Mittwoch, 2. Februar 2011

Noctambule: Ein Herzog zu Besuch

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Enrique Duc de Povignans stand mit der kleinen Teetasse in der Hand am Kamin und schien in die Betrachtung des Ölbildes darüber versunken zu sein. Seine Kleidung entsprach den gedeckten Farben des Nachmittages und waren dennoch nicht weniger prachtvoll als an jenem Abend im Hause des Comte. Als er die Tür hörte, wandte er sich um und stellte mit einem freudigen Lächeln die Tasse auf dem Kaminsims ab.


Anya lief auf ihn zu und sank in einen tiefen Knicks.
"Welche Ehre, Hoheit!" begrüßte sie ihn. Er reichte ihr galant die Hand, um sie aus dem Knicks zu holen. Hocherfreut lagen seine Augen auf ihr, nachdem er entzückt festgestellt hatte, dass ihre Wangen leicht gerötet waren von der frischen Luft und die Frisur ein wenig zerzaust. Offenbar hatte sie sich nicht die Zeit zum Umkleiden genommen, um ihn nicht warten zu lassen wie jede andere Frau es getan hätte. Erfrischend anders, wie er fand.
"Ich flehe Euch an, Madame, nicht diese offizielle Anrede! Und die Ehre ist ganz auf meiner Seite." Er beugte sich über ihre Hand. Anyas Herz klopfte heftig. Das war unverhohlenes Flirten! Als Herzog schien er sich über Trauerzeiten hinwegsetzen zu dürfen oder war das einfach nur dreist? Sie konnte es nicht einschätzen. Er sah ausgesprochen gut aus und wie Miriam ihr zugesteckt hatte, standen die heiratsfähigen Damen Schlange, um von ihm auserwählt zu werden. Dennoch schien er sich hartnäckig am Junggesellenleben festzubeißen und zählte nun schon weit über dreißig. Was also konnte er von einer unscheinbaren Frau wie Anya ohne politische Beziehungen der Familie im Hintergrund schon wollen?
"Ihr seid bereits versorgt, wie ich sehe. Bitte, nehmt Platz und berichtet mir den Grund Eures Besuchs." Anya hatte den Tee bemerkt und dankte Maurice im Stillen. Sie sank auf einen der kleinen Sessel. Erst nachdem sie saß nahm auch der Herzog Patz. Hätte es nicht umgekehrt sein müssen bei seinem Rang? Erwies er ihr nicht gerade deutlich zuviel der Ehre? Sie war schrecklich unsicher.
"Oh, Euer Butler hat sich rührend um mich gekümmert, seid unbesorgt. Und ich konnte die kurze Wartezeit mit dem Betrachten dieses Bildes versüßen. Ein echter Rubens! Seine Werke nehmen mehr und mehr an Bedeutung zu." Anya nickte irritiert. Sie hatte sich noch nie mit Malern beschäftigt. Sie wusste nur, dass hier eines der wenigen nicht anzüglichen Bilder hing. Es zeigte eine Jagdszene auf ein Nilpferd und ein Krokodil.
"Armand hat eine Vorliebe für ihn." bestätigte sie und hoffte, nicht wieder zu erröten. Was sollte sie mit diesem Mann denn bereden?
"Dann beweist er Geschmack!" erwiderte der Herzog höflich. Seine Augen ruhten auf ihrem Gesicht. Sie glaubte, eine gewisse Faszination darin zu erkennen und spielte unruhig mit einer Falte ihres Rocks.
"Eure Familie besitzt eine unglaubliche Schönheit. Wie müssen da nur Eure Eltern ausgesehen haben? Ich beginne wieder an das Olymp zu glauben." Seine Stimme war leise und trotz der eleganten Art wirkten seine Worte plump auf sie. Jede Frau hätte erröten müssen. Anya sah zu ihm auf und wischte die Worte mit einer Handbewegung beiseite.
"Ich bitte Euch, sagt so etwas nicht." hauchte sie verlegen. Doch ihre Verlegenheit war eher durch die Not entstanden, seine Schmeicheleien abzuweisen. Er lachte leise und beugte sich vor, um ihre Hand zu ergreifen.
"Oh! Wie unaufmerksam! Ihr habt gar keinen Tee mehr!" Anya sprang rechtzeitig auf und floh zum Kamin. Sie griff nach der Teetasse, die er dort angestellt und vergessen hatte. Beim Umdrehen bemerkte sie kurz seinen unzufriedenen Gesichtsausdruck, der aber sofort wieder einem freundlichen Lächeln wich.
Anya schenkte ihm im Stehen ein und gab ihm auch ein Löffelchen Zucker.
"Ich will schnell die Vorhänge zuziehen.. Es ist dunkel geworden." Sie lief zu den Fenstern, ohne zu bedenken, dass die Dunkelheit weder einen Grund zum Schließen der Vorhänge lieferte noch dass dies eigentlich Maurice hätte tun müssen. Sie hätte einfach nur läuten müssen. Der Herzog folgte ihr verblüfft mit den Blicken und schüttelte den Kopf.
