Montag, 14. Februar 2011

Noctambule: Klare Ansage

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Enrique Povignans spürte eine Gänsehaut bei diesem zaghaften Stimmchen. Zu gerne würde er sie in seine Arme ziehen und diesen kleinen Körper an sich ziehen. Warum eigentlich nicht? Sie waren hier doch ungestört! Nein, er würde sie nicht brüskieren. Noch nie hatte er gegen den Willen einer Frau gehandelt. Dem zarten Geschlecht gebührte Respekt, Schutz und vor allem Bewunderung.


"Ich bringe Euch sicher nach Hause. Sorgt Euch bitte nicht. Es ist nur ein Unwetter." Seine Stimme war weich und sanft. Mit einem zuversichtlichen Lächeln versuchte er sie aufzumuntern. Endlich setzte sich die Kutsche mit einem leichten Ruck in Bewegung. Enrique Povignans hatte kurz den Eindruck, dass dieser kurze Ruck ihr mehr Erleichterung bescherte als seine Fürsorge. Leicht frustriert suchte er eine neue Ablenkung.
"Sagt, Madame, Euer Halsschmuck ist mit schon einige Male aufgefallen. Sicher hat er eine besondere Bedeutung für Euch, da Ihr ihn nie ablegt?" Er würde niemals sagen, dass er dieses lederne Ding geschmacklos und hässlich fand. An einen schönen Frauenhals gehörten Perlen oder Diamanten, aber doch nicht so etwas Grobes!
Anyas Hand fuhr unbewusst an ihr Halsband. Mit leicht flackerndem Blick riss sie sich von dem verdunkelten Himmel los und sah ihn an. Sie war blass und atmete hastig. Himmel, sie musste tatsächlich Angst empfinden. Er hatte ihre Empfindsamkeit unterschätzt. Sicher hing ein schreckliches Erlebnis an irgendeinem Unwetter.
"Ja. Er hat eine ganz besondere Bedeutung." Ihre Lider flatterten kurz. Er hatte den Eindruck, dass sie sich mit eisernem Willen zu konzentrieren versuchte. Tief durchatmend zog sie ihre Hand zurück und setzte sich zurecht.
"Euer Gnaden, ich muss mit Euch reden. Es brennt mir auf der Seele. Ich möchte Klarheit schaffen…. bitte."

Der Herzog runzelte kurz die Stirn, lächelte aber sofort beruhigend. Die Damen hatten immer schreckliche Probleme mit Dingen, die ganz einfach zu lösen waren für einen Mann. Er war sicher, dass er ihre Sorgen zerstreuen konnte, ahnte sie doch nichts von der Kraft seiner Beziehungen und der Macht seiner Positionen, die er inne hatte.
"Nur zu Madame! Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Euch zur Seite zu stehen, was immer auch sein mag. Seid gewiss, dass ich absolut diskret und verschwiegen bin." Trotz der Zuversicht, die er ausstrahlte fühlte er sich plötzlich elend. In ihrem Blick lag ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte. Nein, er wollte ihn nicht deuten. Ahnungsvoll musterte er ihr blasses, kleines Gesicht.
"Das ist es ja, Euer Ganden. Ich will und kann Euch nicht ermutigen zu… zu.. näheren.. Begegnungen. Ich möchte nicht, dass Ihr Euch Hoffnungen macht…" sie brach ab. Ihr Gestammel ärgerte sie. Noch nie im Leben hatte ein Adliger Interesse für sie bekundet. Und nun, wo es soweit war, musste sie ihn abweisen, weil er nicht ihr Herz erobern konnte. Diese Situation war nicht nur neu, Anya fühlte sich dreist und respektlos.
Enrique lehnte sich perplex zurück. Er war noch nie zurückgewiesen worden. Scharenweise warteten die Damen darauf, von ihm erhört zu werden und an seiner Seite in die oberste Gesellschaftsschicht zu gelangen. Die meisten waren entweder hässlich oder einfach nur langweilig dumm. Diese junge Frau hier sprengte jeden Rahmen. Sie war nicht nur hübsch, sie hatte etwas besonderes, eine zerbrechliche, vorsichtige Ausstrahlung und trotz ihrer Scheu zeigte sie immer wieder eine verblüffend offene Schlagfertigkeit. Er wollte sie haben, er wollte sie auf Händen tragen und vor allem wollte er sie erobern.
"Ihr liebt ihn immer noch, nicht wahr?" fragte er leicht rau. Natürlich ging er von ihrem verstorbenen Mann aus.
"Ja." Anyas hastiges Nicken und ihr schneller, ausweichender Blick aus dem Fenster waren schlimmer als ihre gehauchte Zustimmung. Kurz presste er die Lippen aufeinander. Dann zwang er sich zu einem Lächeln.
"Nun, ich bin dankbar für Eure Offenheit. Ihr wollt mir sicher damit sagen, dass ich zu forsch bin. Verzeiht. Aber ich muss gestehen, dass ich wahrlich fasziniert von Euch bin. Ich gelobe Zurückhaltung, Madame. Aber verbietet mir bitte nicht, Euch zu sehen! Ich bin ein geduldiger Mensch und werde warten. Aber lasst mich Eure Gesellschaft genießen." Er musste sich selbst loben. Das hatte er gut verpackt. Ihm ging es nicht nur um ihre Gesellschaft. Es galt schließlich auch, mögliche Rivalen früh zu erkennen und rechtzeitig aus dem Weg zu räumen. Dafür benötigte er den Kontakt zu ihr.

Anya hatte während seiner Worte in die Wolken gestarrt, die immer dunkler zu werden schienen. Die ersten Regentropfen fielen schwer auf das Verdeck der Kutsche und lösten ein dumpfes Trommeln aus. Gerade erst passierte die Kutsche die Stadtgrenze und würde noch eine Weile durch die leeren Vororte fahren. Aber die Unterhaltung hatte ihre kurze Panikattacke gedämpft und sie begann sich zu beruhigen. Mit einem entschuldigenden Lächeln wandte sie sich wieder dem Herzog zu und öffnete den Mund zu einer Antwort, als ein heftiger Schlag die Kutsche stark schwanken ließ.
Erschrocken sah sie nach oben, wo sich das biegsame Verdeck heftig nach innen ausbeulte, als wäre ein schweres Gewicht darauf gefallen. Eine Sekunde später war das Verdeck wieder straff und glatt wie vorher.
"Was zum Teufel…" entfuhr es dem Herzog unwirsch, noch immer nach oben starrend. Anyas gellender Schrei lenkte seinen Blick zu ihr. Doch sie starrte nur auf das Fenster. Der Körper des Kutschers war soeben an dem Fenster vorbei auf die Straße geflogen. Und nun starrte sie in das blasse, grinsende Gesicht von George.

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