Sonntag, 18. September 2011

Noctambule II: Neue Freundinnen

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule Band Zwei. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule II

"Deine Hände… letzte Nacht waren sie richtig schrecklich blutig!" Anya nickte langsam. Wäre sie nicht so geschwächt, wären die Verletzungen längst verschwunden. Ihr eigener Heilprozess war massiv verlangsamt.
"Bei mir heilt alles sehr schnell." meinte sie nun gleichgültig, als wäre das nichts Ungewöhnliches. Sie beschloss, dem Mädchen zu vertrauen und ließ ihre Hände los.

"Dein Versteck ist prima. Darf ich ein oder zwei Tage hier bleiben?" fragte sie schließlich mit einem kleinen lächeln. Joscelin überlegte nicht lange, sondern nickte energisch.
"Klar. Hier kommt nie einer her. Hier kann man nichts mehr einlagern." erklärte sie neunmalklug. Anya ließ sich nickend belehren und kämmte sich weiter.
"Das ist lieb von dir. Ich brauche deine Hilfe, weißt du? Niemand darf wissen wo ich bin, sonst findet mich dieser Kerl wieder." Ihr Ton war verschwörerisch und gleichzeitig beschwörend. Es zeigte die erhoffte Wirkung, denn Joscelin nickte sofort wieder.
"Sucht er jetzt auch nach mir?" fragte sie bang. Anya überlegte. Diese Frage hatte sie sich bereits auch schon gestellt. Es war George durchaus zuzutrauen, nach dem Mädchen Ausschau zu halten und sie endgültig auszuschalten. Wenn sie in seine Hände fiele, wäre es ein leichtes für ihn, auch herauszufinden, wo sich Anya versteckte.
"Das ist zu befürchten." meinte sie nun besorgt und ließ ihre Hände nachdenklich sinken.
"Deine Mutter wird sich schon Sorgen machen. Vielleicht sucht sie dich schon." Das Mädchen zuckte gleichgültig mit den Schultern.
"Wenn, dann nur, weil sie das Geld will, das ich heute Nacht verdient habe." Hastig tastete sie nach dem kleinen Geldbeutel, der in ihrem Kleid eingenäht war und lächelte erleichtert, als sie die Münzen klappern hörte. Anyas Gesicht verzog sich mitfühlend.
"Arbeitet denn deine Mutter nicht?" fragte sie vorsichtig nach. Joscelin schüttelte den Kopf und zuckte erneut mit den Schultern.
"Nein, die hockt zuhause herum und passt auf meine kleine Schwester auf. Sie sagt, sie kann nicht arbeiten, weil Susanne noch so klein ist. Manchmal kommen Stammkunden von früher zu ihr. Aber sie versäuft immer alles." erzählte sie gleichgültig und begann, ihre Münzen zu zählen.
Anyas Gesicht verzog sich leicht, als sie das hörte. Sie verstand nicht, wie eine Mutter ihre kleine Tochter als Hure arbeiten lassen konnte. Es machte sie wütend und traurig zugleich.
"Dann willst du also gar nicht nach Hause?" fragte sie ein wenig bang. Wenn sie nun auch noch auf dieses Mädchen aufpassen musste, würde es schwer werden, sich nicht zu verraten. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie sie sich und Joscelin vor George beschützen konnte. Sehnsüchtig dachte sie an Armand und die Sicherheit, die er ihr gegeben hatte.

Sie hätte nicht an ihn denken sollen. Der ganze Kummer brach erneut in ihr aus, sie sehnte sich nach seinen Armen und dem lüsternen Glanz in seinen Augen, nach dem leisen Knurren aus seiner Kehle und den kleinen Zärtlichkeiten, die er ihr gegeben hatte. Um nicht loszuweinen, presste sie ihren Handrücken gegen den Mund und schloss die Augen.
Joscelin war beunruhigt über Anyas Reaktion. Hastig steckte sie die Münzen weg und rutschte neben Anya. Diesmal war sie es, die trösten wollte und streichelte etwas verlegen und ungeschickt Anyas Schultern.
"Ich werde dich nicht stören. Ich kann uns was zu Essen besorgen und ich kenne mich hier echt richtig gut aus!" versicherte sie eifrig. Anya ließ die Hand wieder sinken und atmete einige Male tief durch, bevor sie den Kopf heben und Joscelin ansehen konnte. In ihren Augen glänzte es verräterisch feucht.
"Joscelin, ich kann am Tag nicht hinaus! Ich vertrage das Licht nicht. Ich kann nur nachts hinaus. Und.. ich .. ich will nichts essen." Die Kleine besaß noch die typischen Eigenschaften eines Kindes. Sie akzeptierte die Tatsachen, die Anya soeben verkündet hatte, ohne sie weiter zu hinterfragen, bis auf die Sache mit dem Essen.
"Aber du musst etwas essen! Du bist doch jetzt schon so schrecklich blass!" erklärte sie energisch. "Ich werde jetzt losgehen und von meinem Geld was zu Essen kaufen. Und du gehst nicht weg, ja? Versprichst du mir das?"
Anya musste gegen ihren Willen lächeln und nickte ergeben. Joscelin nahm dieses Nicken sofort an und drückte Anya kurz ermunternd.
"Nicht weglaufen!" verlangte sie noch einmal und stand auf. Anya beobachtete sie, wie sie ihre Röcke zurecht schüttelte und dann vorsichtig eine der beiden Holzlatten verschob, um hinauszuspähen.
Das Sonnenlicht fiel auf das junge, übertrieben geschminkte Gesicht und versetzte Anya einen Stich. Sie würde einiges ändern müssen bei der Kleinen, aber das musste warten. Erst einmal musste sie sich um sich selbst kümmern. Während Joscelin nun die zweite Latte auch verschob und nach draußen verschwand, legte Anya ihre Hand auf ihren Bauch und schloss für eine kleine, innere Zwiesprache die Augen.

Kommentare:

  1. In Joscelin hat Anya wirklich eine gute Freundin gefunden. Die Beiden passen gut aufeinander auf und werden schon gut zurecht kommen.

    Aber warum geht Anya nicht wenigstens einmal bei Armand vorbei. Ach wenn sie nur wüsste, dass sie gesucht wird. Sie könnte sofort wieder den Glanz in Armands augen sehen. Und ich hoffe so sehr, das wird sie auch noch wieder.

    Und George? Ich hoffe, den finden die beiden Bluthunde!! ;D

    Bis dann

    Liebe Grüße
    Joe

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  2. Ich kann es kaum erwarten bis ich morgen früh weiterlesen kann!!....*zähneklapper*

    Ich muss verrückt sein :)

    MFG LuLu

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