Dienstag, 1. Februar 2011

Noctambule: Gicht schmeckt scheußlich

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Marseille 1748

Miriam war begeistert von dem Einstieg der Beiden in die Marseiller Gesellschaft. Aufgeregt plappernd berichtete sie Anya beim nächsten Spaziergang von hohem Lob der Herren über Armand und deutlichem Interesse einiger Gäste an Anya. Offenbar hatte besonders der Herzog ein Auge auf Anya geworfen und versucht, unauffällig mehr über Anya zu erfahren.
Es hagelte tatsächlich eine ganze Menge Einladungen, die im Laufe der nächsten Tage ins Haus flatterten. Als Anya ihn drei Tage später nach dem Essen einen ganzen Stapel vorlegte grub er stöhnend die Hände in die Haare.


"Verlang das nicht von mir! Worauf habe ich mich da eingelassen?" Anya unterdrückte ein Schmunzeln über seine gespielte Verzweiflung. Sie legte den Kopf schief.
"Aber kann ich denn alleine da hin? Ohne Begleitung?" Als er den Kopf hob, erkannte sie zu ihrem Schreck, dass er gar nichts spielte. Es war ihm ernst.
"Wie stellst du dir das vor? Eine allein stehende Frau ohne Begleitung! Welchen Ruf willst du haben?" Sie senkte den Kopf.
"Ich gehe gerne mit dir aus." flüsterte sie mit geröteten Wangen. Wenn er bei ihr war, fühlte sie sich sicher und ruhig. In seiner Nähe konnte ihr nichts geschehen. Aber alleine? Armand warf ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu.
"Anya, ich sauge diese Leute aus! Ich tanze nicht mit ihnen!" Sie zuckte zusammen.
"Aber… doch nicht.. diese..?" Armand sackte zurück in seinen Stuhl und streckte die Beine aus. Sein Blick ruhte nun ernst auf ihr.
"Nein, ich bemühe mich, deine neuen Freunde zu verschonen. Was mir nicht sonderlich schwer fällt. Gicht schmeckt scheußlich, etliche sind heimliche Säufer und außerdem stinkt diese Brut! Da sind mir einfache Arbeiter lieber." erklärte er gelassen. Anya war betroffen. Und wieder grübelte sie einen Moment, wie sie Armand umstimmen könnte. Es musste doch seltsam wirken auf die Gesellschaft, wenn sie so zurückgezogen lebte, wie es Armand am Liebsten wäre. Andererseits hatte Armand ihr oft genug signalisiert, dass ihm die Meinung der Gesellschaft mehr als gleichgültig war.
Armand warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Ein kleines Schmunzeln lag auf seinen Lippen und noch einmal sortierte er die Einladungen durch.
"Nun, diese drei hier sind Nachmittags, da muss ich nicht dabei sein. Kann ich auch nicht. Und diese Beiden hier werden wir annehmen. Auf beiden kann ich einige kleine Geschäfte abschließen." Er lehnte sich zurück und warf die restlichen vor Anya auf den Tisch.
"Das dürfte für den Anfang genügen. Du kannst von mir aus Krankheiten oder sonstige Unpässlichkeiten vorgeben, das ist mir egal." verkündete er. Anya schob die Einladungen zusammen und war sich nicht sicher, ob sie nun froh sein sollte, überhaupt mit ihm zweimal ausgehen zu können oder betroffen, dass er wie ein Erziehungsberechtigter einfach den Rest ablehnte und ihr verbot, dorthin zu gehen. Armand schien ihre Gedanken zu erraten und schob einen Finger unter ihr Kinn, um ihren Kopf leicht anzuheben. Seine dunklen Augen bohrten sich mit einem kleinen Funkeln in ihren Blick.
"Für diese beiden Abende verlange ich einiges. Und je nachdem, wie zufrieden ich bin, reden wir noch einmal über die anderen." In seiner Stimme lag ein lüsterner Unterton, der ihr die Röte in die Wangen trieb. Aber ihre Mundwinkel zuckten. Sie deutete ein Nicken an, das er in seinen Fingerspitzen spürte.
"Du wirst zufrieden sein." versprach sie. Seine Augen glühten kurz auf.
"Wir werden sehen."


