Freitag, 29. Oktober 2010

Noctambule: Rückblick - Begegnung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule



Toulouse: 1189
Ein schmerzhafter Tritt in die Seite riss den jungen Armand Sartous aus seinem erschöpften Schlaf. Erschrocken taumelte er hoch und starrte seinen erbosten Meister an.
"Hast du nichts zu tun, Nichtsnutz? Schlafen kannst du, wenn du tot bist!"

Seit 15 Jahren arbeitete Armand nun bereits für Meister Ustul. Mit 10 Jahren hatte er die Lehre bei dem Steinmetz und jetzigem Baumeister begonnen und auch wenn seine Lehrzeit schon lange vorbei war, fühlte er sich weniger als Geselle denn mehr als persönlicher Sklave.

Armand hasste seine Arbeit, er hasste Meister Arnaldus Ustul, er hasste die Kathedrale, in der er nun seit 15 Jahren Tag und Nacht arbeitete und lebte. Nun war ihr Bau fast fertig.
Meister Ustul war eine Berühmtheit geworden und ihm oblag die Aufsicht über die gesamte Bauhütte. Die Zeit drängte, das Bistum bestand auf einer zügigen Fertigstellung der imposanten Kathedrale und saß Armands Meister im Nacken.

Der junge Mann rieb sich mürrisch die Seite und fixierte seinen Arbeitsherrn mit düsterem Blick aus den fast schwarzen Augen. Irgendwann… irgendwann würde seine Zeit kommen. Irgendwann würde Armand sich für diese Schikanen, diese elende Schufterei und miese Bezahlung rächen.
Fünfzehn Stunden Arbeit am Tag war nichts Ungewöhnliches. Armands feine, eher zartgliedrige Hände, waren nicht für diese grobe Arbeit geschaffen. Doch die vielen Jahre hatten Schwielen und Risse erzeugt.
Wie gerne würde er sie diesem fetten, faulen Baumeister um den Hals legen und langsam zudrücken. Wie oft malte er sich aus, wie das rosige Gesicht langsam blau anlief, die Augen aus den Höhlen traten und die Zunge zuckend heraushing, während Armands Hände den letzten Rest Leben aus dem von Gicht geplagten Körper pressten. Und wieder einmal riss die bellende Stimme seines Herrn ihn aus seinen mörderischen Gedanken.

"Scher dich an deine Arbeit, Tölpel! Wenn ich dich noch einmal schlafend hinter dem Altar erwische, verpasse ich dir einen Fußtritt in die Gosse, wo du hingehörst!" Armands Brust hob und senkte sich vor mühsam beherrschter Wut.
Er trollte sich zu seiner Arbeit, doch in seinem Inneren tobte es. In die Gosse gehörte er? Und das nach all den Jahren, in denen seine gute Arbeit diesem fetten Schmarotzer Reichtum und Ruhm eingebracht hatte?
Mit seinen 25 Jahren war Armand nicht einmal die Zeit geblieben, sich eine Frau zu suchen. Wie auch? Er konnte sie nicht ernähren von dem lächerlichen Lohn! Zornig zündete Armand eine der herumliegenden Pechfackeln an und steckte sie in die Halterung an der Säule neben dem Altar.
Ustulus Schritte verhallten auf dem Weg aus dem fast fertigen Bau. Es musste weit nach Einbruch der Dunkelheit sein. Der Altar war noch immer nicht fertig gestellt. Außer ihm schien niemand mehr zu arbeiten.
Seufzend sah Armand sich auf dem Boden nach seinem Werkzeug um. Und prallte vor Schreck zurück, als er dabei im flackernden Schein der Fackel auf ein Paar sauberer, edler Stiefel sah.


Armand taumelte zurück, stieß schmerzhaft gegen die Kante des hohen Altars und stolperte über ein paar Holzlatten. Er konnte sich gerade eben noch fangen und riss die Fackel aus der Halterung. Mit einem fauchenden Geräusch wehte die Flamme an seinem Gesicht vorbei als er sie vor sich zerrte, um die Dunkelheit vor sich zu erleuchten. Was er sah, verwirrte ihn über alle Maßen.
Vor ihm stand die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte. Sie war fast zwei Köpfe kleiner als er. Wobei das nicht besonders schwierig war, denn Armand wurde wegen seiner Körpergröße oft als Riese ausgelacht. Ihre kupferroten Haare fielen unanständig frei über ihre Schultern und umrahmten ein zartes, herzförmiges Gesicht, in dem mandelförmige grüne Augen leuchteten.

Er hatte oft gehört, dass rothaarige Frauen sehr zarte Haut hätten, doch noch nie hatte er so eine helle und makellose, fast weiße Haut gesehen. Zu seiner Verblüffung steckte diese Frau nicht etwa in einem Kleid, sondern in perfekt sitzender Männerkleidung.
Unter der samtschwarzen Weste quoll ein mit Rüschen besetzter Kragen aus feinstem weißem Stoff hervor. Ihre langen Beine steckten in einer schwarzen Hose, die sich verwirrend eng um ihre Schenkel schmiegte. Die Stiefel aus feinem Leder ließen ihre Beine noch länger wirken. Völlig verwirrt starrte Armand in das schöne Gesicht.
Diese Frau schien aus dem Nichts gekommen zu sein. Sie war weder erschrocken noch unsicher. Im Gegenteil, sie musterte ihn mit einem seltsamen Lächeln und machte einen Schritt auf ihn zu, der ihn rückwärts weichen ließ.
"W..wer seid Ihr? Was macht Ihr hier?" stammelte Armand. Frauen gegenüber fühlte er sich grundsätzlich unsicher und unbeholfen. Die wenigen Erfahrungen, die er bisher gesammelt hatte, basierten auf ein paar Huren, die sich billig und meistens betrunken in seine Arme geworfen hatten.

Diese Frau hier aber war eine ganz andere Kategorie. Sie strahlte etwas aus, was er überhaupt nicht greifen konnte. Höflich hielt er nun die Fackel seitlich, wich aber weiter zurück, denn sie kam immer näher. Schließlich stieß sein Rücken gegen die Säule, von der er die Fackel gerissen hatte. Er schluckte. Was zum Teufel suchte sie hier? Und vor allem, was wollte sie von ihm?

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