"Ihr seid eine ungewöhnliche Frau, Madame." erklärte er überzeugt. Anya wandte sich ihm zu und wischte sich nervös über den Rock. Sie beschloss, nicht darauf einzugehen und abermals das Thema zu wechseln.
"Darf ich Euch einladen, uns beim Dinner Gesellschaft zu leisten? Armand wird sicher bald da sein." Offenbar überraschte den Herzog diese Einladung. Ein freudiges Leuchten huschte kurz über sein Gesicht. Anya befürchtete, dass er zustimmen würde. Aber die Rettung nahte von unerwarteter Seite. Maurice öffnete nach kurzem Klopfen die Tür trat ein und schloss die Tür mit seltsamen Nachdruck.
"Verzeihung, Madame. Ein Monsieur Komarow wünscht Monsieur Sartous zu sehen." Maurice schien offensichtlich geneigt, dem unbekannten Besucher mit einem Tritt in den Allerwertesten den Weg hinaus zu zeigen. Missbilligend hatte er die Nase gehoben. Das kleine Silbertablett mit der Karte des Besuchers hielt er mit gewissem Abscheu vor sich. Besuche um diese Uhrzeit waren ohne Einladung oder Ankündigung unangebracht. Man pflegte beim Essen zu stören.
"Soll ich ihm einen anderen Termin als Besuch vorschlagen?" Anya blinzelte auf die Karte. Leicht überfordert nagte sie auf der Unterlippe. Sie hatte den Namen noch nie gehört. Wie wichtig war dieser Mann für Armand? Und wie wichtig war dem Unbekannten ein Treffen mit Armand? Durfte sie es wagen, Armand zu wecken?
"Nein. Führ ihn bitte herein, Maurice. Monsieur Sartous muss jeden Moment erscheinen." erwiderte sie verwirrt.
Der Herzog fühlte sich in seinen Annäherungen gestört. Gerade eben hatte er es geschafft Anyas Schale ein wenig anzuknacksen. Sie war unsicher und verlegen geworden. Ein bezaubernder Zug. Er hatte vor sich eine Frau, die mit keiner ihrer bemerkenswerten Eigenschaften kokettierte. Der unangekündigte Besuch machte alles zunichte. Und das schmeckte ihm gar nicht. Er erhob sich mit einem etwas angestrengten Lächeln.
"Ich wollte ohnehin nicht lange verweilen. Habt Dank für Eure freundliche Einladung. Ein andermal sehr gerne." Galant beugte er sich über Anyas Hand und hinderte sie somit an einem Knicks. "Und dann werde ich nicht so unverfroren einfach hereinplatzen, sondern mich ankündigen, wie es sich geziemt," zwinkerte er. Anya errötete. Wie sie von Miriam erfahren hatte, musste sich ein Herzog nirgendwo ankündigen. Man fühlte sich von seiner Aufmerksamkeit stets geehrt und hatte uneingeschränkt Zeit für den hohen Besuch. Aber sie hatte keine Zeit für eine Antwort, denn als der Herzog sich erhob, führte Maurice bereits den Unbekannten herein.
Die zwei Männer, die sich gegenüber standen, hätten nicht unterschiedlicher sein können. Die stattliche Figur des Herzogs war überwiegend durch die gut sitzende, teure Kleidung betont. Sie verbreiterte seine Schultern ein wenig und betonte die schmalen Hüften. Seine Haare waren perfekt frisiert und von feinstem Puder überzogen. Die Schuhe hatten hohe Absätze, was seine Größe begründete. Zwar war er auch mit diesen Schuhen noch kleiner als Armand, aber seine gesamte Erscheinung wirkte beeindruckend und bestach durch selbstverständliche Eleganz.
Komarov hingegen schlenderte ungezwungen herein und betrachtete den Herzog mit erhobener Braue. Er war deutlich kleiner als der Herzog, aber breit wie ein Schrank. Seine Kleidung war sauber und modisch, aber entsprach eher dem Mittelstand. Jacke und Hose waren von einem eher unauffälligen Braun, schlicht und aus einfachem, aber gut verarbeiteten Leinen. Die Schuhe waren flach und aus festem Leder. Sie waren zwar sauber, aber Anya erkannte sofort, dass der Träger mit ihnen bereits etliche Meilen gelaufen war. Seine naturgelockten Haare hatten einen praktischen Schnitt und waren mangels teurem Puder blond. Er hatte sie zu einem schlichten Zopf zusammengebunden. Das Gesicht hingegen, das eigentlich durch lange Fußmärsche sonnengebräunt sei müsste, wies eine fast erschreckende Blässe auf.

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