche, unbeschwerte Gesellschaft genießen. Das Essen war gerade zu Ende, als Miriams Eltern auftauchten und sich zu ihnen gesellten. Anya bemerkte, dass die Blicke des Herzogs des Öfteren mit sanftem Leuchten auf ihr lagen. Sie betete inbrünstig, dass es sonst niemandem auffallen möge, aber ihre Gebete wurden nicht erhört. Mit verständnisvollem und gütigem Lächeln scheuchten Miriams Eltern die Beiden zu einem Federballspiel und wieder hatte sie eine gewisse Form der Zweisamkeit mit ihm.
Während die Dienerschar im Hintergrund dezent das Buffet abräumte, löste sich die Gesellschaft ein wenig auf. Etliche Gruppen bildeten sich zu kleineren Spaziergängen. Anyas Angst wuchs, dass auch sie zu einem Spaziergang genötigt werden könnte, allein mit dem Herzog. Sicherheitshalber knickte sie daher mit dem Fuß um und sank humpelnd auf die Decke zurück, wo Miriam mit ihren Eltern saß.
"Wie unvorsichtig, Madame! Von mir selbstverständlich! Ich hätte nie zulassen dürfen, dass Ihr mit diesen Schuhen solche Sportlichkeit an den Tag legen müsst!" Der Herzog war untröstlich und wirkte höchst besorgt. Für Anya wurde es schon grotesk. Sie hatte sich ja nur den Knöchel verdreht.
"Ich bitte Euch, das ist nichts Schlimmes! Einen Tag Ruhe und schon ist alles wieder in Ordnung!" wehrte sie ihn ab. Der Comte lachte amüsiert.
"Höchst ungewöhnlich. So manch andere Dame würde einen Medicus aufsuchen!" erklärte er und erntete dafür einen pikierten Blick seiner Frau.
"Mit den zarten Knöcheln einer Frau ist auch Vorsicht geboten, mein Lieber! Bedenkt bitte auch, dass kein Mann eine Frau mit einem Klumpfuß sehen möchte!" Der Herzog schenkte Anya etwas Saft ein und reichte ihr den Becher.
"Wohl gesprochen, Madame. Aber seid versichert, eine schöne Frau würde nicht einmal solch ein Fuß entstellen." Anya senkte den Blick in das Glas. Allmählich wurden ihr die plumpen Bemerkungen zu mühsam. Sie verabscheute Schmeicheleien, die nur gewinnorientiert angebracht wurden. Ihr Entschluss, den Annäherungsversuchen ein Ende zu machen, festigte sich massiv.
"Naja, wir könnten sie ja zu einem Arzt bringen. Schaut mal nach oben, bald wird es regnen! Wir werden ohnehin nicht mehr lange bleiben!" erklärte Miriam vergnügt. Anyas Blick folgte Miriams Finger. Tatsächlich zogen bereits dunkle Gewitterwolken auf. Noch schien die Sonne über ihnen, aber bei dem Tempo der Wolken war es eine Frage von einigen Minuten, ehe sie verschwinden würde.

Plötzlich herrschte allgemeine Aufbruchstimmung. Madame Dubrés wuchtete sich bereits aus ihrem Sessel und scheuchte mit knappen Befehlen ihre Angestellten herum. Auch Anyas Gruppe erhob sich.
"Für meinen Geschmack gibt es in diesem Jahr zu viele zu heftige Gewitter. Vor einigen Wochen hat ein Unwetter ganze Teile von Paris unter Wasser gesetzt." murrte der Herzog während er Anya fürsorglich stützte. Verblüfft bemerkte er ihr plötzliches Erröten bei seinen Worten. Was hatte er denn nun wieder falsch gemacht? Er hatte nur über Gewitter gesprochen! Aber die roten Wangen waren entzückend.
"Madame, da ich verantwortlich für Eure Verletzung bin, hoffe ich sehr, dass Ihr mir erlaubt, Euch in meiner Kutsche nach Hause zu bringen und der Fürsorge Eures Bruders zu übergeben." Lächelnd neigte er den Kopf zu ihr herunter und amüsierte sich über den unsicheren Blick, den sie erst ihm und dann Miriam zuwarf. Auch diese wirkte ein wenig ratlos. Miriams Vater aber kam ihm zu Hilfe.
"Wunderbare Idee. Unter Eurer Obhut kann ihr nichts geschehen. Hervorragend!" stimmte er zu und reichte seiner Frau den Arm.
Der Herzog lächelte ihm mit einem bedeutungsvollen Blick zu und prompt wurde dieser erwidert.
Anya wurde fürsorglich zum Landauer des Herzogs geführt. Madame Dubrés, deren Argusaugen diese Szene nicht entgangen war, verabschiedete Anya mit einem kleinen Glitzern in den Augen. Dann sank Anya in die weichen Polster und schaute in den Himmel. Die Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben. Ein kühler Wind kam auf und ließ sie schaudern. Sie hatte wieder den metallischen Geschmack auf den Lippen, den sie so verabscheute. Gleichzeitig stieg in ihr das bedrückende Gefühl von Gefahr auf.
Dem Herzog war Anyas Frösteln nicht entgangen. Ebenso wenig aber auch die rasche Wetterveränderung. Aufmerksam legte er Anya ihren Schal um die Schultern und hieß seinen Kutscher das Verdeck schließen. Nachdem er die Arbeit überwacht hatte, gesellte er sich zu Anya. Dem Anstand gemäß ließ er sich ihr gegenüber nieder und betrachtete sie lächelnd.
"Zu ärgerlich, dass der Tag mit Regen enden musste." leitete er das Gespräch ein. Noch konnte man nicht abfahren. Die Kutschen der anderen Gäste versperrten den Weg. Außerdem hatte der Herzog seinem Kutscher zugeraunt, er solle allen Wagen ohne Verdeck den Vorrang geben. Das würde ihm kostbare Zeit alleine mit Anya schenken. Und auf seinen Kutscher war Verlass. Mit stoischer Gelassenheit winkte er die anderen an sich vorbei.
Ein kurzer Blitz ließ Anya zusammenzucken. Der Donner ließ nicht lange auf sich warten. Ihr ängstlicher Blick zum Himmel verstärkte den Beschützerinstinkt des Herzogs. Er beugte sich vor und griff tröstend nach Anyas schlanker Hand.
"Seid unbesorgt, Madame. Hier seid Ihr sicher! Es ist nur ein Gewitter." Dass sie ihre Finger nicht um seine Hand schlang, irritierte ihn. Schlaff, beinahe kraftlos lag die kleine Hand in seiner. Sie schien tatsächlich Angst zu haben. Irgendetwas lähmte sie regelrecht. Ihre Augen waren groß, als sie ihn ansah.
"Ich möchte ganz schnell nach Hause bitte." flüsterte sie mit erstickter Stimme.

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