Am nächsten Tag hatte Miriam sich nachmittags mit Anya verabredet, da sie vormittags verhindert war. Der Spaziergang dauerte wesentlich länger als eingeplant, denn nachmittags waren viel mehr flanierende Bekannte anzutreffen und immer wieder verweilte man schwatzend in einer kleinen Gruppe.
Als Miriam ihre Freundin vor ihrem Haus wieder ablud, war es spät und Anya leicht erschöpft. Stets darauf achten zu müssen, was man sagt und wie sie sich zu verhalten hatte, war noch immer schwierig für sie. Bei Menschen, die sie mochte, fiel ihr ihre große Lüge zunehmend schwerer und sie fragte sich, wo das enden sollte.
Sie winkte der Kutsche kurz hinterher und als sie sich umdrehte, hatte Maurice die Türe für sie bereits geöffnet und wartete höflich auf sie. Wie immer schenkte sie ihm ein dankendes Lächeln.
"Madame, der Herzog von Povignans ist vor wenigen Minuten eingetroffen, um Euch seine Aufwartung zu machen. Ich war so frei, ihn in den blauen Salon zu führen, da ich sicher war, dass Ihr bald eintreffen werdet." verkündete er mit ausdrucksloser Miene. Es empfand diesen Besuch als äußerst unpassend, würde sich aber eher die Zunge abbeißen, als ein Wort darüber zu verlieren.
Zu seiner Genugtuung zog Anya scharf die Luft ein und wurde ein wenig blass. Offenbar schien sie über diesen Besuch eher weniger erfreut zu sein.
"Der Herzog? Du lieber Himmel! So spät? Ich muss ihn wohl zum Dinner einladen, oder? Sind wir darauf vorbereitet, Maurice?" Ihre großen Augen hingen flehend an ihm. Sie schien leicht überfordert zu sein und sein Herz klopfte väterlich.
"Eine Einladung wäre angebracht, Madame. Selbstverständlich sind wir darauf vorbereitet! Allerdings wäre eine dankbare Ablehnung seitens des Herzogs ebenso angebracht." Die Küche war keineswegs vorbereitet. Aber Maurice's Ehre würde niemals zulassen, in so einem Falle zu versagen. Die Herrschaften würden gar nicht bemerken, dass gleich die gesamte Belegschaft ausschwärmen würde, um eilig Zutaten zu einem passenden Dinner für drei Personen zu besorgen. Anyas Erleichterung bestätigte ihn in seinem Entschluss. Wohlwollend geleitete Maurice sie Richtung Salon.
Anya hatte von Miriam Nachhilfeunterricht im gesellschaftlichen Leben erhalten. Erst im Nachhinein war ihr bewusst geworden, dass sie mit einem Mitglied des königlichen Hauses auf dem Balkon gestanden hatte. Und er hatte mit Sicherheit geflirtet, dessen war sich auch Miriam sicher. Nun hatte sie also hohen Besuch und ihn auch noch warten lassen!
Bevor Maurice ihr die Tür öffnete, ordnete sie noch einmal kurz ihre Frisur und zupfte ihr Kleid zurecht. Sie hätte sich umziehen müssen, fiel ihr ein. Unsicher sah sie Maurice an und bremste seine Bewegung, nach dem Türgriff zu fassen.
"Sollte ich mich nicht besser umziehen? Das ist doch ein Straßenkleid!" Maurice konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken.
"Ihr solltet ihn nicht länger warten lassen, Madame. Und.. wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf… Ihr seht entzückend aus!"
"Danke Maurice!" Sie grinste schief über sein Kompliment. Er hatte Recht, sie sollte sich beeilen. Mit einem Durchatmen hob sie den Kopf und nickte Maurice zu. Dann rauschte sie hinein.

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