Samstag, 2. Oktober 2010

Noctambule: Endlich frei!

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Anya kam nur mühsam zu sich. Sie hörte kein Klavier mehr.. auch keinen Donner. War sie schon tot? Es war so still, dass das Knistern eines Feuers erschreckend laut wirkte. Sie spürte auch die Wärme. Wenn sie tot war, konnte sie eigentlich keine Wärme spüren oder doch? Testweise versuchte sie eine Hand zu bewegen und stellte fest, dass sie auf der Seite lag. Ihre Hand war auch beweglich.. sie hatte den Kopf darauf liegen. Blinzelnd öffnete sie die Augen. Ihre Umgebung hatte sich verändert. Sie lag auf einem Bett. Ihr gegenüber loderte ein wärmendes Feuer in einem barocken Kamin.

Ihre erwachenden Sinne stellten fest, dass sie splitterfasernackt war, nicht zugedeckt und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass sie nicht gefesselt war!
Ruckartig setzte sie sich auf und starrte panisch durch das Zimmer. Sie war alleine. Misstrauisch starrte sie in jede Ecke. Ihr Spiegelbild ließ sie zusammenzucken. Gegenüber der Fußseite ihres Bettes stand ein körperlanger Spiegel auf einem Sockel, der ihr Spiegelbild wie ein Gemälde zurückwarf.
Ihr Körper war gerötet, die vollen Brüste zeigten noch die Spuren seiner Schläge und ihre blonden, langen Haare flossen wie flüssiges Gold über ihre Schultern. Kleine Locken umzüngelten ihre Brüste. Ihre Handgelenke waren wund gescheuert, ihre Knöchel ebenso.
Schamesröte stieg in ihr Gesicht in der Erinnerung an das Geschehene. Ein fröstelnder Schauer überrieselte sie, als ihr Gedächtnis sein wunderschönes, bleiches Gesicht aufrief, diese tiefen, schwarzen Augen und dieses fürchterliche Gebiss.

Mit jähem Schrecken griff sie an ihren Hals. Hatte er sie wirklich gebissen? Sie rutschte aus dem Bett und hastete vor den Spiegel. Im schwachen Schein des Kaminfeuers entdeckte sie rasch an ihrem Hals zwei kleine Male. Ihr Herz pumpte, während ihre Fingerspitzen zitternd die beiden winzigen Narben befühlten. Sie lebte noch! Stimmten die Legenden demnach gar nicht? Oder war sie ein Vampir geworden?
Ängstlich und mit äußerster Überwindung öffnete sie ihre Lippen und betrachtete ihr strahlend weißes, gesundes Gebiss. Ein hysterisch erleichterter Schluchzer erklang. Wie dumm sie war! Vampire sah man doch nicht im Spiegel! Also könnte er jetzt hinter ihr stehen und sie würde ihn im Spiegel nicht sehen. Sofort schoss sie herum. Aber niemand war im Zimmer außer ihr.

Anya schlang ihre Arme um sich. Trotz des Feuers fror sie. Sie musste sich zusammenreißen. Ihre Gedanken sammeln. Das Geschehene konnte sie nicht mehr rückgängig machen. Sie lebte und das war das einzige was zählte. Und er war nicht da! Ein Blick aus dem hohen Fenster bestätigte ihr Zeitgefühl. Es war noch mitten in der Nacht. Der Gedanke an Flucht stieg zaghaft und scheu in ihr auf. Konnte sie das wagen? Vielleicht war er erschöpft? Oder wieder unterwegs? Wie auch immer, sie musste es versuchen!
Hastig sah sie sich um. Ihre zerfetzten Kleider waren nicht zu sehen. Sie konnte sie ohnehin nicht mehr gebrauchen. Mit flatterndem Herzschlag zerrte sie das Laken vom Bett herunter und wickelte es um ihren nackten Körper. Das musste gehen. Es war viel zu lang, also raffte sie die Reste hoch und schlich an die Tür. Erst jetzt stellte sie fest, dass die Tür gar nicht geschlossen gewesen war, sondern nur anlehnte. Vorsichtig zog sie sie weit genug auf, um sich durch den Spalt quetschen zu können und schlich lautlos auf ihren bloßen Füßen hinaus.

Der Flur war breit und in der Dunkelheit konnte sie nur schemenhaft verschiedene kleine Möbel erkennen. Sie musste in der Mitte bleiben, dann würde sie nirgendwo anstoßen. Hastig huschte sie über den weichen Teppich und erreichte eine Treppe, die hinunter führte. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie fürchtete, es wäre wie ein Echo im ganzen Haus zu hören. Mit fahrigen Fingern tastete sie die Haustür ab, die sie stolpernd erreichte und zerrte sie auf. Der Luftstrom der kühlen Regennacht erfasste sie und brachte sie zum Zittern. Aber er weckte sie auch auf und putschte ihre Lebensgeister nach oben. Frei!! Sie war frei!

Sie ahnte nicht, dass ihr erstes Aufstehen schon bemerkt worden war. Ausgestreckt und mit auf dem Bauch gefalteten Händen hatte er komplett bekleidet in seinem Schlafgemach auf dem Bett gelegen.
Bei ihrer ersten Bewegung schon hatten sich plötzlich seine schwarzen Augen geöffnet. All seine Sinne waren auf sie gerichtet. Die Nasenflügel seiner aristokratischen Nase bebten kurz witternd und ein kurzes Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln. Wie ein verlockender Speisenduft wehte der Hauch von Angst um seine Nase. Er spürte ihre Fluchtgedanken und seine Daumen legten sich zufrieden gegeneinander.
Fliehende Beute war perfekt, weckte seinen Jagdtrieb und putschte seine feinen Sinne zur Höchstleistung auf. So leise sie auch sein mochte, ihre Fährte konnte sie nicht verwischen. Er würde sie mitten unter tausenden von Menschen aufspüren können.
Ihr Duft hatte sich ihm eingeprägt. Noch immer blieb er ruhig liegen, als sie das Haus verließ. Sie sollte einen Vorsprung haben. Das erhöhte den Genuss der Jagd. Wieder witterte er, wartete noch eine Weile, dann schoss er in einer fließenden Bewegung aus dem Bett und war Sekunden später vor dem Haus.
Ein kleiner Windhauch ließ seine schwarzen Haare kurz auffliegen. Er trug ihren Duft an seiner Nase vorbei und sein Gesicht wandte sich in ihre Richtung, obwohl er sie nicht sehen konnte. Panik würzte ihren süßen Körperduft.
Leicht verärgert überflog sein Blick den aufgeweichten Boden. Ihre Fußspuren zeichneten sich in dem Matsch ab, der seine kostbaren Stiefel verderben würde. Die Spuren störten ihn. Das war zu einfach. Er würde ihr einen größeren Vorsprung geben müssen, um seinen Genuss nicht zu schmälern und sie in den Wald eintauchen lassen, der vor ihr lag.

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