Sonntag, 3. Oktober 2010

Noctambule: Keine Chance

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule


Sie wusste nicht, wo sie war. Nicht wie lange sie schon rannte. Es regnete nicht mehr. Nur ab und zu brachen die dunklen Wolken auf, die in hohem Tempo über ihr hinwegrasten und der Vollmond warf in diesen kurzen Momenten gespenstische Schatten. Der aufgeweichte Boden hatte sie mehrfach stolpern und hinfallen lassen. Längst hatte sie das aufgeweichte Laken irgendwo liegen lassen und rannte nackt in langen Sprüngen um ihr Leben.

Ihre Füße traten auf spitze Steinchen und abgebrochene Zweige. Wieder stürzte sie, rappelte sich hoch und zwang ihren erschöpften Körper zu weiterem Kraftaufwand. Ihre Lungen brannten, ihr Puls rauschte in ihren Ohren.
Nasse Zweige peitschten ihren Oberkörper, als sie im Zickzack durch den stillen Wald spurtete. Je weiter sie sich von diesem Haus entfernte, desto freier fühlte sie sich. Sie wollte rennen, bis jeder Muskel versagen würde. Immer wieder verdrängte sie die Bilder des Erlebten. Später.. später würde sie Zeit haben, ihre verdorbene Lust zu verarbeiten, die sie in diesem Haus erlebt hatte.

Irgendwann versagten ihre zitternden Beine schließlich beinah den Dienst. Nach Luft schnappend bremste sie ab und hielt sich an einem Baum fest. Ihr Körper krümmte sich bei dem Versuch, tief Luft zu holen, ihr wurde übel und vor ihren Augen flimmerte es. Hustend und röchelnd stand sog sie die kühle Luft ein, bis sie sich genug beruhigt hatte, um sich wieder aufzurichten.
Erschöpft ließ sie sich rücklings an den Baumstamm fallen und lehnte den Kopf an. Noch immer schnaufte sie, aber nun kam die Wahrnehmung wieder zurück. Haarsträhnen klebten an ihrem verschwitzten Gesicht, noch immer zitterten ihre schmerzenden Beine und in ihren Ohren rauschte das Blut, das von ihrem heftig schlagenden Herz durch ihren Körper gepumpt wurde. Sie schloss die Augen und befahl sich selbst, sich weiter zu beruhigen.
Sie hatte es geschafft.
Sie hatte eine gewaltige Strecke zurückgelegt und er schien nichts bemerkt zu haben. Aber sie musste weiter! Sie durfte sich keine Pause erlauben, keinen Schlaf und kein Ausruhen. Sie musste unbedingt ein Haus erreichen und Hilfe finden.. Alarm schlagen, damit man erfuhr, was hier für ein Wesen lebte. Wie lange er hier wohl schon sein Unwesen trieb?
Ob verschiedene verschwundene Menschen auf sein Konto gingen? Beinahe hätte er sie umgebracht! Plötzlich tauchte in ihr die Frage auf, warum er es nicht getan hatte. Wollte er sie sich zu etwas besonderem aufheben? Sie schauderte. Weiter! Einfach weiter! Renn!

Sie fühlte sich noch nicht fit genug, aber die Angst kehrte zurück und vertrieb die Erschöpfung. Für schmerzende Beine und brennende Lungenflügel gab es jetzt kein Pardon. Mit angestrengtem Ächzen stieß sie sich vom Baum ab und spurtete wieder los.
Nach der Pause kamen ihr ihre Beine doppelt so schwer vor, jeder Schritt fühlte sich schwerfällig an. Aber mit steigendem Tempo kehrte die Automatik zurück. Sie glitt in eine Art Trance, in der sie sich vorwärts trieb, tiefer in den Wald hinein, kopflos und ahnungslos, welche Richtung sie überhaupt einschlug.
Die feinen Härchen in ihrem Nacken sträubten sich. Das plötzliche Gefühl der Gefahr schärfte ihre Wahrnehmung. Sie begann, sich im Lauf umzusehen, ihre Augen suchten zwischen den Bäumen in der Dunkelheit.
Dann setzte ihr Herz für mehrere Schläge aus. Schlagartig blieb sie stehen. Dort stand er, lässig mit den Schultern an einen Baum gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf leicht gesenkt.
Dennoch ruhten seine Augen mit bohrendem, fast strafendem Blick auf ihr. Ein verzweifeltes Ächzen drang aus ihrer Kehle. Hoffnungslosigkeit und Panik kämpften in ihr, mit einem Aufschrei warf sie sich herum, rannte um ihr Leben und wusste doch, dass sie verloren hatte.

Ein Schlag gegen ihre Schulter warf sie durch die Luft. Stöhnend landete sie auf dem nassen Waldboden und rollte herum. Ihre Hand fand einen schweren Ast, schloss sich um ihn und mit verzweifeltem Mut sprang sie hoch.
Ernst stand er vor ihr, weder atemlos noch aufgeregt, völlig ruhig und gelassen. Mit einem Schrei holte sie aus und schlug zu. Sie hatte seine Bewegung nicht gesehen, aber der schwere Ast zersplitterte an seinem schützend gehobenen Unterarm als habe sie einen Stein getroffen.
Seine Hand schoss vor und packte ihren Nacken mit eisernem Griff. Schmerzerfüllt verzog sie das Gesicht.
Die Finger drückten so schmerzhaft in ihre Muskeln, dass sie wimmernd auf die Knie sank. Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung schlang er seine Faust in ihre Haare, umwickelte sie mehrfach und zerrte sie einfach an ihren Schopf hinter sich her.
Stolpernd kam sie hoch. Nur mühsam konnte sie seinem Schritt folgen. Er achtete nicht auf ihr Wimmern und Schluchzen. Wortlos zog er sie mit sich, ohne ersichtlichen Kraftaufwand und mit langen, geschmeidigen Schritten strebte er zurück zu dem Haus. Doch diesmal betrat er es nicht durch den Haupteingang.

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